Kultur | 10.09.2007

Nachbarschaftskriege

Text von Rick Noack
Die deutsche Hauptstadt Berlin brilliert mit Armut, Potsdam zieht derweil Filmstars und andere Grossverdiener an. Doch wo lebt es sich besser?Ein Tink.ch-Reporter hat beide Städte besucht.
Das Sony-Center am Potsdamer Platz in Berlin Mitte ist eines der wichtigsten Gebäude der Stadt und zieht viele Touristen an. Fotos: Rick Noack Auch das bieten die Strände an der Berliner Spree. Egal, ob man nun nach Berlin oder Potsdam reist: Gutgehen lassen kann man es sich überall.

Es wäre okay im deutschen Potsdam zu leben, sagt eine junge Frau. Lange ist sie noch nicht hier. Erst vor einem Monat zog sie in die Stadt. Mittlerweile hat sie einen Freund gefunden: „Das war bisher das Schönste, was ich in Potsdam erlebt habe.“ Sie sagt, sie lebe in einem Viertel mit vielen Arbeitslosen. Potsdam ist die Hauptstadt des deutschen Bundeslandes Brandenburg und einer Studie zufolge die Stadt, mit der wenigsten Umweltverschmutzung in Deutschland. Sie liegt direkt neben Berlin. „Von den Berlinern halte ich nicht viel. Die sind viel zu arrogant“, sagt die junge Frau.
 
Die Ruhe der Baufahrzeuge
Potsdam ist vor allem wegen seines Filmparks in dem Viertel Babelsberg berühmt. Aus ganz Deutschland reisen Menschen an, um Filmgeschichte hautnah zu erleben. Denn Potsdam ist eine Filmstadt. Jede Woche wird hier an neuen Produktionen gearbeitet. Vielleicht ist das der Grund, warum Angelina Jolie und Brad Pitt nach Potsdam ziehen wollen. Die wollten sich angeblich endlich von dem Medienrummel erholen – und haben dafür diese Stadt auserkoren. Die Ruhe fänden sie toll, heißt es. Morgens, wenn die Baufahrzeuge anfangen, gleich mehrere Häuser in der Umgebung zu bauen, merkt man davon wenig.

„Arm, aber sexy“
Von Potsdam aus kommt man in nur wenigen Minuten mit dem Zug nach Berlin. Und dort, in der deutschen Hauptstadt, geht es sehr viel farbiger zu. Berlin ist multikulturell. Nur wenige Einwohner sind tatsächlich Berliner, denn viele sind zugezogen. So gibt es etwa ein Radio Multikulti, welches von Menschen mit den unterschiedlichsten Nationalitäten gemacht wird. Obwohl in Fernsehberichten über die Hauptstadt oft Bilder von heruntergekommenen Menschen, verfallenen Häusern und verkommenen Vierteln gezeigt werden, ist Berlin kein trauriger Ort. Im Gegenteil, es blüht auf. Wo vor wenigen Jahren noch die Mauer Ost- und Westdeutschland trennte, stehen nun neue Häuser. Geld hat Berlin allerdings wirklich keines. Als „Arm aber sexy“, hat Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit die Stadt einmal beschrieben. Das heimliche Aushängeschild von Berlin scheinen die Graffitis zu sein. Die bunten Zeichnungen kleben an vielen Hauswänden. Mit Kunst hat das nicht mehr viel zu tun.

Dass in Berlin Vieles schneller geht als im Rest der Welt, kann man sogar an einer gewöhnlichen Schuleinführung sehen. Während die Eltern und Großeltern der zukünftigen Erstklässler in gemäßigtem Tempo über die Straße zur Grundschule schreiten, kommt ein Motorrad angebraust. Heraus springt ein Kind mit Irokesen-Haarschnitt. Seine Zuckertüten erhält er in einem Rocker-Outfit. Ganz normal in dieser Stadt.

Links