Kultur | 22.11.2007

Wortkarg und genial

Text von Tatjana Rüegsegger | Bilder von Sumner Dilworth
Eine Spinne auf einem Ventilator, eine Taube auf dem Schlagzeug, eine schwarz gewandte Muppetshow-Puppe an einem Verstärker und eine schwarzweisse Katze gerollt neben der Spinne. Man sucht nach Indizien, die einem bestätigen, dass die New Yorker Band Interpol tatsächlich im Volkshaus auftreten wird. Denn: Die Band ist so perfekt, dass es sie fast nicht geben kann.
Sie sind Interpol: Carlos, Daniel, der frühere Schlagzeuger Greg und Paul (v.l.n.r.)
Bild: Sumner Dilworth

Ihr letztes Album «Our love to admire« scheint ein Album der Perfektion zu sein. Schon immer hatte die Band den Ruf ernst zu sein und alles bis aufs kleinste Detail auszurechnen. Durch ihre schwarzen Anzügen und ihre ernsten Blicke wirken sie auch ein wenig düster und kalt. Das letzte Album beweist was an ihrem Ruf war ist, wie keine der zwei vorherigen Platten. Kein Ton ist fehl am Platz, es scheint, als ob sie sich mit irgendwelchen Formeln alles ausgerechnet haben und die Instrumente so angeordnet haben, sodass es ja nicht  chaotisch tönt. Einer normalen Band würde man vorwerfen monoton oder flach zu sein, als ob absolute Perfektion langweilig sei.

Doch Interpol ist keine normale Band. Die Energie welche durch ihre Songs übermittelt wird ist selten bei anderen Bands zu spüren und die düstere Seite, entpuppt sich eher als Geheimnisvoll-attraktive Seite, vor allem dank Paul Banks Texte und Stimme.

Es wird dunkel, man sieht nur die acht Beine der Spinne dem Winde des Ventilators nachgehen. Ruhe, und dann vier glührote Pünktchen. Sie verteilen sich auf die Bühne und machen sich an ihre Instrumente heran. Carlos, das Brandzeichen der Band, fummelt an der Spinne herum und schüttelt der Muppetshow Puppe die Hand. Es ist komisch sie auf der Bühne zu sehen. Wenn man Interviews liest meint man immer Carlos sei der Sänger, er sei der mit der tiefen-düsteren Stimme. Es passt auch zu ihm. Aber nein, so ist das nicht. Paul Banks, der Blonde mit dem jungen Gesicht, steht in der Mitte der Bühne, raucht noch seine Zigarette zu ende und greift nach seiner Gitarre mit dem «Nightmare« Kleber.

Ein Interpol Konzert ist eine anspruchsvolle Sache. Paul Banks spielt mit seinen Texten, er spielt mit dem Publikum. Die Texte werden so angeordnet, dass eine Geschichte entsteht. Wenn man ihre Lyrics nur ein wenig kennt, kann man schon sagen was für eine es sein wird: Eine leidenschaftliche Beziehung,  fast zu leidenschaftlich.

Es ertönen die ersten Töne von «Pioneers to the fall« und Paul Banks Stimme wirkt wie diejenige eines Geistes, der einem was Schlechtes ins Ohr flüstert. Doch er beruhigt uns: «We’ll be fine«. Es ist erstaunlich mit welcher Genauigkeit sie ihre Songs präsentieren. Jeder Ton den sie spielen ist derselbe wie auf der Platte und trotzdem kann man sehen, dass es ganz sicher kein Playback ist. 5:42, das ist die Länge des Stückes auf dem Album und es ist keine Sekunde länger auf der Bühne. Sie improvisieren nicht, ausser mit der Stille. Sie kreieren Atmosphären.

Nach diesem schaurigen Anfang gibt’s direkt den zweiten Song «Pace ist the trick«. Ein melancholisch powervolles Lied. Ein Mann der verletzt wurde. Paul Banks der verletzt wurde und sich jemand anders aussucht «Now I select you, slow down and let you«. Nebenan Daniel Kessler an seiner Gitarre, tanzt, als ob irgendein Rock’n’Roll Song laufen würde, mit geschlossenen Augen.  Nach «Who do you think?« das erste Wort des Abends aus Pauls Munde: «Hello!«. Und es geht weiter mit einem ruhigeren Stück: «Wrecking Ball«. Ein langsamer Song und die Geschichte geht weiter: «Nobody told you, that I could just walk through and shake up your style«.

