Gesellschaft | 03.09.2007

Verschollen im Dschungel

Was führte zum Verschwinden des Regenwaldschützers Bruno Manser? Tink.ch sprach mit J. Rudolf Dietrich, Mitarbeiter des Bruno-Manser-Fonds, und Monika Niederberger, Mansers jüngeren Schwester, über das mysteriöse Verschwinden einer Person, die ihr Leben den Urvölkern dieser Erde widmete.
J. Rudolf Dietrich und Mansers Schwester Monika Niederberger führen die Arbeit von Bruno Manser fort.
Bild: Alexander Debrunner Dagegen kämpfte Manser jahrelang: Die Abholzung des Regenwaldes in Borneo. Bruno Manser Fonds

Im Frühling 2000 brach Bruno Manser ein weiteres Mal in den Urwald von Sarawak auf. Sein Ziel: die Penan, eines der letzten Urwaldvölker im Regenwald von Borneo. Heute gibt es nur noch 10 000 Penan die im malaysischen Bundesstaat Sarawak leben. Doch wie lange noch? Bruno Manser ist von seiner Reise niemals zurückgekehrt, letztes Jahr wurde er für tot erklärt. Was von ihm bleibt, ist ein Fonds und die Erinnerung an einen Menschen, der sich fast sein ganzes Leben lang für ein bedrohtes Volk einsetzte.

Welche Vermutungen haben Sie, was mit Bruno Manser geschehen ist?
J. Rudolf Dietrich und Monika Niederberger: Ruedi Suter stellt in seinem Buch

„Die Stimme des Waldes“ Vermutungen an, wie es gewesen sein könnte. Doch wir wissen es nicht. Es besteht die Möglichkeit, dass Bruno Manser hinterrücks von der Armee oder anderen Kreisen überfallen, getötet oder verschleppt wurde. Er war in Malaysia eine unerwünschte Person. Er hatte viele Freunde aber auch Feinde, vor allem in der Regierung und in der Holzindustrie. Besonders die Regierung hat er mit seinem Fallschirmabsprung vor die Residenz von Chief Minister Taib Mahmud gegen sich aufgebracht. Natürlich ist der Aufenthalt im Regenwald nicht ungefährlich, aber Bruno war ein erfahrener Waldläufer und hat sich während sechs Jahren im Urwald sehr gute Kenntnisse angeeignet. Was einen Unfall natürlich trotzdem nicht ausschliesst, obwohl weder persönliche Gegenstände gefunden wurden oder je ein Lebenszeichen auszumachen war. Wir wollen uns aber nicht auf Spekulationen einlassen.

Wäre es möglich, dass Bruno Manser sich in einem Gefängnis befindet oder einfach im Urwald untergetaucht ist?
Dass er sich im Gefängnis befindet, ist praktisch ausgeschlossen. Es gibt keinen Grund, ihn über Jahre in einem Gefängnis einzusperren, denn das könnte die malaysische Regierung nicht verantworten. Man hätte ihn eher umgebracht, als ihn in einem Gefängnis festzuhalten, es würde nur Unkosten verursachen und er müsste ständig von der Umwelt abgeschottet werden. Aber dies sind nur Spekulationen, denn wir wissen nicht wo und weshalb er in einem Gefängnis sein sollte. Dass Bruno im Urwald untergetaucht sein könnte, ist sehr unwahrscheinlich, denn so wahnsinnig viel Urwald gibt es in Sarawak gar nicht mehr. Die Penan wüssten das, und es ist sehr unwahrscheinlich, dass ihn die Penan verstecken würden, ohne dass wir es wüssten. Auch wenn sie sich zur Verschwiegenheit verpflichtet hätten, würde es irgendwann durchsickern. Es gibt noch die Möglichkeit, dass er sich im Urwald in Kalimantan (indonesischer Teil von Borneo) aufhält, aber es ist sehr unwahrscheinlich. Warum sollte er sich dort aufhalten? Wieso sollte er dies seinen Freunden und vor allem seiner Freundin zumuten?

