Kultur | 05.11.2007

„Wir beginnen jeden Tag von Neuem“

Tink.ch traf die Hälfte des Quartetts vor ihrer Show im Zürcher Xtra zu einem Gespräch über Glück, Erfolg U2-Sänger Bono und die Wut über die SVP.
Finden ihren Job magisch: Andy und Neil von Travis. Fotos: Nils Pfändler Schlagzeuger Neil Primrose Gitarrist Andy Dunlop

Selbst wer sich nicht zu den eingefleischten Travis-Fans zählt, erkennt die Musik, die den Beginn des Konzerts ankündigt, auf Anhieb. Mit einem Trommelwirbel setzt der Jingle der 20th Century Fox ein, jene unverkennbare Melodie, die unzähligen grossen Filmen vorausgeht. Was dem Publikum im Verlauf des Abends geboten werden soll, könnte man getrost als „grosses Kino“ bezeichnen. Das Lachen der Zuschauer über den gelungenen Einstieg vermischt sich mit einem Raunen, das rasch zu überraschtem Jubel anschwillt. Statt die Bühne des Palais Xtra aus dem Hintergrund zu betreten, bahnen sich Travis ihren Weg durch die Menge, begleitet von begeisterten Zurufen und bulligen Bodyguards. In glänzende, quietschbunte Mäntel gehüllt, imitieren sie eine Gruppe von Boxern, die sich in den Kampf stürzt. Und tatsächlich gelingt es ihnen, diesen augenblicklich für sich zu entscheiden. Mit „Selfish Jean“, einer Auskoppelung aus ihrem neuen Album, gewinnen sie schon zu Beginn die Gunst des Publikums. Dass die vier Schotten jedoch nicht nur grossartige Entertainer, sondern auch richtig sympathisch sind, erwies sich zwei Stunden vor der Show.

Andy Dunlop und Neil Primrose, Gitarrist und Schlagzeuger der Band, haben es sich auf dem Sofa bequem gemacht. Im Obergeschoss des Hotels X-tra verbringen sie die Stunden vor ihrem Auftritt. Zwei Mitglieder ihrer Crew spielen an einer Konsole. Doug Payne beschäftigt sich für einmal nicht mit der Bassgitarre, sondern redet mit einem bezaubernd unverständlichen schottischen Akzent auf sein Handy ein. Frontmann Fran Healy hat sich einen Fussball geschnappt und verschwindet im Flur, um sich mit Kunststücken abzulenken.

Wenn Chris Martin sagt, dass seine Band Coldplay ohne euch nicht existieren würde – bleibt da überhaupt noch ein Kompliment übrig, um das zu toppen?

Andy: Wir kennen Chris und ich bin sicher er bereut mittlerweile, das gesagt zu haben, weil es immer wieder aufgegriffen wird. Ich glaube, das sollte einfach ein Spass sein. Ich meine, Chris hat seine Lieder selbst geschrieben, wir haben ihnen vielleicht einfach ein paar Türen geöffnet. Aber ja, es gab schon ein paar schöne Komplimente, aber es wurden auch schon fürchterliche Dinge über uns gesagt. (lacht)

Neil: Ehrlich gesagt kommen die besten Komplimente von den Fans. Wenn wir ein Konzert spielen und sehen, dass die Leute es geniessen, hat das viel mehr Gewicht, als das was über uns geschrieben wird.

Andy: Das schönste Gefühl ist, wenn jemand dir sagt, dass deine Musik ihm irgendwie geholfen hat, dass sie ihm etwas bedeutet.

Gibt es eine Situation, von der ihr euch wünscht, dass eure Songs da gespielt werden?

Andy: Hochzeiten sind sicher toll, weil sie so einmalig sind. Aber es wurden auch schon Lieder von uns an Begräbnissen gespielt, weil sie dem Verstorbenen so viel bedeuteten. Das ist sehr berührend, weil wir ja genau das wollen.

Habt ihr noch spezielle Ziele für eure Karriere? Leute, mit denen ihr arbeiten möchtet, Orte wo ihr spielen wollt?

Neil: Gerade als Nächstes machen wir was ziemlich Cooles, wir spielen ein paar Konzerte in Südamerika. Die Kultur da ist echt anders, viel weniger heuchlerisch. Die Fans sind viel enthusiastischer, was hier im Westen manchmal etwas fehlt.

