Gesellschaft | 06.08.2007

Aus dem Nichts eine Szene zaubern

Im Improtheater-Workshop im Bodenseecamp lernen die Teilnehmer in skurrilen Szenen Selbstvertrauen zu gewinnen. Ein Bericht aus dem Mediencamp bei Markelfingen, geschrieben von einem Teilnehmer des Zeitungs-Workshops.
Die Teilnehmenden wachsen in den drei Workshop-Tagen zusammen wie eine kleine Familie. Fotos: Johannes Rinderer Auch Peinlichkeiten gibt es nach einiger Übung keine mehr. Und sogar Kinderspiele werden auf einmal interessant.

Chantal ist eine asiatische Kampfhornisse, die wegen eines Kindheitstraumas Depressionen hat. Erst als sie Egon, den Blutegel, kennen und lieben lernt, ändert sich ihr Leben. Ein sächselnder Pfarrer erzählt die Geschichte von Jesus und dem Kaninchen, bis er in Streit mit seinem einzigen Gemeindemitglied gerät. Was sich nach seltsamen Sketchen aus „Monty Pythons Flying Circus“ anhört, ist eine gewöhnliche Szene des Improtheater-Workshops.
„Improtheater, das ist, wenn eine Gruppe kreativer Leute aus dem Nichts eine Szene zaubert“, erklärt Marion Ender, die Leiterin der Improvisateure. Zauberei ist wohl das Erste, was einem bei den witzigen Klein-Theaterstücken einfällt. Denn beim Impro ist nichts vorbereitet, nichts abgesprochen. „Die Geschichten entstehen in dem Moment, in dem sie gespielt werden.“, erläutert Marion. Damit gelingt es der Gruppe, die Camp-Bewohner in einer Impro-Show zu begeistern.

Vorgetäuschte Orgasmen
Für Marion geht es aber um mehr als nur die Aufführung: „Die Teilnehmer schöpfen hier Selbstbewusstsein. Sie lernen, dass einem nicht alles peinlich sein muss. Mit diesem Gefühl kann man auch im richtigen Leben sicherer auftreten.“
Schamgefühl legen die Mitglieder des Workshops bereits in den ersten Übungen ab: „Zuerst haben wir in der Gruppe geschrien und laut gelacht, danach musste das jeder alleine machen.“, erzählt Lisa Mattis, die hier im Bodenseecamp Improtheater kennengelernt hat. Die 18-jährige glaubt, hier mehr als nur Improtheater gelernt zu haben: „Ich denke schon darüber nach, was andere über mich denken. Das verliert man hier aber völlig. Wenn ich hier vor Publikum einen Orgasmus vortäusche, frage ich mich auch nicht, was die jetzt denken.“

„Genre-Achterbahn“
Neben Selbstvertrauen ist auch Vertrauen in die Mitspieler wichtig: „Anfangs hatten wir einige schüchterne Leute. Die sind aber mit der Zeit richtig aus sich rausgekommen. Das liegt auch daran, dass wir so ein tolles Team geworden sind“, meint Marion. Tatsächlich merkt man in jeder Szene, wie gut das Klima unter den Teilnehmern ist, obwohl sich die meisten erst seit Sonntag kennen. Sie umarmen sich, schreien sich an, sie tanzen miteinander, als wären sie seit Jahren befreundet.
So stellen sich die Jung-Improvisateure den immer neuen Spielen, die ihnen Marion vorstellt. Los geht es mit der Grundform, dem „Freeze“. Das Publikum nennt dem Spieler einen Ort, an dem er sich befindet und der fängt einfach zu Improvisieren an. Nach kurzer Zeit klatscht jemand und ein neuer Spieler kommt hinzu. Der erste Spieler friert seine Körperhaltung ein und der neue Spieler kann sie völlig uminterpretieren. So springt man in Sekundenschnelle von einer Strandliege in die Mutter-Kind-Gruppe. Auch die „Genre-Achterbahn“, in der eine Szene in ständig neuen Filmgenres gespielt wird, bereitet den Workshop-Teilnehmern keine Probleme, dafür aber viel Spaß. Denn der kommt, bei aller Persönlichkeitsbildung, nie zu kurz.

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