Kultur | 03.07.2007

Heiss, heisser, St.Gallen

Sonnenhüte, Eisstände, Kokosnüsse, anmutige Grazien in gewagten Bikinis, Engländer mit charakteristischem, von einer Überdosis Sonne gefärbten Teint - das Openair St. Gallen erinnerte zuweilen an einen Strand in Rimini und überzeugte durch phänomenale Stimmung.
Nicht so schlimm wie das Glastonbury, aber auch schon schlammig genug!
Bild: Tatjana Rüegsegger Lovefoxx von CSS tanzte in ihrem Pailettenoverall durch die Bühne. Emma Svensson Ob es wohl 99 Luftbalöne waren? Emma Svensson

Wenn der Begriff „Openair St.Gallen“ fällt wird oft Regen und Wind im gleichen Satz genannt. Das Festival in der Ostschweizer Metropole konnte schon zu viele Male nicht bei Sonnenschein stattfinden. Doch Petrus meinte es dieses Wochenende gut mit Mostindien und beschenkte die Openairfans mit schwül heissen Temperaturen und kühlen Nächten. Das gute Wetter wirkte sich offensichtlich auch auf die Stimmung der Festivalbesucher aus: Wo man hinschaute sah man Teenager die sich Wasserschlachten lieferten, Sonnenanbeter in der Hitze schmoren und fröhlich in kurzer Bekleidung die Hüften sexy zu rockigen Takten schwingen. Einzig um Punkt sechs Uhr am Sonntagabend öffnete sich der Himmel und das wartende Publikum wurde klatschnass: Der Auftritt von Snow Patrol, oder in diesem Zusammenhang eher „Rain Patrol“, war von Donnerblitzen begleitet. Doch die Schotten liessen sich die gute Stimmung nicht vermiesen, und es schien, als ob die Abkühlung dem Publikum gerade recht käme.

 

Weltstars auf der Sitterbühne

Nach der plötzlichen Nachricht, dass sowohl der quirlige Mika als auch die melancholischen, bewegenden Bright Eyes abgesagt hatten, hätte man schon eine gewisse Enttäuschung unter den Besuchern erwarten können. Nichtsdestotrotz lieferte eine um die andere Band einen phänomenalen Auftritt auf der Sitter- oder Sternenbühne, wobei sich aber die Performance immer deutlich unterschied: Bei Stress wippte ein Meer von Händen im Takt mit, The Locos machten ihrem Namen alle Ehre und gleichten einem wildgewordenen Zirkus, und bei Wir sind Helden schien das ganze Publikum auf der neuen deutschen Welle mitzureiten.

 

Alles gute kommt aus dem Untergrund

Doch für Anhänger der Indie-Rock-Szene gab es dieses Jahr einen triftigen Grund, ans St.Gallen zu pilgern. Denn viele Acts, die sich beispielsweise in Grossbritannien oben in den Charts tümmeln, sind hierzulande für viele noch nicht mal ein Begriff. Deswegen konnte man Bands wie die Klaxons, CSS oder The Twang noch in einer intimen Atmosphäre auf der Sternenbühne geniessen. Da die besagten Bands noch blutige Anfänger im grossen Showbusiness sind, galt es auch, sich einen guten Ruf einzuheimsen. Dies gelang mit Brillanz: Die Klaxons hoben die Zuschauer in ihre übernatürlichen Sphären und die Sternenbühne erstrahlte im Neonlicht. So abgedreht wie ihre Musik war auch ihre Performance – nicht zuletzt, weil sie sturzbetrunken waren. Am Samstag sorgten The Twang für Furore. Dank ihrer Popularität in Grossbritannien war ein britisches Gefolge von Fans angereist, weswegen es für die Newcomerband sozusagen ein Heimspiel war. Doch in Sachen Bühnenpräsenz waren die brasilianischen Ulknudeln von CSS allen voran: Sängerin Lovefoxxx brachte Karnevalstimmung, indem sie auf der Bühne zwischen Ballons in einem Glitteroverall herumwuselte und die Fans animierte, sich doch bitte auszuziehen.

Es platzte aus allen Nähten

Das lukrative Line-Up schien sich also als Publikumsmagnet erwiesen zu haben: Das Festival war restlos ausverkauft, und so waren mit Rucksäcken bepackte, Campingmätteli in der Hand haltende Teenager, die das Gelände nach einem freien Flecken abklapperten, keine Seltenheit. Die Mädchen liessen dann einfach ihren weiblichen Charme spielen und übernachteten bei ein paar grosszügigen Jungs mit noch grösserem Zelt. So geht das.