Andy: Wir wollen einfach weiterhin Dinge ausprobieren, die spannend sind und uns Freude bereiten. Ich würde gerne mit anderen Leuten arbeiten, es gibt so viele tolle Leute da draussen, oder auch jene, mit denen ich aufgewachsen bin.

Neil: Aber so was lässt sich nicht erzwingen. Alles kommt zu seiner Zeit.

Andy: Ich liebe es einfach, Musik zu machen, Platten aufzunehmen, Konzerte zu spielen – und wir können das jeden Tag tun!

Also bist du glücklich?

Andy: Ja. Sicher.

Neil: Als wir jünger waren, träumten wir davon, dies jeden Tag tun zu dürfen. Und wenn du es dann jeden Tag tust, musst du dir manchmal einen Tritt geben und dir wieder bewusst werden, dass du dieses Ziel erreicht hast.

Erinnert ihr euch an einen bestimmten Moment, in dem ihr gedacht habt „Hoppla, jetzt sind wir echt berühmt“?

Neil: Wir sind einmal alle zusammen durch London gegangen und fühlten uns ziemlich verunsichert, weil alle um uns herum flüsterten. Manche sprachen echt laut, das war dann etwas peinlich für uns und für sie.

Andy: Einmal, da musste uns die Polizei nach einem Konzert einen Weg durch die Menge bahnen, damit wir überhaupt wegkamen. Da dachte ich dann nur noch: Wow, das ist etwa so wie ich mir das vorgestellt habe als ich jung war. Aber ich sage dir, das ist sehr, sehr selten so. Aber ja, zwischendurch hatten wir schon diese Rock’n’roll Momente.

Ich habe auch über euer politisches Engagement gelesen…

Andy: Naja, wir setzen uns halt einfach für Dinge ein, die uns persönlich beschäftigen. Als der Krieg ausbrach, haben wir in Glasgow demonstriert. Da waren die verschiedensten Leute da, jeder war da, Familien, Paare mit Kindern, weil sie versuchten, gehört zu werden. Ich glaube, der persönliche Bezug ist entscheidend, das gilt auch für unsere Songs. Das kann Politik, Liebe, Freundschaft oder alles Mögliche sein. Manche Leute versuchen zu sehr, da etwas zu erzwingen und dann geht es schief.

Dieses Wochenende haben hier in der Schweiz die Wahlen stattgefunden. Das war eine ziemlich grosse Sache…

Andy: Jaja, richtig, diese rechte Partei, die haben gewonnen, nicht wahr? Wie konnte das nur passieren?

Anscheinend sind die Schweizer engstirniger als ich es mir erhofft habe. Auch aus Künstlerkreisen gab es im Vorfeld extrem wenige Reaktionen.

Andy: Die haben Angst, das ist das Problem.

Würdet ihr denn etwas unternehmen?

Neil: Ich glaube, das hat viel mit dem Wohlstand dieses Landes zu tun. Klar, ihr habt auch Probleme mit Armut und so weiter, aber alles in allem ist das ja ein ziemlich komfortabler Ort. Darum tut niemand etwas. Gerade als Künstler ist es wohl besser deinen Mund zu halten, um nichts zu riskieren.

Andy: Aber klar, wenn du hier lebst und es dich betrifft, es dich wütend macht, dann musst du darüber schreiben. Wut ist eine Schlüsselemotion. Ich meine, ich wäre wohl ziemlich wütend gerade. (lacht) Als Journalist oder Musiker bist du in einer Position, in der du zu Wort kommen kannst, das musst du nutzen. Niemand traut sich den ersten Schritt zu machen, doch sobald man dies tut, erkennt man häufig, wie viele Leute hinter einem stehen.

Also glaubt ihr, dass Kunst etwas verändern kann?

Andy: Ja, auf jeden Fall. Sie gibt den Leuten das Gefühl, nicht allein zu sein.

Aber du planst nicht, der nächste Bono zu werden?

Andy: (lacht) Bono macht seine Sache sehr gut. Genauso muss man es machen. Wenn du aufhörst, die Leute zu unterhalten, hören sie auch auf, auf dich zu hören. Die Leute hören nur auf Bono, weil er in einer Band ist. Für die Leute auf der Strasse ist es schwieriger, etwas zu verändern. Das Geld ist nun mal entscheidend.

