Kultur | 29.10.2007

„Wir sind der Pavarotti der Rockmusik“

Tink.ch hatte das Vergnügen, mit Sänger Ola Salo und Leadgitarrist Martin Axén von The Ark über ihre Songs und Schweden zu sprechen.
Ola Salo beim Konzert der Band im Winterthurer Salzhaus. Fotos: Tatjana Rüegsegger So sehen Paradiesvögel aus: Die komplette Band.

Wie ist es für euch hier zu spielen wo ihr nicht wirklich bekannt seid, während ihr in Schweden die grösste Sensation darstellt?
Ola: Es ist, als ob du in einer Zeitmaschine wärst. Mit unserem Besuch in der Schweiz kehren zu jener Zeit zurück, in der wir in Schweden bekannt wurden. Das war 1999. Wir gingen in jedem kleinsten Club und spielten dort unsere Songs für Leute die Musik liebten, Leute die eher Alternativmusik mochten.  Bald darauf hatten wir unseren grossen Durchbruch in Schweden und spielten plötzlich vor tausenden von Leuten. Für uns bedeutete das eine gewisse Einschränkung, weil wir auf der Bühne nicht mehr alles machen konnten, was wir wollten. Ich hatte immer das Gefühl, dass ein kleineres Indie-Publikum viel scharfsinniger und kritischer ist. Mit ihnen kannst du ironische Witze machen und alle wissen was du meinst. Also, ich spiele richtig gerne vor einem kleinen Publikum. Trotzdem: Ich mag den Mix aus kleinen Gigs in der Schweiz und grossen Shows in Schweden.
Eigentlich mag ich den Mix aus diesen kleineren Gigs in anderen Ländern und diese grossen Konzerten in Schweden oder Finnland. Ich denke ich spreche für alle hier, wenn ich sage dass wir beides sehr gerne machen. An kleinen Gigs hast du selbst mehr Spass aber wenn wir nur solche kleine Gigs machen würden, dann würde ich mir Sorgen machen um unsere Karriere.

In der Schweiz müsst ihr das Publikum zuerst richtig überzeugen, oder?

Ola: Ja. Und du kannst dich nicht hinter den Projektoren verstecken. Du bist nicht der grosse Star, auf der grossen Bühne mit einem grossen Abstand zum Publikum. Da bist du maximal ein Meter von deinem Publikum entfernt und sie können jedes Zucken in deinen Augen sehen. Das kann ziemlich erschöpfend sein doch das ist auch der Grund wieso es viel interessanter ist. Du kannst viel subtiler sein. Ich kann etwas sagen und einfach etwas mit meinen Augen machen und dann verstehen alle „Aha, das meinte er nicht wirklich.“ Das könnte ich auf einer grossen Bühne vor 10 000 Leuten nicht machen. Es ist cool, in Schweden und Finnland eine Mainstream-Superstar-Band und in anderen Ländern wie der Schweiz eine interessante aufkommende Underground-Band zu sein.

Euer Manager hat einmal gesagt, wenn ihr nur halb so hübsch, halb so talentiert aber aus Grossbritannien wärt, hättet ihr mehr Erfolg. Denkst du das auch?
Martin: Das stimmt einigermassen. Es ist schon einfacher wenn du aus Amerika oder England kommst. Dafür ist die Konkurrenz dort sicherlich auch grösser. Doch Schweden wird langsam bekannt. Das internationale Interesse an der schwedischen Szene nimmt zu.

Ja das stimmt. Wir kennen hier Mando Diao, The Sounds oder Johnossi.

Ola: Sehr wahrscheinlich gibt es in Albanien eine Band, die doppelt so hübsch und doppelt so talentiert ist wie wir und einfach die Anerkennung, die wir bekommen nicht erhalten. Man muss auch einsehen, dass Schweden einen ziemlich gesicherten Ruf hat, was Pop-Exporte angeht. Sicher nicht so gefestigt wie England oder Amerika, die das Potenzial haben, einen eifersüchtig zu machen, doch wir können schon stolz sein auf unser Land. Schweden hat uns schon vieles gebracht. Aber England hätte uns womöglich schon ein wenig weiter befördert.

Wie erklärt ihr euch denn dass Italien das erste Land war, nach Schweden, welches euch so feierlich empfing? Wo doch normalerweise Frankreich oder England als erstes auf neue Bands aufmerksam werden.
Ola: Wir sind vermutlich das für die Rockmusik, was Pavarotti für die Klassik war. Ich glaube es hat was mit unserer Musik und unseren Bühnenshows zu tun. Diese sind meistens übertrieben, extrovertiert, prunkvoll, maximalistisch und theatralisch. Ich glaube, so mögen die Italiener ihre Künstler. Die Szene, die wir in den 90er Jahren zwischen Nord- und Nordwesteuropa hatten, das ganze introvertierte Radiohead-Ding, wurde in Italien nie gross. Die verstehen das nicht. Die wollen mehr Drama. Das ist ein Grund und der Andere ist, dass wir sehr gute Leute haben die für uns in Italien arbeiten. Die haben uns wirklich unterstützt und. . .
Martin: Die haben uns Fernsehauftritte besorgt.
Ola: Das ist in Italien der Schlüssel zum Erfolg! Die Leute kaufen keine Platten, nein, sie schauen Fern. Wir mussten lauter seltsame Playbackshows machen,
Martin: Oh ja. Wir waren bei vielen verrückten TV-Shows dabei.

