Gesellschaft | 15.10.2007

Die äussere Enge

Text von Daniela Dambach | Bilder von Daniela Dambach
Kaum ein Kleidungsstück vermag eine derartige Kontroverse auszulösen: Bisweilen als Modesünde Nummer Eins verschrien, sind die Leggins jetzt aber wieder gern gesehen und gern getragen. Tink.ch liefert nun historische Hintergründe zum Trend.
Eng, aber nicht unbequem: Die Leggins.
Bild: Daniela Dambach

So mancher Modetrend erlebt nach Jahren der Zurückhaltung ein Revival.
Ebenso ergeht es den Leggins. Nach 20 Jahren tauchen sie aus dem Nichts auf, verbreiten sich epidemisch wie eine ansteckende Seuche und sind dieser Tage kaum mehr aus der Modewelt wegzudenken. Schlaghosen und Plateausohlen sind die Modephänomene der 70er, jene der 80er die Leggins. Aus figurfreundlichem elastischen Strechtmaterial und in schrillen Mustern wurden die hautengen Hosen von den Modischsten unter den Modischen getragen – denselben Menschen, welche den Vokuhila, das Netzhemd, die Schweissbänder und die mintfarbige Mantajacke mit Stolz trugen. Die Strampelhosen verkauften sich in den 80ern wegen deren bequemen Passform beim Aerobic, Body Building oder bei Hausarbeiten und einem Ernährungssünden verzeihenden Gummizug besonders gut.

Nordamerikanische Indianer-Beinlinge

Der Begriff Leggins, auch Leggings, kommt aus dem Englischen und bedeutet „Gamasche“. Wer also denkt, die Beinschläuche seien in den 80ern erfunden worden, denkt falsch. Ihren Ursprung haben die Beinkleider – Achtung jetzt kommt es – bei den Indianern Nordamerikas. Die indianische Beinbekleidung bestand aus zwei schützenden ledernen Röhren, welche separat am Leibgürtel befestigt wurden. Diese Gamaschenart war im 18. und 19. Jahrhundert auch bei höfischen Uniformen modisch. Die Vorläufer der Leggins, die Wickelgamaschen, waren in der römischen Antike als „fascia cruralis“ bekannt.

Squaws der Moderne
Die elastischen Beinlinge verdanken ihren Kultstatus den durchtrainierten Idolen der 80er. Stars wie Jane Fonda und Nena sorgten für den Modehype. Was vor 20 Jahren galt, gilt auch noch heute: die Stretchhose steht nur Zeitgenossinnen mit elfenzarten Fesseln und gazellenartigen Beinen. Schliesslich ist vor dem Presswurst-Effekt beim Tragen von Leggins eindringlich zu warnen. Einige Stylingtipps sind beim Tragen der Elastikröhre zu beachten, damit keine unerwünschten Nebenwirkungen auftreten. Leggins sollten, vorzugsweise in dunklen Farben, zu Kurzkleidern, Miniröcken oder übergrossen Pullovern getragen und mit hochhackigen Schuhen kombiniert werden. Keinesfalls zu Turnschuhen, diese sind der Tod für Endlosbeine! Leggins sind zudem nicht als Hosenersatz, sondern als Ergänzung zum Rock gedacht. Ein selbstkritischer Blick in den Spiegel ist ratsam.

Hassliebe
Manche Kritikerin wird nach der ersten Überwindung merken, wie angenehm und vielseitig einsetzbar die Leggins sind und sie kaum mehr entbehren wollen. Für Risiken und Nebenwirkungen kann die Stilberaterin oder die beste Freundin um Rat gefragt werden. Keine Frage, der Legginstrend polarisiert und die Reaktionen reichen von Enthusiasmus bis hin zu blankem Entsetzen. Geschmack hin oder her; die Leggins haben ein fulminantes Comeback geschafft und werden so schnell nicht von der Bildfläche verschwinden. Zweifellos machen die Leggins den Damen wieder Beine. Totgesagte leben eben länger.