Kultur | 13.08.2007

Eine Stadt im Strassenmusik-Fieber

Die sommerliche Atmosphäre am Samstagabend bescherte dem dreitägigen Buskers Bern Strassenmusikfestival so viel Publikum wie noch nie. Was am Rande für Platznot sorgte, erfreute die Künstlerinnen und Künstler. Umringt von der Menge waren sie in ihrem Element.
Faszination Buskers: Zehntausende wollten die Strassenkünstler sehen und hören.
Bild: Janosch Abel "It's a good place to be", meinte Saxophonist Paul Ruddick von The Baghdaddies, die... Fotos: Janosch Szabo ...schon zum dritten Mal am Buskers Bern aufspielten. Ricoloop, der Newcomer aus Berlin: "Ich habe mich sofort in Bern verliebt." Applaus für Rico, der sich ebenfalls bedankt: "Ich bin gerührt." Erstmals auf der Strasse: Stan or Itchy aus Burgdorf. Ihre Frontfrau Steffi Beutler legte sich mächtig ins Zeug. Sie war begeistert von der Stimmung und der Nähe zum Publikum. Hiphop auf dem Pflaster der Jugendbühne: Die Berner Company bounce! mit ihrem Stück "Hip Hop?" Ein letztes Finale: Hildegard lernt fliegen, auch noch kurz vor Mitternacht.

Das Buskers Bern hat sich verändert. Wo man bei der ersten Ausgabe des Strassenmusikfestivals noch gemütlich durch die Gassen schlendern und sich mal hier mal da etwas anhören konnte, herrscht nun dichtes Gedränge um die Künstlerinnen und Künstler. Wer rechtzeitig zum Konzertbeginn kommt, findet meist nur noch weit hinten einen Platz. Denn längst ist bekannt: Wer ganz vorne im Halbkreis sitzen will, muss frühzeitig da sein. Die Spontaneität verliert sich damit mehr und mehr im Getümmel, die genaue Planung wird umso wichtiger. Ausser man liebt es auf Zehenspitzen zu stehen oder ist einen Kopf grösser als alle anderen.

Energie im Kreis

Die Strassenkünstlerinnen und Strassenkünstler hingegen bekommen von der Platznot am Rande kaum etwas mit. Umringt von der bunten Menge sind sie in ihrem Element. Da blühen sie auf, wenn hunderte Augenpaare leuchten, wenn hunderte Ohrenpaare lauschen, wenn Hunderte begeistert in die Hände klatschen und am Schluss eine Münze in den Hut fallen lassen. Tatsächlich baut sich, wenn viele Leute sich im Halbkreis versammeln, eine ganz spezielle Energie auf.  

„Bern is made for busking“

Wie das die Buskers selbst wohl erleben? Tink.ch wollte es genauer wissen und begab sich auf Stimmenfang. Einer der schon zum dritten Mal dabei ist, wird es wohl wissen: Paul Ruddick von der englischen Combo The Baghdaddies. „It’s a good place to be, a city made for busking“, sagt der Brite und strahlt übers ganze Gesicht. Die Atmosphäre sei einfach fantastisch, er geniesse es jedes Mal wieder. Ausserdem seien die Organisatoren gute Freunde von ihnen geworden. So kam es, dass die fünf Mann aus Newcastle, die sonst auch auf Bühnen und grossen Festivals auftreten, beim vierten Buskers Bern bereits zum dritten Mal spielen durften. Mit ihrem Mix aus Ska, Balkan Folk und Punk ernteten sie begeisterten Applaus. „Neue Musik mit altem Hintergrund“, nennt es Saxophonist Ruddick. Mit einem Lächeln auf den Lippen verrät er das Erfolgsrezept der Baghdaddies: „to play really good music, but not to take it too seriously.“ Dann muss er weiter, seine Musikerfreunde warten schon ungeduldig. Sie haben Hunger.  