Mit dem Song «Scale« eskaliert es wieder bis zu dem Song «No I in threesome«. Daniel’s Tanzschritte werden Leidenschaftlicher während Pauls Stimme irgendwie Schwächer wird. Im Hintergrund raucht Carlos schon seine fünfte Zigarette und steht ziemlich steif da. «Babe, it’s time we give something new a try, Oh, alone we might fight. So just let us be three tonight-. Er braucht gar nichts zu sagen. Sicher gibt es Leute die sagen Paul Banks kommuniziert nicht mit dem Publikum. «It’s good to be here tonight«. Ein paar Worte nach jedem dritten Song. Doch da ist mehr als was er zu zeigen scheint. «No I in threesome« ist gerade fertig und schon startet der nächste Song: «Mammoth«. Der Titel, wie in einigen Interpol Songs, hat überhaupt keine Bedeutung. Doch sobald Paul zu singen beginnt macht es irgendwie Sinn: «Spare me the suspense«.

Wir werden aus diesem mittelschnellen Lied herausgezogen mit «Slow Hands«. Paul’s Stimme wird stärker sein Blick intensiver. Das Schlagzeug und der Bass pulsieren durch den ganzen Saal. Hier ist der Titel dem Text angemessen. Es ertönen die ersten Töne von «Evil«, doch irgendwie ist das komisch. Dieser Song passt nicht, oder noch nicht in die Geschichte hinein. Evil entpuppt sich dann als das laszive «Rest my chemistry«. Der Titel könnte man auf verschiedene Arten interpretieren, was soll denn die «Chemie« genau sein? Es geht um zwei Sachen: um Kokain und um Liebe. «Tonight I’m gonna rest my chemistry«. Er gibt die Droge auf, wenigstens für eine Nacht. Und jetzt ertönen die ersten Töne des Richtigen «Evil- und diesmal macht es auch Sinn. «Hey wait, great smile, sensitive to fate not, denial, But hey who’s on trial?- Einen Streit. «Do you need another man?« Eifersucht.  «Evil- ist einer der schönsten Interpol Songs aller Zeiten, und Live wirkt dieses Lied noch extremer. Daniel schwebt auf Wolke 165 und scheint mit dem Tanzen nicht aufhören zu wollen. Auch wenn das Lied zu Ende ist.

Das Licht geht aus. Alle verlassen die Bühne bis auf Paul und Daniel. Ein Licht wird auf Daniel gerichtet, der eine leichte Melodie spielt: «Lighthouse«, Gitarre und Stimme. Paul sieht man kaum, er zündet sich eine Zigarette an. Läuft langsam zum Mikrophon und singt die ersten paar Zeilen. Dann nimmt er einen Zug und pustet den Qualm in Kreisen wieder heraus. Eine Atmosphäre, die einem Gänsehaut verpasst. Sie geizen nicht mit der Stille und Stille ist viel wertvoller als alles andere, wenn sie richtig eingesetzt wird. Trotz des langsamen Tempos, fliegt Daniel durch die Bühne, er ist wohl auf einem anderen Planeten gelandet wo die Musik schneller klingt als sie gespielt wird.  «Take you on a cruise« steht als nächstes auf die Liste, und die Band hat das Publikum schon so in der Hand, dass alle mit ihnen verreisen würden. Und wer im Moment noch nicht bereit ist dazu, der wird es nach diesem Song sein. «Lady won’t you try to find me, lady won’t you try to fight me. I see that you’ve come to resist me. Lady there’s no need to fight me-

Es folgen noch «The Heinrich Maneuver- und drei Zugaben, davon «Stella was a diver and she’s always down«. «Thanks for everything! You’re a hot audience! It’s been a pleasure to be here with you tonight!« Das Konzert ist zu ende und man will eigentlich nicht mehr. Alles war ausgerechnet, jedes kleinste Detail beachtet und die Atmosphäre war genial. Es ist nicht weil das Konzert schlecht war, das man nichts mehr davon will. Sondern weil man das Gefühl hat, eine Ewigkeit hier gestanden zu sein und einfach alles perfekt war. Nichts war zu viel und Nichts war zu wenig. Eine Perfektion die man wenigen Bands zurechnen kann. Doch was sollen sie gross dagegen machen, es ist deren Ruf perfekt zu sein.

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