Ein Gefühl fürs Blech

Bereits ausserhalb des Messegeländes BEA Expo ist der Klang einiger Motoren, die an ihre technischen Grenzen getrieben werden, zu hören. Nachdem man bereits einige Schritte nach der Kasse von leichtbekleideten Schönheiten angelächelt wird, bekommt man auf einem zentralen Platz zwischen den Ausstellungshallen ein Vorgeschmack auf die Attraktionen in den Hallen: Zwischen den ausgestellten Fahrzeugen einiger Besucher und den vielen Leuten entdeckt man die erste Darbietung: Sexy Carwash. Zwei in Reizwäsche gekleidete Damen räkeln ihren perfekt geformten Körper über die Motorhaube eines Boliden, um das teuere Metall noch mehr zu polieren.  


Der ganze Stolz

Trotz dem hohen Stellenwert der weiblichen Reize zeigt sich beim Eintritt in die Ausstellungshallen,  dass es hier die Autos sind, die die Herzen der Männer höher schlagen lassen. Den privaten Ausstellern wird hier die Gelegenheit gegeben, ihren ganzen Stolz zu präsentieren. Dass Glitzern in den Augen der Tuningprofis verrät, dass das eigene Auto das Schönste von allen ist. Die Unterschiedlichkeit jedes Wagens bestätigt, dass der ursprünglich handelsübliche PKW durch jede massgeschneiderte Kleinigkeit zu einem glänzenden Unikat gemacht werden kann. Dennoch sind klassische Tuningelemente wie das “Tieferlegen”, eine gute Musikanlage oder getönte Scheiben kaum wegzudenken.  


Eingebaute Nebelmaschinen

In der Kategorie der Amateure fällt auf, dass der Wagen besonders durch optische Finessen aufgewertet wird. Bereits in der Motorhaube sind auf einzelnen Oberflächen kleine Kunstmalereien angebracht. Die Formen im Innenraum werden betont durch eine exakte Anordnung blauer Diodenlämpchen. Das Design der Soundanlage und das äussere Erscheinungsbild werden selbstverständlich auf einander abgestimmt. Die Bedeutung der integrierten Bar wird durch eine Nebelmaschine im Rauminnern unterstrichen. Und die kleine Maus die frech vom Tankdeckel grinst, rundet die Philosophie des Fahrzeuges ab. Die Arbeit, die in so einem Werk steckt, ist wohl nicht messbar. Was das Finanzielle betrifft, so kann man sagen, dass die Schätzung der Summen für die meisten Autos auf dem Platz nicht unter 60’000 Franken exklusive Fahrzeugkauf anzusetzen sind.

Porsches aus Russland
Ähnliche Verhältnisse gelten für 30 professionell getunte Autos, die sich durch das Jahr hindurch an verschiedenen Anlässen beweisen können und an der Messe in Bern den “Auto Emotionen Award” gewinnen können. Neben der Optik ist natürlich vor allem die Technik massgebend. Ein weiterer wichtiger Preis, der an der dreitägigen Messe vergeben wird, ist die Auszeichnung der Emma – european mobile media association. An dieser Schweizermeisterschaft wird das Schwergewicht auf die korrekt eingebaute, beste HiFi- oder Multimediaanlage gelegt. Mit dem Emma-Award in der Tasche kann der stolze Besitzer an der Europameisterschaft in Dänemark teilnehmen. Noch gilt jedoch die Schweizer Szene nicht als die Fortgeschrittenste. Profis aus dem Ostblock, insbesondere aus Russland, welche umgerechnet bis zu 140 000 Franken nur schon allein in die Anlage stecken (in ein Fahrzeug der Marke Porsche), machen im internationalen Vergleich das Rennen. In der Schweiz werden Anlagen im Wert von etwa 25 000 bis 30 000 Franken verbaut.

Das Auto macht den DJ

Für Personen, die sich auch ausserhalb solcher Messen mit Gleichgesinnten messen oder austauschen wollen, gibts Tuningclubs. Für solche Vereine gibts an der Auto Emotionen eine eigene Halle – die Club Arena. Während die hier ausgestellten Schlitten nicht direkt bewertet werden, dienen sie als Dekoration für den Stand des Clubs. Denn hier wird diese Repräsentation bewertet und schliesslich gekürt. Die technische Messe wird am Freitag- und Samstagabend durch eine Party abgerundet, wobei das Autotuning natürlich nicht vernachlässigt werden darf: Ein Mobil, welches mit einer kompletten DJ-Analge ausgestattet wurde, fährt auf und lässt den Tanzkünsten freien Lauf. 

