Kultur | 28.08.2007

Ein Hafen kämpft ums Überleben

Text von Maya Leutwiler
Dieses Wochenende geht das Kulturfestival spelunke in vivo zum dritten Mal im beschaulichen Gattikon bei Thalwil vor Anker. Noch haben die Kapitäne mit den Vorbereitungen alle Hände voll zu tun.

Die Geschichte findet ihren Beginn im März 2005 am Küchentisch einer Gattiker Wohngemeinschaft, wo fünf junge Geister voller Einfälle und mit einem gemeinsamen Ziel aufeinander treffen: Gattikon soll mehr sein als nur die das Haus der Wohngemeinschaft beherbergende Ortschaft. Man hegt den Wunsch, hier zu leben, und dies nicht nur in Form einer isolierten WG, sondern mit den Einwohnern Gattikons zusammen. Bald zeichnet sich ab, auf welche Weise das Vorhaben realisiert werden soll: Ein Festival wird ins Leben gerufen. Die Philosophie: Junge Künstler aus den verschiedensten Sparten sollen Gattikon für zwei Tage zu ihrem Brennpunkt machen. Im Mittelpunkt steht dabei nebst den Auftritten das Ambiente eines Festes für jedermann und nicht zuletzt der kulinarische Genuss. Eintrittsgelder lehnen die fünf Gründer ab. Die Helfer arbeiten freiwillig, von Künstlergagen wird abgesehen. Wer an der spelunke mitwirkt, hat Gefallen am Gedanken dahinter. Der ursprüngliche Plan eines Vorplatz-Festes für Nachbarn und Freunde wird wieder verworfen – zugunsten eines Dorffestivals auf dem Sportplatz Schweikrüti. Der Jugendrat  und die Gemeinde Thalwil unterstützen das Projekt.

Nach zahllosen Arbeitsstunden geht während zweier Tage im September 2005 das erste liebevoll als Hafen gestaltete Fest mit Konzerten, Kino, Theater und Tanz über die Bühne. Trotz Werbung nimmt Gattikon wenig Notiz davon. Eine Besucheranzahl zwischen 250 und 300 kann auf die beiden Festivaltage verteilt verzeichnet werden. Aus Gattikon selbst allerdings erscheint kaum jemand. Von den im Rahmen der Anwohnerinformation verteilten Getränkebons werden gerade mal drei eingelöst. Die Finanzierung gestaltet sich nach den bescheidenen Einnahmen problematisch.

Im Folgejahr dehnen die Veranstalter die Dauer des Festivals auf drei Tage aus, um der Diversität in der Kleinkunst-Szene gerecht zu werden. Es fehlt weder an Infrastrukturellem wie Schlafgelegenheiten und Shuttle-Bus noch an abwechslungsreichen Programmpunkten. Selbst Kinder-Workshops werden durchgeführt. Der Hafen wird mit einem Leuchtturm ergänzt. Nur: Man vermisst das Publikum. Zeltplatz und Shuttle-Bus bleiben abgesehen von Fahrten für die Künstler unbenutzt, einzelne Bands spielen trotz freiem Eintritt tapfer vor spärlich besetzten Rängen. Dass die Zürcher den Weg nach Gattikon nicht finden, ist nachvollziehbar. Zu gross ist die Festivalflut im Sommer 2006, zu laut die Werbetrommel der mächtigen Veranstalter, die ihre Openairs unter kommerziellen Gesichtspunkten gestalten. Für Zürcher ist es schwierig, sich diesem Einfluss zu entziehen; im besten Falle besuchen sie eines der kleineren Openairs in der Stadt. In von Konsum und Konkurrenz geprägten Zeiten ist es für ein alternatives Festival wie die spelunke in vivo eine schwer zu meisternde Herausforderung, sich ernsthaft zu etablieren.

Wo aber bleiben die Gattiker? Weshalb entsagen sie einem der wenigen kulturellen Anlässe in ihrem eigenen Dorf? Es kann nur spekuliert werden. Der Verein spelunke in vivo existiert im Gegensatz zu alteingesessenen Vereinen erst seit kurzem. Ein Grund mag in der noch zu grossen  Skepsis gegenüber dem Fest der Zugezogenen liegen – dann ist das Anerkennen desselben vermutlich nur eine Frage der Zeit. Vielleicht konnte sich die Werbung neben dem Bombardement anderer Werbender noch nicht genügend durchsetzen. Es stellt sich aber auch die Frage, ob das mangelnde Interesse etwa daher rührt, dass Gattikon kein Dorffestival braucht. Ob es illusorisch ist, auf dem Sportplatz eines 2500-Seelen-Dorf ein alternatives Kulturfestival ansiedeln zu wollen.

Der diesjährige Einsatz des Organisationskomitees jedenfalls zeugt von Durchhaltewillen – und von Vertrauen in Gattikon und Thalwil, wird doch das finanzielle Risiko zu einem grossen Teil vom OK  persönlich getragen. Die spelunke bleibt sich treu und setzt auf Kreativität, Humor und Gesellschaftlichkeit statt Kommerz. Vom 31. August bis zum 2. September wird sich zeigen, ob das Festival bereits tiefer in das Gattikoner Bewusstsein einzudringen vermochte. Nebst lokalen Bands   stehen weitere Konzerte wie die Zürcher Gully and the Pepperhumbels, diverse Filme, das charmante Märchen-Theaterduo Zwärgfäll und weiteres auf dem Programm. Für gesättigte Mägen ist mit dem Bio-Restaurant im Festzelt (der buchstäblichen Spelunke) gesorgt.

Die Hoffnung, dass die spelunke in vivo bei den Ortsansässigen Anklang finden wird, besteht jedenfalls fort. Klar Schiff für die «lebendige Taverne«!

Freitag, 31. August bis Sonntag, 2. September 2007, Schweikrütiplatz in 8136 Gattikon.

Anreise: vom HB mit S4 bis Langnau-Gattikon oder Thalwil. Bus 140 / 240 bis Gattikon. Gratis Shuttle-Bus ab Bahnhof Thalwil.

Weitere Informationen und Programm: www.spelunke.ch

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