Was wäre geschehen, wenn Bruno Manser nach seiner Reise im Jahre 2000 einfach zurückgekehrt wäre?
Er hätte in der ersten Jahreshälfte 2000 noch die eine oder andere Aktion in Sarawak machen wollen und hätte uns dies gemeldet. Das ist jedoch nie passiert, was uns beunruhigte. Ansonsten hätte er die Aktionen durchgeführt und wäre höchst wahrscheinlich nach Basel zurückgekehrt. Dort hätte er vielleicht ganz normal eine Familie gegründet, diesen Wunsch hat er jedenfalls einmal geäussert. Bruno hat sich ein halbes Leben lang für ein anderes Volk eingesetzt, laut ihm selbst mit einem Erfolg von unter zehn Prozent. Das hat ihn natürlich frustriert und nachdenklich gemacht. Wenn er zurückgekehrt wäre, hätte sich wieder mehr Zeit für sich genommen, denn die letzten Jahre waren alles andere als einfach für ihn. Er hat sich einer Lebensweise untergeordnet, die ihm eigentlich gar nicht zusagte. Bruno hätte ein Leben in und mit der Natur bevorzugt, um all seine Sinne zu stärken. Stattdessen ist er um die ganze Welt gereist, um auf das Schicksal der Penan und des Regenwaldes hinzuweisen.

Welche Ziele hatte sich Manser für die Zukunft gesetzt und woran arbeitete er vor seinem Verschwinden?
Die Abholzung des Regenwaldes und der Schutz der Urbevölkerung waren sicher seine grössten Sorgen. Schon vor zehn Jahren hat Bruno ein Reservat für die Penan gefordert. Dieses Jahr wurde unter anderem mit der Hilfe des Schweizer Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) der Pulong Tau Nationalpark verwirklicht. Flächenmässig ist er viel kleiner als von Bruno gefordert, aber es ist zumindest ein Anfang. Er wollte etwas für die Penan erreichen, sei es in der Form eines Reservates, eines Holzschlagmoratoriums oder der Anerkennung der Landrechte. Als Ziel seiner Reisen hat er Aktionen gesetzt, welche die Aufmerksamkeit auf die schlechte Lage der Penan richten sollten. Ein anderes grosses Anliegen war natürlich die Deklarationspflicht für Holz und Holzprodukte in der Schweiz. Bruno hat sich 1993 mit einem 60-tägigen Hungerstreik auf dem Bärenplatz in Bern dafür eingesetzt. Leider haben es die Schweizer Politiker bis heute nicht geschafft, diese Deklarationspflicht einzuführen.

Worauf wird der Bruno-Manser-Fonds in Zukunft hinarbeiten?

Es geht uns gut, wir haben mehr Personal denn je und arbeiten an verschiedenen Projekten: Ersten an einem Bildarchiv, um die Tausenden von Fotos, die Bruno Manser oder Freunde gemacht haben, der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Zweitens kartieren die von den verschiedenen Penan-Gemeinschaften beanspruchten Landgebiete. Dabei nehmen wir vor Ort die Grenzpunkte per GPS auf und zeichnen sie auf Karten ein. Wir halten auch die Standorte von Fruchtbäumen oder alter Begräbnisstätten fest. Diese Karten sind notwendig um einen Schutz der Landrechte vor Gericht zu ermöglichen. Die Landrechte der Penan sind zurzeit nicht anerkannt, da bei einem Volk, das zum Teil noch als Jäger und Sammler lebt, nicht so leicht ersichtlich ist wo ihre Nutzungsgebiete sind. Wenn beispielsweise ein Reisfeld vorhanden wäre, könnte man behaupten, es sei schon immer da gewesen und es sei ein Nutzungsgebiet. Unser drittes Projekt ist Folgendes: Der Bruno-Manser-Fonds führt zusammen mit dem WWF und Greenpeace die Aktion „www.urwaldfreundlich.ch“ durch. Dabei wollen wir das öffentliche Beschaffungswesen in den Bereichen Holz und Papier bei Gemeinden, Kantonen und Bund nachhaltiger gestalten. Dank «www.urwaldfreundlich.ch» sind bereits 583 Schweizer Gemeinden dabei, kein Holz aus dem Raubbau zu verwenden und Recyclingpapier einzusetzen. Diese Aktion entwickelt sich weiter und auch andere Länder haben damit angefangen.
Im November letzten Jahres eröffneten wir zusätzlich eine Gesundheitsstation für die Penan in Long Kerong, einem Dorf in Sarawak. Das Projekt wurde von Freunden von Bruno Manser gesponsert, um die Gesundheitsversorgung der Penan zu verbessern. Da der Stamm von der Regierung als „fremd“ betrachtet wird, unterstützt die Regierung weder deren Infrastruktur noch die Gesundheitsfürsorge.