Auch wenn die Tuningfreaks bewiesen haben, dass die gestylten Kraftfahrzeuge während diesen Tagen absoluten Vorrang hatten, so dürfen die bereits erwähnten Frauen halt doch nicht fehlen. Als weiteres Highlight neben den zu gewinnenden Preisen gilt die Wahl der “Miss Auto Emotionen” – typisch Männer, oder?!

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Der Tag danach

Es schlug gerade viertel nach elf, als Christoph Musy, Projektleiter der Jugendsession mit seiner Einführung in die Medienkonferenz begann. Auf dem Podium hatten fünf Verantwortliche der Jugendsession Platz genommen. Das harte und lange Wochenende schien an niemandem spurlos vorbeigegangen zu sein, soviel stand bereits bei der nüchternen Betrachtung aus rund zwanzig Metern Entfernung fest. Dies darf aufgrund des dichten Programms der 16. Jugendsession allerdings auch nicht verwundern. Für die französischsprachigen Jungpolitiker sprach zuerst Pauline Girardier vom Organisationskommitte

Positive Rücklicke, zuversichtliche Ausblicke
OK-Präsidentin Salome Hofer griff dann sichtlich erfreut einige Highlights der diesjährigen Jugendsession auf. Einer der angesprochenen Lichtblicke stellte zweifellos die SMS-Aktion dar. Jedermann und Jederfrau steht noch bis zum 21. Oktober die Möglichkeit offen, sich mit einem Weltverbesserungsvorschlag zu melden. Die sechzehn besten Einsendungen werden dem neuen Parlament vorgelegt werden. Dass der Bundesplatz und Pascal Couchepin der Jugendsession 2007 zur Verfügung standen, geniesst für Salome Hofer Symbolcharakter: “Die Stimme der Jugend soll nicht hinter verschlossenen Türen erklingen. Der diesjährigen Jugendsession ist es nun gelungen, diese Brücke zwischen Bundeshaus und Öffentlichkeit zu schlagen, indem sie stark auf dem Bundesplatz präsent war. Interessante Dialoge entstanden überall, ob in organisierten Debatten oder Gesprächen mit Passanten auf offener Strasse.”

Breites Themenband
Seine Müdigkeit konnte auch Rolf Heuberger vom Forum Jugendsession nur schlecht vertuschen. Was er jedoch erfolgreich in Erinnerung rufen konnte, war die breite Themenauswahl. Von Formel 1 bis zum Stimmrecht 16 wurden diverse Themen debattiert, in prägnanten Diskussionen Lösungswege gesucht. Erfreulicherweise konnten auch erste Resultate präsentiert werden, Statements und Petitionen, welche nun hoffentlich ihren Weg ins Parlament finden. Nicht zuletzt fordert die Jugendsession den Bundesrat dazu auf, gegen die Jugendgewalt präventive statt repressive Massnahmen einzusetzen. Wie die Pressekonferenz begann, so hörte sie auch auf. Christoph Musy bedankte sich für das Erscheinen und wünschte viel Spass bei der anstehenden Wahldebatte, die – wo auch sonst – auf dem Bundesplatz stattfand.

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Selektion vor der Session

Rund 350 Anmeldungen erreichten dieses Jahr das Sekretariat der Jugendsession. “Eine sehr hohe Zahl im Vergleich zu den letzten Jahren”, wie Geo Taglioni weiss. Der Rekord aber liege bei rund 500 Anmeldungen, aufgestellt in den 90er-Jahren. Die Zahlen der Jahre dazwischen liegen deutlich tiefer. Es ist die Zeit der regionalen Jugendsessionen, die mittlerweile aber wieder abgeschafft wurden.


Grosse Resonanz

Zum erneuten Anstieg der Teilnehmerzahlen habe, so Geo, die neue Form der Jugendsession sowie die letztjährige Jubiläumsausgabe in Laax beigetragen: “Sie hat ein grosses Echo hinterlassen.” Ausserdem sei die Werbekampagne dieses Jahr professioneller gewesen, und das allgemeine Interesse an der Politik wegen der kommenden Wahlen hoch. Geo freut sich über die grosse Resonanz: “Je mehr Leute sich anmelden, desto mehr Gewicht und Glaubwürdigkeit verleiht das der Jugendsession. Wir können damit zeigen, wie stark wir in der Gesellschaft abgestützt sind.”