Umringt von vielen halbnackten Frauen?

Ola: Ja, Mädels in Bikinis! Ein uralter Mann in einem goldenen Kostüm und öligen Haaren umzingelt von zehn Frauen in Bikini. Und dann, wir, die so tun als ob wir singen würden. Es war surreal. Doch wir hatten eine gute Zeit.
Martin: Wenn du in Schweden eine Show im Fernsehen hast, musst du drei Stunden vorher dort sein. Du musst den Soundcheck machen in der Maske sitzen, es muss alles perfekt sein. In Italien kam eine Minute vor dem Start der Techniker und sagte: „Ciao ciao ciao! Ok, go in“ und dann „go out“.
Ola: 10 000 Zuschauer.     

Eure Songs sind oft sehr tiefgründig. Welcher Song bedeutet dir am meisten?
Ola: Ich denke „It takes a fool to remain sane“ ist eine gute Zusammenfassung meiner Lebensphilosophie. Vor allem damals als ich etwa 22 Jahre alt war, bevor wir berühmt wurden. Ich werde ewig dankbar sein, dass wir es durch diesen Song geschafft haben. Für mich ist das der wichtigste Song den ich je geschrieben habe. Andererseits gibt es Songs, die mich auf der Bühne immer wieder extrem berühren wie „This piece of poetry is meant to do harm“. Für mich und für die Band war es sehr wichtig, das dritte Album „State of the Ark“ herauszubringen, weil wir unseren Ruf als bombastisch-euphorische Band etabliert hatten und alle bewegten sich in die Andere Richtung. Ich glaube das hiess Emo. Naja, wir machten mit unserer Platte einen Schritt in die entgegengesetzte Richtung. Wir hatten einen schrillen „liebt euch alle“ Hintergrund und „This piece of poetry“ war dagegen sehr hart und kalt. Für mich zeigt dieser Song meine Evolution von der Person, die jedem nahe bringt sie sollen sich gegenseitig lieben und „wieso können wir uns nicht einfach umarmen“ zu jener die sagt, dass Gefühle unbedingt echt sein sollten, auch wenn sie weh tun. Die Kombination von „It takes a fool“ und diesem Lied fasst mich als Mensch am besten zusammen.

Was ist denn mit «Father of a Son-? Da singst du über das Recht von homosexuellen Paaren auf Adoption. Schweden hat sich bekanntlich dafür entschieden.

Martin: Ja, das war wegen unserem Song! (lacht)
Ola: Ich wünschte es wäre so! Die Sache ist die, ich habe diesen Song geschrieben und dann gab es eine Abstimmung zum Thema im Herbst 2001. Weil unser Album genau zwei Wochen vor den Abstimmungen herauskam, dachte ich, dieser Song würde der Song zur Wahl werden. Wenn man den Text liest, versteht man, dass er an den Autoritäten adressiert ist. Ich sage ja „you can strike me down, you can legislate and opress and make my life a mess…“. Im Song spreche ich direkt die Politiker an, die dieses Recht unterdrücken.  Zwei Monate vor den Wahlen wurde das Adoptionsrecht plötzlich angenommen. Zwei Monate bevor unser Album und das Lied veröffentlicht wurden, hat sich das schwedische Parlament zusammengetan und einfach gedacht „Ach, Schwule Paare sollten adoptieren können“. Und wir standen einfach da und dachten: „Aber wir haben doch diesen genialen Protestsong geschrieben!“ Wir waren zwei Monate daneben. Trotzdem denke ich, dass dies ein wichtiger Song war. Er öffnete den Horizont einiger Menschen und ermutigte homosexuelle Paare den Schritt der Adoption zu wagen. Denn am Anfang, auch wenn es eigentlich erlaubt war,  wagten es nur wenige wegen dem kulturellen Hintergrund. Viele hatten auch Angst darum was in der Schule passieren würde. Ich habe mit einigen Paaren gesprochen die adoptiert haben, die mir sagten, dass sie dankbar für diesen Song seien, weil er ihnen wirklich geholfen hat, den Schritt zu machen. Die Regierung kann die Gesetze ändern, doch sie kann die Meinung der Leute nicht ändern. Ein Song kann das. Darum finde ich es wichtig, politische Songs zu schreiben.

Eine letzte Frage: Was haltet ihr von Drogen?

Ola: Tatsächlich habe ich auf dieser Tour nichts getrunken. In den 60ern und 70ern experimentierten viele Leute mit Dorgen, ich experimentiere damit sie nicht zu nehmen und keinen Alkohol zu trinken. Das Ergebnis ist echt irre. (lacht) Eigentlich habe ich gestern Wein getrunken, aber das war das erste Mal auf dieser Tour. Es war eine gute Entscheidung nichts zu trinken, ich war weniger Müde und habe besser gesungen.
Martin: Ja das stimmt! Deine Stimme hat sich echt verbessert.
Ola: Naja, vielleicht hat das mehr mit dem Rauchen zu tun.

Du hast auch auf das Rauchen verzichtet?

Ola: Ja. Nur gestern hatte ich eine Zigarette. Das ist immer so, am Ende einer Tour wirst du depressiv. Aber zwei Gläser Wein und eine Zigarette wird man mir wohl noch verzeihen können.    

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