Kultur | 12.07.2007

„Musik ist wie ein guter Wein“

Text von Anina Peter
Vor ihrem Auftritt am Touch the Lake in Zürich erzählten Heinemann und DJ Sepalot von der deutschen Rap-Combo Blumentopf, warum sie keine Pflanzen sind und was ihr neustes Album "Musikmaschine" mit gutem Wein gemeinsam hat.
DJ Sepalot (ganz Rechts) und Heinemann (Mitte) mit ihrer Crew: Holunderman, Micspecht, Kungschu. Fotos: www.blumentopf.com

Zur Information: die Tink-Reporterin stellt nicht absichtlich solche geistreichen Fragen, mehrere davon basieren auf Songtiteln oder Texten von Blumentopf.

„Liebe und Hass“ – Was ich liebe: Ein gutes Interview mit spannenden Fragen. Was genau möchtet ihr denn gerne gefragt werden?

Heinemann: Also nicht spannende Fragen sind auf jeden Fall: Wo habt ihr euch kennenglernt? Wie lang gibt’s euch schon? Beschreibt mal eure Musik – dies ist übrigens meine Lieblingshassfrage, weil ja eigentlich dafür die Musikredakteure zuständig sind und nicht wir. Also diese ganzen Sachen, die mittlerweile weeeeeltbekannt sind, die sowieso jeder weiss. Die sollen sich einfach hinsetzten und sich dieses Zeug mal ansehen.

 
Dann müsst ihr diese Frage entschuldigen: Blumentopf, wie kamt ihr auf den Namen?

Heinemann: Das ist gottgegeben – er heisst Sebastian, ich heiss Kai, das ist so mehr oder weniger durch die Hände der Eltern gegeben und so war es bei uns auch.  Wir sind eines Tages aufgewacht und jeder hatte unabhängig voneinander im Kopf: „Wir sind ne Band, wir machen Rap und heissen Blumentopf“. Wir haben alle gar nicht nachgefragt, sondern haben uns dieser Herausforderung gestellt, diesen Auftrag angenommen und ihn bis heute erfolgreich gemeistert.

Wenn ihr ein Blümchen sein müsstet, welches wärt ihr?

Sepalot: Also… (sehr energisch) Wir sind sicherlich keine Blümchen!

Oder halt einfach eine Pflanze?

Sepalot: (noch energischer) Ich bin auch keine Pflanze!

Aber wenn du nun einfach eine sein müsstest?

Heinemann: Ich wär eine Palme! Dann könnte ich den ganzen Tag an der Sonne stehen, wäre am Strand und dort laufen ja auch diese Bikinimädels rum – deswegen wäre ich eine Palme. Und die Bikinimädels wollen ja nicht den ganzen Tag in der Sonne stehen und legen sich dann in meinen Schatten!

Sepalot: Klingt einleuchtend! Das kann ich ja jetzt schwer toppen. . .

Heinemann: Du wärst ein zwölfblättriges Kleeblatt!

Sepalot: Wahrscheinlich wär ich ein Bambus, ein flexibler und wenn du nicht artig bist, kriegst du eine hinten drauf! Nein, keine Ahnung. Ich kann mich schwer in Pflanzen reinversetzen, dafür fehlt mir die Spiritualität.

Was ist denn euer Dünger, euer Wasser, dass euch wieder zum Blühen bringt wenn ihr kurz vor dem Verdorren seid?

Heinemann: Musik machen! Das ist Selbsttherapie! Das kann einem von Sachen, an die man nicht erinnert werden will oder die man aus dem Kopf raus haben will einfach komplett ablenken. Man taucht in seine Welt ab und ist den ganzen Tag am Texte schreiben, Beats machen und merkt gar nicht, dass die Zeit vergeht. Man macht Musik und ist glücklich mit dem was man am Schluss geschaffen hat.  

Es gibt sicherlich auch Tage, an denen euch einfach die Inspiration fehlt, und ihr keine Ideen habt, oder?

Heinemann: Logisch! Ich check dann oft schon früh, dass eigentlich nichts geht. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, bleibe dran und verschwende eine ganze Nacht. Ich denk mir dann immer: „Komm streng dich mal an, da geht schon was!“, aber alles was ich mach ist irgendwie für den Mülleimer.