Das Kriterienmuster

Wie viele junge Politikinteressierte sich auch immer anmelden, 200 davon werden effektiv an die Eidgenössische Jugendsession eingeladen. Diese Auswahl wird aber nicht etwa per Los ermittelt – es liegt ihr eine mehrstufige Selektion zu Grunde. Diese nimmt die Projektleitung vor, Christoph Musy, Marjory Winkler und Geo Taglioni als momentaner Zivildienstleistender. Letzterer erklärt die Kriterien: “Zuerst einmal werden die im Vorjahr Abgelehnten berücksichtigt, dann teilen wir die Plätze entsprechend der Sitzzahl der Kantone im Parlament zu und schliesslich achten wir noch darauf, dass die Geschlechter gleichmässig vertreten sind, dass es Leute aus allen Altersgruppen hat und dass auch das Verhältnis von Studenten, Schülern und Lehrlingen ausgeglichen ist.”

Absage per Brief

Danach bleiben die Überzähligen, dieses Jahr rund 150 Jugendliche. Die Absage werde ihnen per Briefpost mitgeteilt, erklärt Geo. Sie beinhalte nebst einer Begründung auch Infotipps zu weiteren Möglichkeiten des politischen und gesellschaftlichen Engagements. “Wir verweisen zum Beispiel auf die kleinen Jugendsessionen, die ab diesem Winter jeweils vor den Sessionen des Nationalrats stattfinden – drei mal im Jahr.” Zuletzt bleibt den Abgelehnten der Trost, im nächsten Jahr bevorzugt zu werden.  

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“Ich habe viel gelernt”

Dies ist deine letzte Jugendsession als Präsident des Forums. Weshalb hast du dich für den Rücktritt entschieden?
Aus Zeitgründen. Einerseits mache ich die Ausbildung zum Berufshelikopterpilot, die mich sehr beansprucht. Andererseits engagiere ich mich für die Pfadi nächstes Jahr im Bundeslager als Leiter, was ebenfalls ziemlich zeitintensiv ist. Und nicht zuletzt wurde ich vor kurzem Götti und möchte mich auch dieser Aufgabe widmen. Im Forum haben wir jedoch eine Zwischenlösung gefunden, damit ich nicht ganz aufhöre: Damit die bisher geknüpften Kontakt nicht verloren gehen, werde ich das Präsidium als Medienbeauftragter unterstützen.

An welche Momente erinnerst du dich gerne?
Das klingt ja schon beinahe nostalgisch. Aber im Ernst: ein ganz grosses Ereignis war sicher, als ich als Teil der Landesdelegation die Ministerkonferenz in Budapest besucht habe. Diese fand zum Thema Umwelt und Gesundheit mit den Ministern der WHO-Region Europa statt. Es ging darum, einen Aktionsplan zu erarbeiten, der die Gesundheit und Umwelt von Kindern verbessert. Eine Woche lang zusammen mit anderen Jugenddelegationen an einem so spannenden Thema zu arbeiten, war grossartig. Aber auch Fernsehauftritte, Treffen mit hohen Politikern oder die Arbeit im Bundeshaus gehörten zu meiner Arbeit im Forum. Für diese Erfahrungen bin ich sehr dankbar, denn sie waren äusserst lehrreich.

Gab es auch Rückschläge?
Ja, die gab es. Direkt nach dieser Konferenz in Budapest hatte sich die Schweiz verpflichtet, einen nationalen Aktionsplan auszuarbeiten, um auch hier die Gesundheit und Umgebung von Kindern zu verbessern. Bei der Aufgabenverzichtsplanung wurde dieses Paket jedoch gestrichen und der Aktionsplan verschwand in der Versenkung. Danach gab es diverse Vorstösse von Nationalrätinnen, welche die Rettung des Plans forderten. Aufgrund von Änderungen in der Traktandenliste des Nationalrats, verpassten wir den Zeitpunkt zum Lobbying. Dies führte dazu, dass die dazugehörige Motion mit ein paar wenigen Nein-Stimmen abgelehnt wurde. Seither wissen wir, wie wichtig das Timing in der Politik ist, vor allem wenn es um Motionen geht.

In welche Richtung wird sich das Forum weiterentwickeln?

Das Forum wird sich in Zukunft noch mehr auf die Lobbyarbeit konzentrieren, dies wird sozusagen unser Kerngeschäft werden. Wir werden versuchen, noch mehr Parlamentsmitglieder zu finden, welche unsere Petitionen als Motionen einreichen. Damit wollen wir einen grösseren politischen Druck ausüben und stärker auf das Forum aufmerksam machen.