Wie geht es den Penan und dem Urwald in Sarawak heute?
Schlecht. Laut den letzten Meldungen ist der tatsächliche Regenwaldbestand in Malaysia auf unter zehn Prozent gefallen, es gibt kein grosses zusammenhängendes Waldgebiet mehr. Die Holzfirmen dringen in immer weiter entfernte Gebiete ein, da die Bereiche im Tiefland bereits nahezu ausgebeutet sind. Das Abholzen hat nicht nur auf die Penan Auswirkungen, sondern auf unser gesamtes Weltklima. Dass der Regenwald das grösste Ökosystem der Welt ist und mit der Abholzung tausende Lebewesen verschwinden, ist traurig. Auch für die Penan wird das Überleben immer schwieriger. Es gibt sicher Weltgegenden wo es den indigenen Völkern noch wesentlich schlechter geht, solange jedoch die Penan sich gegen den Holzschlag und gegen die von der Regierung geforderte Entwicklung wehren, werden sie vernachlässigt und müssen selber für ihr Wohl schauen. Um nomadisch zu leben sind ihre Gebiete zu klein, das Wasser ist verschmutzt, das Wild verjagt, die Frucht- und Sagopalmen sind gefällt. Dieses Dilemma entzweit die Penan. Viele Jüngere möchten ihr Leben verändern und lassen sich in sogenannten „Longhouses“ nieder. Diese Langhäuser sind die traditionellen Sippenhäuser in Indonesien und Malaysia. Die nomadisch lebenden Penan lebten bisher nicht in Langhäusern sondern im Tropenwald. Erst seit sie zur Sesshaftigkeit gezwungen werden, kopieren sie diese. Nun müssen sie lernen, wie man Reis und Maniok anbaut. Früher oder später wird die Penan-Kultur nur noch Geschichte sein, die man in Brunos Mansers Tagebüchern nachlesen kann.

Hatte die Arbeit von Bruno Manser Erfolg, oder wird noch immer gleich viel Tropenholz abgebaut?
Dank Bruno Manser wurde die Problematik rund um die Penan und des Regenwaldes überhaupt bekannt. Er hat eine grosse Öffentlichkeitsarbeit geleistet und die Leute sensibilisiert, kein Tropenholz mehr zu verwenden. Anfang der 90er Jahre ist es Bruno gelungen, die Aufmerksamkeit der Welt auf das Schicksal der Penan und des Regenwaldes zu richten. Zurzeit ist das Thema nicht mehr so aktuell, abgeholzt wird noch immer jeden Tag. Die malayischen Holzfällerfirmen müssen nun illegal Tropenholz aus Indonesien, Zentralafrika, im Amazonasgebiet oder in Sibirien beschaffen.

Info: Bruno Manser


Bruno Manser wurde 1954 in Basel geboren und galt als einer der unermüdlichsten und glaubwürdigsten Kämpfer für die Erhaltung der weltweit bedrohten tropischen Urwälder. Er engagierte sich besonders für die Rechte des im Urwald von Borneo lebenden Volkes der Penan, mit dem er von 1984 bis 1990 lebte. Im März 2005 wurde er vom Zivilgericht Basel-Stadt für verschollen erklärt. Für sein politisches Engagement wurde Manser mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Menschenrechtspreis 2001 der Schweizer Sektion der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte.

Literatur: Ruedi Suter: Bruno Manser; Die Stimme des Waldes, Zytglogge Verlag, Oberhofen am Thunersee 2005.

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