Gesellschaft | 19.11.2007

„Selbstüberschätzungen sind keine Seltenheit“

Michael Ferreira unterstützt Jugendliche bei der Suche nach einer Lehrstelle. Der Geschäftsführer des Vereins Lehrstellenbörse traf Tink.ch zu einem Gespräch über seinen Beruf und Jugendarbeitslosigkeit.
Sein Büro hat er im Passepartout-ch im bernischen Moosseedorf: Michael Ferreira von der Lehrstellenbörse. Fotos: Lino Schaeren Michael Ferreira im Gespräch mit Tink-Reporter Noah Thoma

Was ist die Lehrstellenbörse und was will sie erreichen?
Die Lehrstellenbörse ist ein gemeinnütziger Verein der die Plattform www.lehrstellenboerse.ch führt. Die Unternehmen haben dort die Möglichkeit, ihre Lehrstellen kostenlos auf der Plattform auszuschreiben. Gleichzeitig können natürlich die Lehrstellensuchenden die Angebote auf dieser Plattform finden.

Worin bestehen die Ziele dieser Plattform?

Das Ziel ist natürlich in erster Linie dass die Jugendlichen wissen, ob eine Lehrstelle auf ihrem Gebiet frei ist oder nicht, und dass sie diese finden können. Wir werden als Knotenpunkt angesehen wo man Kontakte zu den Lehrbetrieben herstellen kann. Es gibt natürlich auch andere Institutionen wie zum Beispiel der Kantonale Lehrstellennachweis. Das Problem ist, dass nicht alle Firmen ihre Lehrstellen dort ausschreiben möchten.

Wer hat euren Verein gegründet?
Die Lehrstellenbörse wurde von Kollegen von mir 2003 an der Universität St. Gallen gegründet. Ich war damals noch nicht mit an Bord. Von den damaligen Mitbegründern sind noch Adrian Locher als Präsident und Philipp Willi als Vizepräsident dabei.

Was muss man tun damit einem von der Lehrstellenbörse geholfen wird?

Wenn man als Firma eine Lehrstelle ausschreiben möchte, muss man natürlich zuerst die Bewilligung haben, das heisst man muss ein lizenzierter Lehrstellenbetrieb sein. Danach kann sich der Anbieter bei mir melden und die Stelle ausschreiben. Wenn er das nicht selber kann, übernimmt die Lehrstellenbörse das für ihn. Als Lehrstellensuchender kann man sich natürlich selber mal durchklicken um zu sehen, was angeboten wird. Man kann sich aber auch bei uns melden und wir versuchen dann so gut als möglich Stellen zu vermitteln.

Welche Lehrstellen werden am häufigsten gesucht?
Es gibt natürlich sehr viele Lehrstellen im Kaufmännischen Bereich, die äusserst beliebt sind. Auch Informatiklehrstellen sind sehr gefragt, wobei da die Qualifikationen der Bewerberinnen und Bewerbern oft ungenügend sind. Selbstüberschätzungen sind leider keine Seltenheit.

Was sollten Jugendliche also tun, die keine Lehrstelle finden?
Das kommt ganz auf die Situation an. Im Juli nächsten Jahres werden die letzten Lehrstellen vergeben für den August 2008. Es gibt also sehr viele Betriebe, die ihre Lehrstellen erst spät auch wirklich vergeben. Trotzdem ist es natürlich wichtig, dass sich die Jugendlichen bewusst sind was für eine Lehrstelle sie machen möchten, die Berufswahl sollte schon lange abgeschlossen sein. Alle Möglichkeiten sollten ausgeschöpft werden, also zum Beispiel unsere Plattform oder die des Kantons oder natürlich auch ein Besuch beim BIZ.

Ist die Lehrstellenbörse gefragt?

Derzeit haben wir rund 1400 Firmen, die ihre Lehrstellen bei uns ausschreiben und etwas über 4000 Lehrstellen. Wenn man bedenkt, dass im Jahr rund 75’000 Lehrstellen vergeben werden ist dies natürlich nur ein kleiner Anteil. Aber immerhin konnten wir in diesem Jahr über dreihundert Lehrstellen vermitteln.

Wollt ihr als Verein noch wachsen?

Wir sind im Moment natürlich erst im Aufbau. Ich habe mit meiner Arbeit im April 2006 begonnen. Damals waren etwa fünfhundert Firmen dabei. Das Ziel muss natürlich sein, immer mehr Firmen für unsere Plattform zu gewinnen, damit auch mehr Lehrstellensuchende davon profitieren können. Ein Ziel besteht auch darin, dass die Lehrstellensuchenden ein Profil auf unserer Plattform erstellen können, wo sie ihre Lebensläufe und Zertifikate aufschalten können.

Man hört in und liest in den Medien oft von einer zu hohen Quote arbeitsloser Jugendlicher. Wie wird sich die Zahl der jungen Arbeitslosen in Zukunft entwickeln?
Eine Studie des Bundesamts für Berufsbildung und Technologie besagt, dass jährlich zwei- bis dreitausend Lehrstellensuchende keine Lehrstelle finden. Ich denke, dass dieser Wert in den nächsten Jahren konstant bleiben wird. Allerdings werden es Berufsfelder wie zum Beispiel Gleisbauer je länger je schwerer haben, ihre Lehrstellen an den Mann oder die Frau zu bringen.

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