Sport | 10.09.2007

Schwerelos aus Überzeugung

Text von Noah Thoma
Parkour- eine geheimnisvolle Sportart, die kaum einer kennt und noch Wenigere betreiben. Tink.ch hat sich zwischen Industriehallen und Häuserwänden auf Spurensuche begeben.
Für Beginner nicht zur Nachahmung empfohlen: Das Überwinden von grossen Hindernissen mit Parkour. Fotos: Noah Thoma

Wer sich unter dem Namen Parkour nichts vorstellen kann, und keine Ahnung hat, ob es sich um das neueste Album von Madonna handelt oder das erklärte Leibgericht von Bundesrat Schmid, gehört zweifelsfrei zur grossen Mehrheit der schweizerischen Bevölkerung. Auch in unserer Eidgenossenschaft gibt es aber ein paar wenige Wagemutige, die diesen Sport betreiben. Was gefährlich und dennoch leicht aussieht, ist gut durchdacht und oft geübt. Nachahmung ohne Vorkenntnisse ist nicht zu empfehlen.


Vom Spiel eines Jungen zur Sportkunst

Es ist David Belles Schuld, dass wir heute noch atemberaubende Hindernisläufe unter dem Namen Parkour bestaunen dürfen. Von seinem Vater lernte der 34-jährige Franzose die „Méthode Naturelle“, die Kunst der Bewegung durch die Landschaft mit ihren natürlichen Hindernissen, im Einklang mit Natur und Umwelt. Ende der 80er Jahre verwandelte er die spielerische Verfolgungsjagd in spektakuläre Akrobatik. Aus den spielerischen Verfolgungsjagden der Kinder über Treppengeländer, Tischplatten und Bänke entand durch Einbeziehung immer schwierigerer Hindernisse wie Mauern, Zäune und Gebäudefassaden der Parkour. Was vor vielen Jahren in Angst und unter dem Namen der Flucht betrieben wurde, nennt sich heute Parkour und verhilft den sogenannten Traceuren zu einem kurzen Ritt in die Freiheit der Schwerelosigkeit.

Tanz mit dem Hindernis

Eine der Hauptideen von Parkour ist es, Hindernisse zu überwinden, anstatt sie zu umgehen. Die Kunst besteht darin, sich richtig einzuschätzen und nur erfüllbare Wagnisse einzugehen. Obwohl Parkour als spektakulär und cool empfunden wird, geht es den Traceuren nicht darum, sich vor dem Publikum zu profilieren und mit spektakulären Stunts zu beeindrucken. Die Betreiber und Beherrscher dieser Kunst vermitteln eine stille Aussage zum urbanen Raum. Parkour kann auch als künstlerisch kreative Demonstration gegenden Verlust der öffentlichen Plätze verstanden werden. Anders als zum Beispiel beim Skateboarding ist ein Lauf ohne Veränderung der Gegebenheiten zu bewältigen. Hindernisse werden weder gebaut noch verschoben. Entgegen vieler Behauptungen geht es vorwiegend darum, schnellst möglich Strecken mit Hindernissen zu überwinden. Effizienz und Geschwindigkeit stehen seit der Geburtsstunde im Vordergrund. Einen alten Ursprung dieser Sportart findet man bei Französischen Soldaten, die auf der Flucht durch Städte rannten.

Kommerzialisierung durch 007 und Nike

Da Parkour mit seiner Schnelligkeit einen hohen Unterhaltungswert garantiert, sind die kommerziellen Abnehmer nicht weit. Ob im James Bond-Film „Casino Royale“ oder in der Fernsehwerbung vom US-Miliardenkonzern Nike, Parkour-Akrobaten tauchen immer öfter in der Medienwelt auf. Schade nur, dass kaum ein Zuschauer realisiert, dass das Gezeigte einer real betriebenen Sportart entspricht. James Bond und Nike glänzen mit atemberaubenden Verfolgungsjagden in schroffen Stadtvierteln, ernten Begeisterung und ziemlich viel Geld. Parkour hingegen bleibt von der breiten Öffentlichkeit unerkannt im Schatten von alten Hochhäusern und verlassenen Industriegebäuden. Aufgrund der geringen Wettbewerbsfähigkeit wird dies wohl auch für immer so bleiben. So bleiben das Geld und die Anerkennung bei 007 und Nike.


Abheben ohne den Bodenkontakt zu verlieren

Parkour ist nicht die Welt von grossen Tönen, spärlich bekleideten Mädchen und aufdringlich polierten Luxuschlitten. Sucht man den Kontakt mit einem der weltbesten Traceure, spricht man mit einem Menschen weit ab von Allüren. Parkour ist eine der letzten Sportarten, die den besten Betreibern und Gestaltern nicht zu Berühmtheit verhilft. Wer sich für die Bewegungskunst Parkour interessiert und sich gerne als Traceur versuchen würde, dem stehen auch in der Schweiz einige Möglichkeiten offen. Es empfiehlt sich nicht, seine Grenzen auf eigene Faust auszuloten, denn die Schwerkraft könnte stärker sein als den menschlichen Knochen lieb ist. Trotz hohen Sprüngen und fetten Runs, die Philosophie von Parkour wird auch in Zukunft nicht liegen bleiben.

Info:


Der Verein Parkour-Schweiz bietet als einzige Vereinigung in der Schweiz für die Regionen Basel und Bern professionelle Trainings an, sowohl für Anfänger als auch für Fortgeschrittene. Mehr dazu unter: www.parkour.ch

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