Wie wichtig ist euch Geld persönlich?

Andy: Es hilft dir, dich wohl zu fühlen, nicht wahr? Aber die Welt dreht sich viel zu stark darum. Früher waren die Leute erfolgreich und bekamen Geld dafür. Heute wird vieles einfach nur produziert, um Geld zu machen. Schau dir mal das Fernsehen an, das ist alles billig und langweilig.

Wie fühlt ihr euch denn, wenn ihr an die Teeniemädchen denkt, die euer Poster an ihre Wand hängen? Stört es euch, Teil eines gewissen Mainstreams zu sein?

Andy: Nein, nein, gar nicht. Ich finde, es hängt von deiner Motivation ab. Wenn du das alles machst, nur um an Geld zu kommen – dann hast du’s versaut. Wir sind hier um Musik zu machen! Wenn sich die Leute dafür interessieren, umso besser.

Neil: Es kommt auch gar nicht so darauf an, ob du in einem riesigen Stadion oder einem kleinen Club auftrittst. Klar, jede Band möchte erfolgreich sein. Aber optimalerweise, wären alle Bands Clubbands und gäben ihr bestes, egal wie gross die Bühne ist.

Wie steht ihr zu den ganzen Sachen, die der Erfolg mit sich bringt, Interviews und so weiter?

Neil: Es kommt darauf an ob die Fragen gut sind! (lacht)

Andy: Ich meine jetzt sitzen wir ja einfach hier und führen eine normale Unterhaltung, aber es gibt schon Momente wo du denkst: „Ach nee, nicht schon wieder.“ Aber man kann auch viel von den Interviews lernen, du hinterfragst dich selbst immer wieder neu.

Was würdet ihr euch denn selbst in einem Interview fragen?

Neil: (lacht) Das ist eine gute Frage.

Andy: Ich würde mich fragen „Warum tust du das, warum bist du in einer Band?“

Und die Antwort?

Weil, wenn du Musik machst, etwas aus dem Nichts erschaffst. Wir sind vier, fünf Leute auf der Bühne und konstruieren jeden Abend dieses Ding, „Travis“, auf der Bühne. Wenn ich Architekt wäre, könnte ich nicht jeden Tag ein Haus bauen. Dann lassen wir es zusammenstürzen und fangen am nächsten Tag von Neuem an. Das macht so unglaublich viel Spass.

Neil: Bei der Musik spielen sich vieles unterbewusst ab. Bei anderen Arbeiten entsteht viel im Kopf und nicht hier (deutet auf den Bauch). Wenn du das dein ganzes Leben macht, kennst du nichts anderes. Aber manchmal stellst du dir vor, dass wenn du einen normalen Job hättest, du in deinem Büro sitzen würdest, Schachteln sortieren und Formulare ausfüllen müsstest. Da benutzt du einen anderen Teil deines Gehirns.

Andy: Es klingt so komisch, aber alles was wir tun, ist die Luft vibrieren zu lassen. Musik ist einfach vibrierende Luft. Das ist so cool! Es ist wie Magie.

Dass dieser Schlussatz mehr war, als eine poetische Formulierung, sollte sich wenige Stunden später herausstellen. Travis schafften es tatsächlich, das Publikum von Anfang bis Ende zu verzaubern. So war die Atmosphäre, die sie erschufen, mindestens so beeindruckend wie die reine musikalische Leistung. Anscheinend erfüllen die vier Jungs alle Klischees, die man den Briten gerne zuschreibt: Ein Gespür für eingängige Melodien und – natürlich – der einzigartige Humor. Zur grossen Freude des Publikums zogen sie sich gegenseitig auf, machten Wortspiele und scheuten sich auch nicht davor, Songtexte spontan abzuändern oder während eines Liedes zu lachen. Den krönenden Abschluss des Abends bildete die Parodie eines 90er-Hits des gefallenen Popengels Britney Spears. Besonders die männlichen Zuschauer schämten sich anfangs sichtlich dafür, den Songtext auswendig zu können – liessen sich dank Frans Charme aber doch noch zu einem lautstarken „Baby one more time“ hinreissen. Kein Wunder: Den Wunsch nach baldiger Wiederholung verspürte an diesem Abend wohl jeder.

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