Wie sieht es mit dem Nachwuchs für das Forum aus?

Immer wenn die Jugendsession vorbei ist, haben wir eine gesunde Grösse. Und kurz vor der darauffolgenden Jugendsession haben wir wieder ein Minimum an Mitgliedern. Die Jugendlichen, die sich jetzt melden, sind hochmotiviert und wollen viel bewegen. Nach einiger Zeit merken sie jedoch, dass die Arbeit im Forum Ausdauer braucht, viel Papierkram beinhaltet und es lange dauert, bis Erfolg eintritt. Dieses Abflachen der Motivationskurve ist zwar normal, trotzdem können wir das nicht einfach hinnehmen.

Politik braucht viel Geduld. Lässt sich das überhaupt mit dem jugendlichen Temperament vereinbaren?
Es stimmt, die Politik funktioniert langsamer, als die Jugend aufwächst. Wenn die Jugendsession jedoch über längere Zeit am gleichen Thema bleibt, kriegen wir eine Konstante hin. Das hat sich im Jahr 2004 sehr bewährt. Wir wählten das Thema Gesundheit. Anschliessend waren wir zwei Jahre in der Gesundheitspolitik sehr aktiv. Auch wenn die Leute wechselten, wurde am Thema weitergearbeitet.

Gibt das Forum Jugendlichen eine Garantie dafür, was sie konkret bewegen können?

Nein, man darf den Jugendlichen keine Illusionen machen. Man darf nicht sagen: Komm ins Forum und in einem Jahr hast du dein Gesetz. Man muss ehrlich sein. Je mehr Einsatz man gibt, desto mehr profitiert man davon. Und die Jugendlichen merken auch, dass sie weiterkommen. Vor allem jene, die schon länger dabei sind, sehen ihre Fortschritte deutlich. Auch ich habe viel gelernt. Ausserhalb der Schule habe ich nirgends soviel gelernt wie im Forum und in der Pfadi.

Kannst du uns ein paar Beispiele geben?
Organisatorische Sachen, Staatskunde, die ich in der Praxis einsetzen kann, und viel Kommunikation, insbesondere Medienarbeit. Zudem auch zwischenmenschliche Fähigkeiten, denn man muss mit unterschiedlichsten Leuten reden und zusammenarbeiten.

Was fasziniert dich an der Politik?
Mich fasziniert, dass ich meine Umwelt aktiv mitgestalten kann. Nirgends auf der Welt ist das wohl so gut möglich wie in der Schweiz. Was im Bundeshaus passiert, hat eins zu eins Auswirkungen auf mein Leben. Und das motiviert wiederum, an politischen Diskussionen teilzunehmen.

Siehst du deine berufliche Zukunft in der Politik?
Ich schliesse ein öffentliches Amt nicht aus, weil ich den vergangen Jahren gesehen habe, dass Politik spannend ist und dass es ein sehr schöner Job sein kann. Ob es tatsächlich dazu kommt, dass ich mit Politik Geld verdiene, weiss ich noch nicht. Denn dies ist sehr schwierig in der Schweiz. Ich müsste in die Exekutive. Aber das Berufsziel Bundesrat habe ich noch nicht, da müsste sich noch einiges tun.

Zur Person


Rolf Heuberger wurde am 5. April 1985 in Lachen im Kanton Schwyz geboren. Nach der Sekundarschule machte er eine Lehre als Systemtechniker, seit vier Jahren engagiert er sich beim Forum Jugendsession. Seit 2005 ist er Präsident des Forums. Daneben lässt er sich zum Berufshelikopterpilot ausbilden ist Leiter bei der Pfadi.

Forum Jugendsession

Das Forum Jugendsession wurde 2001 gegründet, um die Petitionen, welche an der Jugendsession erarbeitet werden, weiterzuverfolgen. Für diese Aufgabe arbeitet das Forum oft mit verschiedenen Politikern, Gremien und Institutionen zusammen. Das Forum Jugendsession besteht aus etwa 20 Jugendlichen aus der ganzen Schweiz. Dadurch verschafft es der Jugend eine politische Stimme, welche jedoch unparteiisch ist. Um auf die Jugendsession und ihre aktuelle Petitionen aufmerksam zu machen, organisiert das Forum auch eigene Projekte, so zum Beispiel die Podiumsdiskussion über die Energiezukunft in der Schweiz an der Jugendsession 2007.

