Gesellschaft | 15.10.2007

„Jeder Tag hat seinen eigenen Tiefpunkt“

Text von Lukas Stucki
Viele junge Frauen und Männer haben im Sommer die Rekrutenschule begonnen. Über Grenzerfahrungen, Einsamkeit und darüber, was sie eigentlich genau machen den ganzen Tag, berichten zwei angehende Soldaten.
Der 21-jährige Jürg Amman wird zum Füsilier ausgebildet.

Empfindest du die Ausbildung als hart, eher moderat oder sogar ziemlich locker?

Jürg: Von Zeit zu Zeit ist es sehr hart. Es gibt aber manchmal auch Zeiten in denen ich mich ein wenig ausruhen und es sogar geniessen kann.

Philippe: Ich empfinde die Ausbildung zum Beobachtersoldaten eigentlich als recht moderat.

Musstest du schon an die Grenze deiner Belastbarkeit gehen? Falls ja, wie gehst du damit um?

Jürg: In der ersten Woche hielt ich einmal die Nachtruhe nicht ein. Ich musste deshalb mit dem Kompaniekommandanten 45 Minuten lang Liegestützen machen. Am Ende schwamm ich regelrecht in meinem Schweiss. Aber die Kameraden unterstützen dich in solchen Situationen so gut sie können, und das ist sehr wichtig.

Philippe: Nein, das musste ich bisher zum Glück nicht.

Unmenschlicher Drill und übertriebene Strafaktionen sind scheinbar in manchen Kompanien an der Tagesordnung. Trifft das auf deine Kompanie zu?

Jürg: Ja, es scheint manchen Vertretern des Kaders sogar regelrecht Spass zu machen, uns zu drillen und mitunter auch zu bestrafen.

Philippe: Nein. Wir werden zwar manchmal ein wenig gedrillt, aber es hält sich durchaus in Grenzen. Einmal mussten wir vier Mal in einen Lastwagen ein- und wieder aussteigen, bis dies völlig leise und zudem schnell genug vonstatten ging. Dabei regnete es ausgerechnet zu dieser Zeit in Strömen.

Wie sieht ein Tagesablauf bei euch in der RS in der Regel aus?

Jürg: Um fünf Uhr morgens ist Tagwacht, dann gibt es Frühstück, um sechs Uhr dreissig müssen wir dann auf dem Hauptverlesungsplatz stehen. Von dort aus gehen wir dann jeweils aufs Feld, wo wir Gefechtsübungen machen. Dazu gehören Häuserkampf, Verschiebungen (taktisches Verhalten), oder wir machen Sport und Nahkampfausbildung. Wir werden den ganzen Tag gedrillt, machen sehr viele Liegestützen. Zudem gibt es manchmal auch Theorie, zum Beispiel müssen wir jede Infanteriewaffe kennen lernen.

Philippe: Um Viertel vor sechs müssen wir aufstehen, danach haben wir eine Stunde Zeit zum Frühstücken. Von halb acht bis halb zwölf werden wir dann ausgebildet, bis dreizehn Uhr ist Mittag, worauf ein weiterer Ausbildungsblock folgt, der bis siebzehn Uhr dauert. Nun wird das Material geputzt und in Ordnung gebracht, bevor es um achtzehn Uhr das Abendessen gibt. Um zwanzig Uhr haben wir dann entweder Ausgang, oder noch einmal Ausbildung.

Was waren bis jetzt die Highlights?

Jürg: Die Kameradschaft zu erleben ist sehr schön, zudem machte mir der Gefechtskampf mit den SIM – Anzügen (Infrarotanzüge) Spass. Dann und wann ist auch das Schiessen spannend. Und natürlich der Ausgang und der Urlaub.

Philippe: Als einer von drei Rekruten in meinem Zug habe ich die Zwischenprüfung zum Beobachtersoldaten gleich beim ersten Anlauf bestanden, weshalb ich nun einmal schon am Freitag Abend nach Hause darf. Das war das Schönste bisher.

Und die Tiefpunkte?

Jürg: Jeder Tag hat seinen eigenen Tiefpunkt.

Philippe: Ich habe die Vorgabe beim Wettschiessen nicht erfüllt, und muss das nun einmal nachholen wenn die anderen im Ausgang sind.

Kürzlich starben bei einem Unfall während der RS sechs Soldaten. Wie beurteilst du die Sicherheit der Rekruten in deiner Kompanie?

Jürg: Auf die Sicherheit wird eigentlich ziemlich gut geachtet, es gab aber auch schon Situationen, in denen es fast zu Unfällen gekommen wäre. Letzte Woche liess beispielsweise ein Rekrut sein Gewehr zu Boden fallen, und ein Schuss ging los. Glücklicherweise ging der Schuss nur in den Boden.

Philippe: Auf die Sicherheit wird relativ gut geachtet, es gibt beispielsweise für den Umgang mit dem Sturmgewehr zahlreiche Regeln. Dennoch kann natürlich immer etwas passieren, man ist nie zu hundert Prozent vor Unfällen gefeit.

Wie gehst du damit um, deine Freunde, deine Freundin und die Familie in der Regel nur am Wochenende zu sehen?