Ricos Rhythmusklangwelten

Locker gab sich auch Rico Diessner, genannt Ricoloop, aus dem einfachen Grund, weil er Loopkünstler ist. Was das heisst, zeigte er dem Berner Publikum auf eindrückliche Art und Weise. Umgeben von Instrumenten, Kabeln, Hebeln und Schaltern, sitzt er da auf seinem dreibeinigen Hocker. Er nimmt das Mikrofon zur Hand und brummelt einen tiefen Beat hinein. Dann beginnt das Spektakel. Mit Hilfe seines Loopgerätes, seiner Stimme und den Instrumenten baut er innert Minuten ein einmaliges Klangkunstwerk auf, mit rund einem Dutzend übereinander geschichteter Stimmen. Rico sitzt da, zuckt, schliesst die Augen, lässt sich inspirieren, haut in die Tasten, juckt auf und ab, und lebt den Rhythmus in Vollkommenheit. „Ihr habt mich ausgequetscht wie eine Zitrone, aber ich fühle mich immer noch lecker“, sagt er zum Schluss seiner Show.

„Ein spirituelles Erlebnis“

Als die Leute gegangen sind, bricht der Redeschwall erst richtig aus ihm heraus: „Ich habe mich sofort in Bern verliebt“, sagt der Berliner: „Dieses Festival ist sehr gelungen, die Organisatoren geben sich viel Mühe. Nur schade, dass ich gar nicht Zeit habe mir all die spannenden Sachen anzuschauen.“ Rico liebt die Strassenmusik, sie inspiriert ihn, mit ihr kann er seinen Gefühlen Ausdruck verleihen und sein Umfeld gestalten. Sie sei das Modell seiner Befreiung, durch sie habe er einen Weg gefunden, aus sich heraus etwas zu erarbeiten. Er versucht zu erklären, was er während einer Performance erlebt: „Da baust du dir deine kleine Energieblase, und durch das Mitgefühl der Leute, die zuhören, wird sie grösser. Immer grösser, unkontrollierbarer und magischer. Das ist beinahe ein spirituelles Erlebnis.“ Das sagt er und wickelt dabei die Stromkabel seiner Loopgeräte zusammen. Er hätte wohl noch viel zu erzählen, aber jetzt muss er den Platz räumen für die nächste Gruppe.  


Stan or Itchy: Ganz nah beim Publikum

Zum ersten Mal überhaupt auf der Strasse spielte die junge Ska-Band Stan or Itchy aus Burgdorf. Am Samstagabend setzten sie mit ihrer fröhlichen Partymusik den Schlusspunkt unter ein vielfältiges Jugendprogramm, das dieses Jahr besser integriert in der Postgasse über die Bühne ging. Bei den fetzigen Rhythmen blieb dem Publikum gar nichts anderes übrig als sich tanzend mitreissen zu lassen. Frontfrau Steffi Beutler machte das Singen sichtlich Spass, sie war voll und ganz in ihrem Element. Nach dem Konzert sagt sie: „Auf der Strasse zu spielen, ist ein ganz anderes Feeling, als auf Bühnen zu stehen. Hier hat es keine Abschrankungen, hier sind wir ganz nah beim Publikum.“ Gekommen seien sie ans Buskers einerseits um ihren Namen in Bern etwas bekannter zu machen, andererseits um sich selber kennen zu lernen, durch das Musizieren auf der Strasse.  

Auch zu später Stunde sind noch immer Tausende in den Gassen unterwegs, um hier und da noch was zu sehen und zu hören. Es ist kurz vor Mitternacht, die letzten Töne erklingen. In der Brunnengasse schmettert die Formation Hildegard lernt fliegen ein Finale hin, dass es eine wahre Freude ist. Leadsänger Andreas Schaerer ist ganz begeistert von der Stimmung: „Ich wohne schon lange hier, aber während dem Buskers ist Bern einfach anders. Da lebt die Stadt.“

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