Kultur | 19.07.2007

Nacht der Superlative

Die einzigartige Atmosphäre im Zürcher Landesmuseum ist ein Highlight des Festivalsommers. Am Montag riss der Senkrechtstarter James Morrison das Publikum buchstäblich vom Hocker.
Bild: Stephanie Pfändler

Allem Anschein nach lassen sich die Briten von uns Kontinentalbewohnern in Sachen Musik und Zauberei nach wie vor nichts vormachen. So sieht es ganz danach aus, als hätte England nach Merlin und Harry Potter einen weiteren Magier hervorgebracht: James Morrison, noch keine 23 Jahre alt, wird von der internationalen Kritik seit Monaten mit Komplimenten überschüttet. Der einzige, der dies nicht nachvollziehen kann, ist Morrison selbst. Vor der zauberhaften Kulisse des Zürcher Landesmuseums bot er seinem Publikum einen unvergesslichen Abend.

Schon die Vorband, bestehend aus Gigi Moto und Jean-Pierre von Dach, liess die Zuschauer auf ihren Stühlen unruhig werden. Den zum Wetter passenden Wortwitz lieferte die Sängerin gleich selbst: Aufzuheizen brauche sie das Publikum ja nicht, aber sie wolle es bereit machen für den folgenden Auftritt. Diese Aufgabe hat das Duo, dass dank Morrisons persönlichem Wunsch nach einer lokalen Vorgruppe engagiert wurde, mit Bravour gemeistert. Der sympathische Künstler wurde bereits mit tosendem Applaus begrüsst. Was danach folgte, war eine Welle von Emotionen, Lebensfreude und Melancholie, die innerhalb kürzester Zeit bis über die letzten Stuhlreihen schwappte.

Musik in Reinform

Schwer zu sagen, ob die Luft von der nachhallenden Hitze flirrte oder von den Gitarrenriffen. Morrisons Show wirkte trotz hoher Professionalität keinen Moment lang inszeniert: Er kam ohne Prunk daher, begleitet von vier weiteren Musikern oder nur seiner Gitarre. Die Techniker verstanden sich darauf, das Konzert geschickt zu untermalen: Die unaufdringliche Lichtshow und der perfekt abgemischte Ton garantierten pures Musikvergnügen.

Der hohe Qualitätsstandart des Live at Sunset lässt sich wohl nicht zuletzt auf die relativ hohen Eintrittspreise zurückführen. So ist die Stimmung dieses Open Airs höchstens mit dem Moon and Stars auf der Piazza von Locarno vergleichbar: Keine Rudel hüpfender Teeniemädchen in den ersten Reihen, keine Zeltlager und Alkohlexzesse. Für einmal geht es nur um die Musik.

Da stellt sich natürlich schnell die Frage, ob ein Abend in einem lichtdurchfluteten Schlosshof und einem Jungen, der seine melancholischen Melodien zum besten gibt, nicht ins Kitschige abdriftet. Doch wer James Morrison einmal live erlebt hat, kann diesen Einwand überzeugt abweisen. Das junge Talent macht seine Sache so natürlich, als hätte er sein ganzes Leben nichts anderes getan.

Von der Strasse auf die Bühne

Tatsächlich kann man bei Morrison von einem Vollblutmusiker sprechen. Seine Laufbahn beweist, dass man es hier nicht mit einem Produkt aus dem Aufnahmestudio zu tun hat: Bereits im zarten Alter von 13 Jahren bandelte er mit seiner ersten Gitarre an – daraus sollte eine Dauerliebe entstehen, die bis heute anhält. Sein Debütalbum «Undiscovered« machte ihn vom Strassenmusiker, der sich mit verschiedenen Nebenjobs mehr schlecht als recht über Wasser hielt, zu einem der meist gerühmten Acts der letzten Jahre. Im Februar wurde er schliesslich bei den Brit Awards zum besten männlichen Solokünstler gekürt. Vermutlich hätte ihm jeder einzelne Zuschauer im ausverkauften Landesmuseum diese Auszeichnung überreicht: Nach wenigen Liedern hielt die Zuschauer nichts mehr auf ihren Stühlen. Mit spielerischer Leichtigkeit vermochte Morrison allein mit seiner Gitarre und seiner Stimme den Innenhof des Museums bis an die Spitzen der

Turmzinnen zu füllen. Die Limmatstadt hätte ihren neuen Slogan «Wir leben Zürich« getrost auf «Zürich lebt Musik« abändern können.

Nur einen Fehler erlaubte sich der junge Master der Blues, dessen Stimme mit dem Volumen eines ganzen afroamerikanischen Kirchenchors gesegnet ist: In einem seiner grössten Hits singt er: «I know it’s a wonderful World but I can’t see it right now.« Dass die Welt wunderschön sein kann, sah in dieser Nacht wohl jeder.

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