Kultur | 20.08.2007

Parade für mehr Toleranz

Text von Kristine Hess | Bilder von Nathalie Kornoski
Sie wird gleichermassen geliebt und verabscheut: Die Zürcher Street Parade. Doch der Rave-Anlass vereint viele einzigartige Qualitäten, die man einfach erfahren muss, um sie zu schätzen, meint die Kolumnistin.
Bild: Nathalie Kornoski

„Die Street Parade? Das ist eine Verführung des Menschen als denkendes Wesen, wobei Kompetenzen wie die Urteilskraft und Unterscheidung verloren gehen.“ (Zitat eines Passanten) – Äusserungen zu jenem Anlass, der dieses Jahr erneut 800’000 Leute ans Zürcher Seebecken geführt hat, unterscheiden sich etwa so stark, wie die einzelnen Personen die dem Geschehen beiwohnen. Während die Menschenmenge vor Ort kaum mit dem Schwärmen aufhören kann, pressen die Medien und Kritiker jedes nur denkbar Negative aus dem weltweit bekannten Anlass.

Respect! – Das Motto dieses Jahres forderte die Aktivisten und die Gesellschaft auf, sich über diese, in der heutigen Gesellschaft stark vernachlässigte, Haltung Gedanken zu machen. Wäre ein gewisses Mass an Respekt gegenüber dem eigenen Umfeld und vor allem sich selbst gewährleistet, so wären viele Probleme aus der Welt geschafft. Aber unglücklicherweise erlangt nicht einmal mehr eine Demonstration, welche für diesen Wert wirbt, von den Kritikern eine Anerkennung.

Ein Schatten über den Umzug
Es ist klar, dass eine solche Veranstaltung einige Hürden mit sich bringt. Sei es der Abfallberg, das Verkehrschaos oder die hohe Lautsärke, dividiert man diese jedoch durch 800’000 Teilnehmende, so scheinen die Auswirkungen gemässigt zu sein. Die Zahl der Verletzten und das tragische Schicksal des jungen Mannes, der seine Freundin vor dem ungebeteten Verehrer schützen wollte, kann nicht beschönigt werden. Es wirft einen Schatten über den Umzug. Jeden Teilnehmer stimmt dies noch Tage nach der Street Parade nachdenklich. Solches Unglück ist leider auf der ganzen Welt verbreitet und kann kaum verhindert werden, zumindest nicht ohne ein klares Umdenken.

Hören, Sehen, Fühlen
Jemand der noch nie an diesem Anlass war, sollte sich hüten, sich negativ über die Street Parade zu äussern. Dieses Fest bietet für Jung und Alt ein angenehmes Plätzchen, egal ob mit oder ohne Platzangst. Ist man einmal dort, so soll man sich die Scheuklappen abstreifen und sich richtig umschauen: Nicht nur junge lebensfreudige Raver tauchen in der Begeisterung ab, nein, beispielsweise signalisiert das zufriedene Lächeln des Querschnittgelähmten ebenfalls ein Gefühl von Geborgenheit. Die hörbehinderte Asiatin, welche zum farbigen Getümmel den pulsierenden Bass spürt, erlebt einen einzigartigen Höhenflug. 100-jährige, die von der heutigen Jugend in den Bann der technoiden Tanzmusik gezogen werden, verspüren die junge, im Alltag fehlende, Energie. Die Anzahl der Menschen denen hier Lebensfreude geschenkt wird, ist riesig.

Ein Blick zurück

Da das Tanzen, der konservativen Gesellschaft nach, als unzüchtigen Umgang zwischen Männlein und Weiblein galt, war noch am Ende des 18. Jahrhunderts das „muthwillige und leichtfertige Springen und Danzen“ in Zürich strengstens untersagt. Das Bewegen zur Musik, damals Walzer, galt als unsittlich und als „Verführungsszene in aller Öffentlichkeit“. Noch nicht untersagt, aber als unsittlich abgestempelt wird das Raven zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Hoffen wir, dass nur schon in zehn Jahren ähnlich über die heutige Kritik, wie über das Lästern vor 200 Jahren geschmunzelt wird, wenn die Street Parade zum 26. Mal durchgeführt wird.

Schliesslich und endlich muss auch der Herr im seriösen Anzug feststellen: „Dieser Zwinglistadt tut ein Tag, an welchem sich ein paar hunderttausend Leute treffen, um etwas anderes zu tun, als die Bahnhofstrasse auf und ab zu rasen um zu schauen, wie sie ihr Geld vermehren können, definitiv gut.“