Kultur | 23.07.2007

Gummistiefel als Trumpf

Schwitzend rauf und patschnass runter: Janosch Szabo von Tink.ch war am letzten Samstag erstmals auf dem Gurten. Das Festivalabenteuer begann sonnig und endete im strömenden Regen. Dazwischen gabs viel gute Musik. Eine Reportage.
Füsse im Schlamm: Weit verbreitetes Phänomen am Gurtenfestival 2007.
Bild: Janosch Szabo Ziemlich nass, aber untern Schirm ist es gemütlich. Fotos: Anna Röthlisberger Der Strahlemann: Ritschi von Plüsch macht Stimmung auf der Hauptbühne. Tolle Stimmung vor der Waldbühne. Höhepunkt der Bandgeschichte: Pegasus rocken auf dem Gurten. Openairfeeling: Barfuss im Schlamm tanzen. My Name is George gaben Gas im Kampf gegen den Regen.

Es ist ein Uhr mittags. Ich stehe unten bei der Talstation der Gurtenbahn. Die Sonne brennt und die Leute stehen Schlange. Dazu habe ich keine Lust, also mache ich mich trotz viel Gepäck zu Fuss auf den Weg, rauf auf Berns Hausberg. Ich komme ganz schön ins Schwitzen, hinter und vor mir andere Festivalfans. Manche nippen unterwegs am ersten Bier, andere drehen sich bei der Rast einen Joint. Ich gönne mir als Aufputschmittel lieber ein paar Himbeeren vom Wegrand. Die schmecken ausgezeichnet.


Festivalfeeling pur oben auf dem Hügel

Vorbei an der Gurtenbar, wo eine Band Boogie-Woogie spielt, geht es weiter aufwärts. Schon zum sechsten Mal summt die Gurtenbahn vorbei. Die Leute drinnen grinsen, als sie uns hochstapfen sehen. Dürfen sie ja auch, schliesslich haben sie vorher eine halbe Stunde unten in der Kolonne gebrütet.

Fast ist es geschafft: Noch eine Herde schottischer Hochlandrinder rechts und der fantastastische Ausblick links und schon stehe ich vor dem Eingang zum Festivalgelände. Drinnen lade ich im Medienbereich mein Gepäck ab und strolche erst mal ein bisschen übers Gelände. Mit einer Glace in der Hand stehe ich oben am Hang und schaue auf die Waldbühne runter, wo gerade Magicrays die Gitarren singen lassen. Das ist Festivalfeeling pur, die Stimmung friedlich und locker.  

Ritschi und sein Freudenstrahlen

Punkt drei Uhr geht’s weiter mit Plüsch auf der Hauptbühne. Vielmehr als die Musik gefällt mir Leadsänger Ritschis Freudestrahlen. Es ist ansteckend. Plötzlich springt Ritschi von der Bühne und spaziert minutenlang singend durch die Menge, macht einen Bogen und kommt zurück zu seiner Band.

Aber dann fallen die ersten Regentropfen. Rasch werden es mehr. Kurzentschlossen mache ich einen Boxenstopp im Gepäckcontainer im Medienbereich, streife Regenhose und Regenjacke über, tausche Turnschuhe gegen Gummistiefel und setze meinen Regenhut auf.

Pegasus rocken die Waldbühne

Auf geht’s zur Waldbühne, diesmal aber bis ganz runter. Denn es spielen Pegasus aus Biel. Den Aufstieg der vier Jungs verfolge ich schon seit einigen Jahren. Und dieses Konzert auf dem Gurten ist sicher ein ganz besonderer Höhepunkt für sie. Ich bin sogar selbst ein bisschen nervös. Kommen sie wohl gut an? Kommen die Leute runter zum Tanzen? Sie kommen, denn schliesslich ist der Sixties Rock und Rock’n’Roll von Pegasus keine Musik zum Stehen- oder Sitzenbleiben. Noah, Gabriel, Simon und Stefan sind bestens drauf, spielen Altes und Neues aus ihrem Repertoire, Mitsingkracher wie „Down down“ oder Songs wie „run through the rain“ und „Rain Rock’n’Roll“, die bestens zum Wetter passen. Denn mittlerweile regnet es stärker. Der Party vor der Waldbühne tut das aber keinen Abbruch. Es wird getanzt – barfuss, in Flipflops, in Turnschuhen oder Gummistiefeln.  

Eine fette Hiphop-Show

Ein letztes Mal hört es auf zu regnen. Nebelschwaden ziehen den Hügel hinauf und hüllen das Festivalgelände ein. Ich hole mir eine Pizza, brauche was Warmes im Bauch. Frisch gestärkt suche ich mir ein gutes Plätzchen vor der Hauptbühne. The Roots stehen auf dem Programm. Die kenne ich nicht, bin gespannt, was da kommen wird. Eine fette Show, wie ich bald mal feststelle, mit ultralangen Rapmonologen und einer fantastischen Liveband. Die Sousaphoneinlagen, die Gitarren- und die Schlagzeugsolos sind umwerfend. Hiphop vom Feinsten. Für mich gibt es kein Halten mehr. Ich tanze – mitten in einem kleinen Tümpel. Der Regen hat wieder eingesetzt und wird immer heftiger.  

Patschnass von Aussen und Innen

Gleich nach The Roots bin ich wieder vor der Waldbühne, wo es mittlerweile ziemlich schlammig ist. Aber egal, ich hab ja Gummistiefel. My Name is George tauchen im Scheinwerferlicht auf und kämpfen mit sattem Indierock gegen das miese Wetter. Die Musik ist gut, aber meine Jacke lässt durch und die Wolken hängen tief. Ich gebe noch einmal Gas, dann ist Schluss. Ich kapituliere. Doch mit mir leider noch ein paar hundert andere Festivalbesucherinnen und –besucher. So stehe ich noch mindestens zwanzig Minuten vor der Bergstation der Gurtenbahn im strömenden Regen. So ein Mist. Als ich endlich unten im Zug nach Biel sitze, bin ich patschnass, von aussen und von innen, vom Regen und vom Schwitzen. Nur noch die Füsse sind trocken. Welch ein Glück, dass ich die Gummistiefel mitgenommen hatte.

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