Gesellschaft | 20.09.2007

Es mangelt an fairem Handel

Text von Sandro La Marca | Bilder von Lena Tichy
Nestlé gerät aufgrund der Initiative Nescafair wieder mal negativ in die Schlagzeilen, obwohl das Unternehmen seit Neustem sein Engagement im Fairtrade beteuert.
Wieviel Fairness steckt wohl hier drin?
Bild: Lena Tichy

Im Zentrum von Nescafair steht ein schwerer Vorwurf. Die beiden Gymnasiasten Sandra Ujpétery und Severin Meier, die das Projekt iniitierten, werfen Nestlé nicht nur das gänzlich fehlende Interesse am fairen Handel vor, sondern kritisieren auch die arrogante Haltung des Lebensmittel-Herstellers, der die Verantwortung für mehr Gerechtigkeit und verbesserte und menschlichere Handelsbedingungen an seine Konsumenten abschiebt. Natürlich liegt es teilweise am Konsumenten zu entscheiden, ob er das billiger gehandelte Produkt oder das teurere Fairtrade-Produkt erwirbt. Doch muss zweifellos der Anbieter – in diesem Fall Nestlé – den ersten Schritt machen, in dem er auch Fairtrade-Produkte anbietet.
Mit dieser Forderung gewannen Severin und Sandra vor zwei Jahren den zweiten Platz beim Young Caritas Award. Am Ziel sind sie deswegen aber noch lange nicht: „4000 Konsumentinnen und Konsumenten haben unsere Petition für fairen Handel bei Nestlé unterzeichnet. Nestlé weigert sich, die Unterschriften öffentlich entgegenzunehmen.“ heisst es auf der Homepage von Nescafair.

„Mogelverpackungen“ fliegen auf
Das für seine nicht gerade umweltfreundliche Politik bekannte Unternehmen hatte erst kürzlich für negative Schlagzeilen gesorgt, als die Cailler-Schokoloade mit einer extravaganten PET-Verpackung auf den Markt kam. Diese stiess sowohl bei einem grossteil der Konsumenten als auch beim Schweizer Detailhandelsunternehmen Denner auf Protest. Mit Erfolg. Nestle liess nach einem monatelang anhaltenden Streit die Produktion der aufwändigen Verpackung einstellen. Wichtigster Kritikpunkt an der Verpackung war neben der geringeren Umweltfreundlichkeit ein für Denner „ungerechtfertigter“ Preisaufschlag, den der Billighändler nicht auf seine Konsumenten abwälzen wollte.

An diesem Beispiel lässt sich gut zeigen, dass Umweltfreundlichkeit sehr wohl in Zusammenhang mit den Kundeninteressen stehen kann, obwohl den Konsumenten in diesem Fall Umweltfreundlichkeit in Form der klassischen Alu-Papier-Verpackung billiger zu stehen kommt als die teurere PET-Variation. Es geht im Grunde genommen darum, zu entscheiden, wofür man als Kunde sein Geld ausgeben will. Das Problem welches dabei so vielen Verbraucherorganisationen Kopfzerbrechen bereitet, ist, dass man als Kunde nicht wirklich weiss, was man denn eigentlich kauft. So glaubt man zwar, gute Schokolade zu erwerben, bekommt aber im Falle der Nestlé Pet-Verpackung gleichzeitig einen Abfallberg. Genau diese fehlende Transparenz will die Aktion Nescafair bekämpfen, jedoch im Bereich der Kaffeeproduktion. Im Unterschied zu überflüssigem Verpackungsmaterial geht es da um faire Preise für jene, die den Kaffee anbauen und ernten und eine strengere Kontrolle jener, die ihn auf dem Weltmarkt weiterverkaufen. Nescafair will verhindern, dass sich Zwischenhändler und Global Players wie Nestlé weiter bereichern können, während zahlreiche Staaten in Lateinamerika und Afrika immer weniger vom Kaffeeanbau profitieren.
 
Fairtrade-Engagement oder reine PR?
Das 1866 in der kleinen Gemeinde Cham im Kanton Zug mitbegründete Unternehmen, das früher noch „Anglo-Swiss Condensed Milk Company“ hiess, konnte seinen Umsatz in den vergangenen 140 Jahren auf rund 80 Milliarden US-Dollar steigern. Damit platziert sich der Global Player bei einer Studie des Fortune, dem ältesten Wirtschaftsmagazin der USA, auf Platz 56 der 100 umsatzstärksten Unternehmen der Welt. Erst im vergangenen Jahr hat Nestlé begonnen, Fair gehandelte Produkte in sein Sortiment aufzunehmen. Bei der dazugehörigen PR-Kampagne setzt  Nestlé klare Akzente. Im Zentrum der neu lancierten Marke „Nescafé Partners‘ Blend“ steht laut Nestlé die Unterstützung der durch sinkende Kaffeepreise in den finanziellen und nicht selten familiären Ruin getriebenen Kleinbauern. Was Nestlé wie viele andere Unternehmen verschweigt, ist, dass dies die Folgen des von ihnen üblicherweise betriebenen Handels sind. Und wahrscheinlich wird auch dieses Engagement nicht verhindern können, dass Millionen von Kleinbauern jegliche Existenzgrundlage verlieren, weil ihre kleine Produktion nicht mit den riesigen Kaffee-Monokulturen mithalten kann, die üblicherweise für Produkte wie Nescafé angepflanzt werden.

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