Sepalot: Aber manchmal macht man acht Stunden nur Blödsinn und in der neunten Stunde geht’s dann auf einmal. Das kann man nicht immer so genau sagen.

Heinemann: Genau, das kann man halt in einer kreativen Arbeit nicht übers Knie brechen.

Euch gibt’s ja jetzt schon eine Weile – wie seht ihr den Unterschied zwischen euren Anfängen und dem Jetzt, der Gegenwart?

Heinemann: Im Laufe der Jahre verändert sich die Art wie man Musik macht und auch die Hörgewohnheiten. Wenn man sich unsere Alben anhört, kann man so auch nachvollziehen, welchen Weg wir gegangen sind. Es ist aber nicht so, dass man sich vornimmt, „jetzt machen wir so ein Lied und die nächste Platte machen wir so“ – das passiert halt einfach. Im Laufe der Jahre gewinnt man an Erfahrung und weiss viel eher was man will und was nicht.

Habt ihr auch Lieder, die ihr mal geschrieben habt, aber heute nicht mehr spielt?

Heinemann: Auf jeden Fall. Die erste Platte ist jetzt zehn Jahre her und da gibt’s natürlich viele Sachen, die uns damals repräsentierten und widerspiegelten, jetzt aber nur noch wenig mit uns zu tun haben. Das ist ungefähr so, wie wenn du fünf Sachen aufschreibst, die dir wichtig sind. Und dann machst du dasselbe nochmals in zehn Jahren. Vielleicht sind zwei Sachen immer noch drauf, aber es werden drei Sachen komplett anders sein und du würdest nie auf die Idee kommen, wie du diese drei Sachen aufschreiben konntest. Du machst eine Entwicklung durch und legst auf andre Sachen wert. Beim Texte schreiben ist es genau so. Ich würde jetzt nicht alles, was wir so geschrieben haben in Frage stellen, es gibt aber viele Sachen, die wir heute nicht mehr so schreiben würden. Oder zumindest sagen, „ja, der Ansatz ist ganz gut, aber das könnten wir heute besser.“

Sepalot: Was nicht heisst, dass es zu dem Zeitpunkt nicht gut gewesen wäre. Aber aus manchen Sachen wächst man halt auch raus. Und wenn das nicht so wäre, wär das bedenklich, traurig und beängstigend.  Aber wir haben immer in unserem Liveset alte Songs dabei und versuchen eine gute Mischung zu machen.

Wenn ihr auf den Weg von Blumentopf zurückschaut: Gibt es da auch Dinge die ihr bereut, wo ihr denkt, verdammt wieso haben wir damals nicht. . .?

Heinemann: (überlegt) Ein gutes Beispiel. . .

Es gibt in unserer Bandgeschichte kein einziges Kapitel von dem jeder sagen würde „Oh Gott, oh Gott“. Es gibt nichts – keine Entscheidung, wo wir sagen würden, dass es ein Fehler war.

Sepalot: Das waren dann eher so kleine Sachen, wie dass wir irgendwo ein Konzert gespielt haben wo es total schlecht war. Das hätten wir uns sparen können. Aber wir haben eigentlich schon immer ganz gut nach unserem Gefühl gehandelt.

Heinemann: Als wir letztes Jahr diese WM-Beiträge gemacht haben für die ARD, kam plötzlich die Anfrage von der Telekom, ob wir auf ihrem Betriebsfest spielen würden. Die meinten, da wir so spontan sind könnten wir ja einen Telekom-Song performen. Moment mal? Das sind ja wohl ein bisschen viel Ansagen auf einmal.

Euer Publikum hat sich ja bestimmt sehr verändert in den letzten Jahren.  Beeinflusst das auch euren Stil?

Heinemann: In der Hinsicht, dass unsere Musik immer geiler wird, ja!

Sepalot: Musik ist wie ein guter Wein!

Heinemann: Ja genau, „Musikmaschine“ ist wie ein guter Wein! Das ist ein Album bei dem sich viele Leute vor den Kopf gestossen fühlten als es rauskam. Sie fragten sich: „Wo ist der Topf-Sound?!“ und waren enttäuscht. Aber jetzt nach mehrmaligem Hören, melden sich viele und meinen „Tolles Album“. Du musst eben. . .

Sepalot: Dekantieren musst du! Erst mal aufmachen und ein bisschen Luft kriegen lassen.

