Kultur | 27.08.2007

Land der Schmelzkäsemoderatoren

Text von Rick Noack
Wer ein paar Tage in Narbonne, einer Stadt in Südfrankreich verbringt, merkt bald, dass der so gepriesene französische Lebensstil auch seine Schattenseiten hat.
Der Hafen von Narbonne: Um die Mittagszeit läuft hier nichts. Fotos: Rick Noack Angesichts von Kirchen wie aus dem Reiseprospekt und Märkten mit frischen Croissants ist man mit seinen Ferien aber schon fast wieder versöhnt.

„Hier Urlaub zu machen ist toll, aber hier zu leben ist die Hölle. Die Wirtschaft läuft schlecht.“ Plötzlich ist das Lachen von den Gesichtern der beiden Frauen verschwunden. Sie sitzen an einer Bushaltestelle in Narbonne, einer Stadt in Südfrankreich. Nebenan im Straßengraben liegt ein verrostetes Auto. Vor zwei Jahren sind sie aus Paris in diese in der Region Languedoc-Roussillon gelegene Stadt gekommen. Jetzt fahren sie jeden Tag mit dem Bus durch die Gegend, der kommt alle zwei Stunden. Es scheint ihre einzige Beschäftigung zu sein. Ihren Humor haben sie trotzdem nicht verloren. Denn das Lachen ist für Franzosen das Wichtigste im Leben.

Schon ein paar Ecken weiter rast eine Oma mit ihrem klappernden Auto vorbei. Aus dem Auto dringt Musik. Obwohl man in Frankreich lieber kein Radio hören sollte. Denn Radio Narbonne lässt öfters einmal Nena mit ihren 99 Luftballons in den Himmel steigen und ansonsten gibt es original französische Schmelzkäsemoderatoren zu hören. Die scheinen eine besondere Liebe zu ihrer eigenen Stimme entwickelt zu haben: Selbstverliebt quatschen sie von früh bis abends, ohne Mittagspause.

Verhungerte und verwirrte Touristen

Dabei nimmt die französische Siesta sonst eine ganz besonders wichtige Stellung ein. Jeder vernünftige Laden schließt mittags mindestens drei Stunden. In dieser Zeit irren dann fast verhungerte und verwirrte Touristen durch die Städte. Die Türen werden einem meist direkt vor der Nase zugemacht. Besonders viel Glück braucht man bei Läden, die genau zwei Stunden am Tag geöffnet haben.
 Vor einem Geldautomaten hält ein Motorrad, der Fahrer hat es anscheinend nicht nötig abzusteigen. Das ist das Südfrankreich, wie man es aus  Reiseführern und von den Postkarten kennt – schnell, unkompliziert und schön. Der Wind weht über Palmen. Einkaufsstraßen liegen im Licht der untergehenden Sonne da, die Wellen plätschern. Ein Tourist steckt sich in einem Geschäft gelangweilt Ringe an seine Finger.

„Schönes Brot, schöne Frauen“

 Das Land lebt von Touristen wie diesem. Denn der Tourismus spült jeden Sommer zuverlässig Geld in Kassen, wie die von Samy. Mit seiner Frau betreibt er einen Lebensmittelladen auf einem Campingplatz. Er sagt, ihm mache es Spaß in seinem Geschäft zu arbeiten. Dort ist immer Bewegung, er lernt jeden Tag neue Menschen kennen. „In Frankreich zu leben ist toll. Hier gibt es schönes Brot und schöne Frauen“, erzählt Samy, lacht und verkauft zwischendurch Baguettes. Natürlich gäbe es Dinge, die ihm nicht so gut gefielen. Die Politik wäre da so ein Punkt. Konkreter wird er nicht – über Probleme spricht Samy nicht gern.

Schon im nächsten Laden ist von dieser Freude nichts mehr zu spüren. Während ich den neuesten Trend – Hosen mit Blumenmuster – anprobiere, wartet vor der Umkleidekabine eine Verkäuferin auf mich. Als ich dann herauskomme, fragt sie mich etwas zu schroff, was ich nehmen möchte. Ich bekomme den Eindruck, dass jeder Schritt von mir in diesem Laden überwacht wird. Draußen auf dem Markt ist der Verfolgungswahn verschwunden. Bis ich mich wohl etwas zu lange für ein Kleidungsstück interessiere. „Wollen Sie es nun oder wollen Sie es nicht?“, fragt mich der Verkäufer verärgert. Ich will es nicht – und diesen Markt will ich auch nicht.

Keine Handymusik
Nach der ernüchternden Shoppingtour bietet wenigstens das Mittelmeer eine Erholungsmöglichkeit. Doch am Strand rast die Küstenwache hin und her und jagt vereinzelt Urlauber aus dem Wasser. Außer Sprit zu verbrauchen und die Wassertemperaturen anzusagen haben sie weiter nichts zu tun. Als allerdings tatsächlich ein Boot auf das offene Meer hinaustreibt kommt kein Rettungsboot – Mittagspause anscheinend. In dem Boot ist glücklicherweise  niemand – inzwischen ist es am Horizont verschwunden.
Auf dem Campingplatz übernachte ich direkt neben einer Gruppe französischer Jugendlicher. Aber anstatt der erwarteten blechernen Handymusik höre ich echten Gesang. Bis nach Mitternacht höre ich mit zu, wie sie zusammensitzen und lachen. Schlafen kann ich zwar nicht, aber ich habe das gefunden, was ich in Frankreich gesucht habe. Es ist dieser Lebensstil, einfach glücklich zu sein. Am nächsten Morgen scheint die Sonne. Und auch die zwei Frauen von der Bushaltestelle sehe ich wieder. Sie kommen vom Einkaufen – und natürlich: Sie lachen.