Jürg: Ich kann leider ziemlich schlecht damit umgehen, es ist unglaublich schwer. Unter der Woche muss man sich dem Klima des Militärs anpassen, am Wochenende kommt man dann wieder nach Hause, und es ist fast unmöglich, sich umzustellen. Oft mag man am Weekend dann gar nichts machen, weil man so müde ist, obwohl man weiss, dass man die Leute unter der Woche dann wieder vermissen wird.

Philippe: Ich bekomme sehr viel Unterstützung von meiner Familie, deshalb ist es für mich erträglich. Wenn ich am Wochenende nach Hause komme gibt es immer etwas sehr Gutes zu essen und ich werde ein wenig verwöhnt. Ausserdem treffe ich hin und wieder einige Kollegen, mit denen ich über Fussball fachsimpeln, oder mich über alte Zeiten unterhalten kann.

Wie ist das Verhältnis zu den Kameraden in deinem Zug?

Jürg: Es ist sehr wichtig, dass dieses Verhältnis gut ist, damit man etwas hat, das einen Oben hält und einem die Kraft gibt, durchzuhalten. Deshalb muss man einfach hoffen, dass man mit seinen Kameraden gut auskommt. In meiner Kompanie ist das Verhältnis untereinander besser, als ich es mir vorher hätte vorstellen können.

Philippe: Gut bis sehr gut.

Fühlst du dich manchmal einsam, obwohl du von so vielen Leuten umgeben bist?

Jürg: Das kommt jede Woche mindestens einmal vor, da du halt nicht von den vertrauten Leuten, die dich sonst im Leben begleiten, umgeben bist.

Philippe: Nein, eigentlich nicht, man kommt kaum dazu, einsam zu sein.

Was sagst du zum Essen?

Jürg: Es ist nicht schlecht, obschon es zu Beginn der RS besser war. Zumindest essbar ist es jedes Mal.

Philippe: Wir werden sehr gut verpflegt, das Essen schmeckt mir eigentlich immer.

Was wirst du von dem was dir in der RS beigebracht wird im späteren Leben noch brauchen können?

Jürg: Soziales Verhalten, Disziplin, Ordnung zu halten im Leben, nicht sofort aufzugeben, weiterzumachen, auch wenn man keine Kraft mehr hat. Denn an deine Grenzen kommst du ziemlich oft in der Rekrutenschule.

Philippe: Das habe ich mich auch schon oft gefragt. Was man am besten brauchen können wird, ist wohl die Selbstverantwortung, die einem hier beigebracht wird. Man muss hier nämlich so ziemlich alles selber machen. Zudem wird uns viel technisches Wissen vermittelt, da wir die Radare, welche wir bedienen, in- und auswendig kennen müssen.

Wenn du noch mal an der Rekrutierung wärst, würdest du etwas anders machen?

Jürg: Das ist eine gute Frage. Ich kann mir diese Situation momentan gar nicht vorstellen, ich weiss nicht, on ich etwas anders machen würde.

Philippe: Momentan würde ich vermutlich nichts ändern, aber das solltest du mich vielleicht nach der Rekrutenschule noch einmal fragen.

Hast du einen Ratschlag für zukünftige Rekruten?

Jürg: An der Rekrutierung sollte man nicht als Bester auffallen. In der RS ist es relativ wichtig, in den ersten Wochen nicht aufzufallen, damit das Kader deinen Namen nicht kennt. Wenn du nämlich der einzige bist, dessen Namen sie kennen, wirst du immer aufgerufen. Dann sollte man natürlich auf keinen Fall Befehle verweigern, und wenn man etwas ausgefressen hat, sollte man dafür sorgen, dass man sich nicht erwischen lässt. Zudem ist es von Vorteil, sich wirklich gut zu überlegen, ob man die Rekrutenschule machen will oder nicht. Falls man zum Schluss kommt, dass man sie machen will, so sollte man unbedingt einige Kollegen nach ihren Erfahrungen fragen. Man sollte sich ausserdem nicht auf Grund der Propagandaprofile der Armee für eine Funktion entscheiden. Da wird nämlich immer nur eine Seite der Ausbildung gezeigt, das Negative wird weggelassen.

Philippe: Man sollte sich unbedingt einer Funktion zuteilen lassen, die den eigenen Fähigkeiten entspricht. Für das alltägliche Leben in der RS ist es sehr nützlich, beim Marsch zwei paar Socken anzuziehen, da man sonst riskiert, Blasen zu bekommen. Und wie gesagt, der Rückhalt zu Hause ist sehr wichtig, man sollte dafür sorgen, dass man am Wochenende jemanden hat, zu dem man gehen kann.

Zu den Personen


Jürg Amman, der kürzlich 21 – jährig wurde, wird in Hongrin zum Füsilier ausgebildet. Er wohnt in Hinterkappelen BE und machte die Ausbildung zum Kaufmann bei Ernest & Young.

 

Phillippe Ganguillet wird in Payerne zum Beobachtersoldaten ausgebildet. Er bestand diesen Sommer die Matura am Gymnasium Bern – Neufeld als einer der Besten und wohnt in Ittigen.

 

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