Auf „Musikmaschine“ ist ja auch das Lied „Platz 80“ – Aber was wäre denn, wenn ihr nun wirklich mit Jeanette Biedermann in den Top 3 der Charts wärt?

Heinemann: Ich würde erst mal meine Digitalkamera herausholen und auf meiner MySpace-Seite im DIN A3 Format ein Foto davon hineinstellen. Aber wir waren ja auch schon auf solchen Veranstaltungen.

Sepalot: Und wir haben TopTen Alben gemacht, aber keine Single in die Charts gebracht.

„Fuck the System, wenigstens ein bisschen“ –Trifft das immer noch zu?

Sepalot: Na gut, das war ja so ein Song über Leute die früher mal die grossen Revoluzzer waren aber im Endeffekt. . .

Heinemann: Hey, ich müsst unbedingt mal schnell weg.

Sepalot: Ja, start du eine kleine Revolution!

Und was hat das mit eurem Leben zu tun? Immer noch ab auf die Strasse mit Antifa-Schal?  

Sepalot: Für meine Überzeugung schon. Man sieht sicher viele Sachen klarer im Laufe der Jahre – also wo Engagement Sinn macht und wo nicht. Es ist halt immer auch wichtig, dass man dahinter schaut, einen grösseren Horizont hat. Ich meine, blindlings gegen Atomkraft zu demonstrieren bringt auch nichts, denn Kohlekraftwerke sind noch beschissener. In jungen Jahren guckt man einfach nicht nach links und rechts und meint „Das ist scheisse, das muss weg“. Aber man überlegt sich gar nicht was kommt, wenn es weg ist. 

Seht ihr euch auch – wie in eurem Lied „Manfred Mustermann“ – mit 60 Jahren am Schneeschippen vor der Haustür?

Sepalot: Nein, ich hoffe, dass ich bis dann eine anständige Schneefräse habe! So ein kleiner Trekker, auf den man sitzen kann, das wär doch toll, nicht?

Heinemann: Naja, 60 Jahre, Klimaerwärmung, da brauchst du gar keinen Schnee mehr zu schippen.

Sepalot: Nein! Mein Lebensplan ist dahin! Ich zieh in die Schweiz, in die Berge.

À la „Flirtaholics“: Was ist denn dein schlechtester Anmachspruch?

Heinemann (mittlerweile wieder zurück) : Hey, ich mach ja keine Frauen an, und schon gar nicht schlecht! Aber: „Hey rap mal was!“ Das ist ein schlechter! „Wieso denn?“ „Ja für mich!“ (lacht)

Kommt das denn oft vor, dass ihr gleich auf eure Musik angesprochen werdet?

Sepalot: Mir ist neulich was Gutes passiert! Der IC-Schaffner hat meine Karte kontrolliert und schon von weitem hat er mich immer so abgecheckt. Dann hat er mein Ticket abgeknipst und sich immer wieder umgedreht, kam noch mal zurück und fragte ob ich es denn wirklich bin. Nach einer Viertelstunde kam er wieder zurück in seiner vollen Montur und Uniform und hat mir sein Demo in die Hand gedrückt, da war er aber in seinem Original-Outfit drauf. Das war super!

Heinemann: Ich hab auch so eine Geschichte, die ist fast an der Grenze zur Unfassbarkeit. Wir waren in München und hatten da einen Gastauftritt. Nach dem Soundcheck liefen wir raus aus der Halle und da standen eigentlich schon die Leute und auch die Polizei, die Kontrollen gemacht hat. Wir laufen an denen vorbei und die meinen „Hey warte mal! Kommt mal her!“ Der Andere: „Hast du ein Foto dabei?“ Dann haben wir mit denen ein Foto gemacht und Autogramme und so gegeben und gequatscht. Die haben uns dann gefragt ob sich was machen lässt mit Gästeliste und so. Da standen wir vor der Polizei und meinten: „Ja, sagen se mer erst mal ihren Namen!“ Das war ein Traum!

Der grosse Unterschied zwischen „Autos und Frauen“?

Sepalot: Der Unterschied ist leider sehr gering. Beides kostet viel Geld, macht viel Spass und im Idealfall sehen beide gut aus. Gut, Frauen machen schon mehr Spass. Kosten natürlich auch mehr Geld.

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