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Sonne und Strassenlärm

Ein kühler Herbstmorgen in Bern, der Himmel strahlend blau: Erste Sonnenstrahlen begrüssen die jungen Leute, die sich auf dem Bundesplatz versammeln. Aus allen Ecken der Schweiz sind sie zur Jugendsession angereist, die nach dem Laax-Abstecher im letzten Jahr, wieder in Bern stattfindet. Noch aber ist das Bundeshaus in Renovation, die Arbeiten voll in Gange, weshalb der Nationalratssaal den jungen Politikinteressierten erst am Sonntag für das Plenum zur Verfügung steht und nicht wie in früheren Jahren auch schon für die Eröffnungsansprachen.

Das grosse Plakat

So werden die Teilnehmenden dieses Jahr erstmals unter freiem Himmel begrüsst, direkt vor dem Bundeshaus. An dessen weisser Hülle hängt ein grosses Plakat mit der Aufschrift “Wie änderst du die Welt?”. Diese Frage soll die dieses Jahr insgesamt 186 Teilnehmenden in den nächsten drei Tagen beschäftigen. Auf das dazugehörige Motto “Unzufrieden mit der Welt von heute?” scheint Flavian Thelen aus Bellinzona seine Antworten bereits in der Tasche zu haben: Sie ist aussagekräftig mit “Religion ist heilbar” beschriftet. Der 19-Jährige möchte in der Themengruppe zur Religionsvielfalt seine Meinung vertreten: “Ich glaube an Gott, aber nicht an einen bestimmten, festgesetzten Gott. Religion ist für mich etwas Persönliches”, sagt er und fährt fort: “Ich finde es seltsam, dass Millionen von Menschen an den genau gleichen Gott glauben, obwohl sie in vielerlei Hinsicht völlig verschieden sind.”

Worte im Strassenlärm
Doch zurück zur Eröffnung der 16. Jugendsession. Die Openairvariante bringt nicht nur frischen Wind sondern auch ein paar Störeffekte mit sich: Abgesehen von der wärmenden Sonne, die dermassen blendet, dass man kaum nach vorne zur Rednerbühne schauen kann, wird bereits die erste Rede vom Verkehr um den Bundesplatz gestört. Worte gehen unter im Strassenlärm. Die Organisatoren fahren jedoch unbeirrt fort, den Ablauf und die Funktionsweise der Session den Teilnehmenden und Schaulustigen vorzustellen. Sie durchmischen Deutsch, Französisch und Italienisch, was die Ansprache wirkungsvoll belebt. Das gebrochene Italienisch wird leise belächelt, die Mühe der Redner jedoch geschätzt. Man spürt die Aufbruchstimmung der jungen Leute nach dieser lockeren Einführung. Die 16-jährige Chantal Bösiger aus dem luzernischen Ufhusen bringt es klar zum Ausdruck: “Ich bin zum ersten Mal hier, will etwas über Politik erfahren, will politisch interessierte Leute kennen lernen und etwas bewirken.”

Ein motivierender Mix

Während manche unter den Teilnehmenden die Jugendsession als Sprungbrett in die Politik sehen, und auf die konkrete Umsetzung ihrer Ideen hoffen, ist das für Gruppenleiter Jonas Baumann aus Bürglen im Kanton Uri zweitrangig. Aus der Sicht des 21-Jährigen gibt es eine andere Priorität: “Mir ist wichtiger, dass die Jugendlichen mit einbezogen und für politische und wirtschaftliche Themen sensibilisiert werden.”
Die Vielfalt der Absichten, die gegensätzlichen Auffassungen und die individuellen Bedürfnisse: Dieser Mix ist es, der Jahr für Jahr im Rahmen der Jugendsession für eine motivierte Stimmung und angeregte Diskussionen sorgt.

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Es mangelt an fairem Handel

Im Zentrum von Nescafair steht ein schwerer Vorwurf. Die beiden Gymnasiasten Sandra Ujpétery und Severin Meier, die das Projekt iniitierten, werfen Nestlé nicht nur das gänzlich fehlende Interesse am fairen Handel vor, sondern kritisieren auch die arrogante Haltung des Lebensmittel-Herstellers, der die Verantwortung für mehr Gerechtigkeit und verbesserte und menschlichere Handelsbedingungen an seine Konsumenten abschiebt. Natürlich liegt es teilweise am Konsumenten zu entscheiden, ob er das billiger gehandelte Produkt oder das teurere Fairtrade-Produkt erwirbt. Doch muss zweifellos der Anbieter – in diesem Fall Nestlé – den ersten Schritt machen, in dem er auch Fairtrade-Produkte anbietet.
Mit dieser Forderung gewannen Severin und Sandra vor zwei Jahren den zweiten Platz beim Young Caritas Award. Am Ziel sind sie deswegen aber noch lange nicht: “4000 Konsumentinnen und Konsumenten haben unsere Petition für fairen Handel bei Nestlé unterzeichnet. Nestlé weigert sich, die Unterschriften öffentlich entgegenzunehmen.” heisst es auf der Homepage von Nescafair.

“Mogelverpackungen” fliegen auf
Das für seine nicht gerade umweltfreundliche Politik bekannte Unternehmen hatte erst kürzlich für negative Schlagzeilen gesorgt, als die Cailler-Schokoloade mit einer extravaganten PET-Verpackung auf den Markt kam. Diese stiess sowohl bei einem grossteil der Konsumenten als auch beim Schweizer Detailhandelsunternehmen Denner auf Protest. Mit Erfolg. Nestle liess nach einem monatelang anhaltenden Streit die Produktion der aufwändigen Verpackung einstellen. Wichtigster Kritikpunkt an der Verpackung war neben der geringeren Umweltfreundlichkeit ein für Denner “ungerechtfertigter” Preisaufschlag, den der Billighändler nicht auf seine Konsumenten abwälzen wollte.

An diesem Beispiel lässt sich gut zeigen, dass Umweltfreundlichkeit sehr wohl in Zusammenhang mit den Kundeninteressen stehen kann, obwohl den Konsumenten in diesem Fall Umweltfreundlichkeit in Form der klassischen Alu-Papier-Verpackung billiger zu stehen kommt als die teurere PET-Variation. Es geht im Grunde genommen darum, zu entscheiden, wofür man als Kunde sein Geld ausgeben will. Das Problem welches dabei so vielen Verbraucherorganisationen Kopfzerbrechen bereitet, ist, dass man als Kunde nicht wirklich weiss, was man denn eigentlich kauft. So glaubt man zwar, gute Schokolade zu erwerben, bekommt aber im Falle der Nestlé Pet-Verpackung gleichzeitig einen Abfallberg. Genau diese fehlende Transparenz will die Aktion Nescafair bekämpfen, jedoch im Bereich der Kaffeeproduktion. Im Unterschied zu überflüssigem Verpackungsmaterial geht es da um faire Preise für jene, die den Kaffee anbauen und ernten und eine strengere Kontrolle jener, die ihn auf dem Weltmarkt weiterverkaufen. Nescafair will verhindern, dass sich Zwischenhändler und Global Players wie Nestlé weiter bereichern können, während zahlreiche Staaten in Lateinamerika und Afrika immer weniger vom Kaffeeanbau profitieren.
 
Fairtrade-Engagement oder reine PR?
Das 1866 in der kleinen Gemeinde Cham im Kanton Zug mitbegründete Unternehmen, das früher noch “Anglo-Swiss Condensed Milk Company” hiess, konnte seinen Umsatz in den vergangenen 140 Jahren auf rund 80 Milliarden US-Dollar steigern. Damit platziert sich der Global Player bei einer Studie des Fortune, dem ältesten Wirtschaftsmagazin der USA, auf Platz 56 der 100 umsatzstärksten Unternehmen der Welt. Erst im vergangenen Jahr hat Nestlé begonnen, Fair gehandelte Produkte in sein Sortiment aufzunehmen. Bei der dazugehörigen PR-Kampagne setzt  Nestlé klare Akzente. Im Zentrum der neu lancierten Marke “Nescafé Partners’ Blend” steht laut Nestlé die Unterstützung der durch sinkende Kaffeepreise in den finanziellen und nicht selten familiären Ruin getriebenen Kleinbauern. Was Nestlé wie viele andere Unternehmen verschweigt, ist, dass dies die Folgen des von ihnen üblicherweise betriebenen Handels sind. Und wahrscheinlich wird auch dieses Engagement nicht verhindern können, dass Millionen von Kleinbauern jegliche Existenzgrundlage verlieren, weil ihre kleine Produktion nicht mit den riesigen Kaffee-Monokulturen mithalten kann, die üblicherweise für Produkte wie Nescafé angepflanzt werden.

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