Kultur | 30.07.2007

Ein Widerspruch in sich

Text von Claudio Notz
Wie Dinge des Alltags, wie Geld, Kurzsichtigkeit, das Leben, die verschiedenen Menschengrössen und vieles mehr für die Wissenschaft zum ernsthaften Problem werden, zeigen Kathrin Passig und Aleks Scholz in ihrem eben erst erschienenen "Lexikon des Unwissens" auf.
Auch Nichtwissen kann klüger machen. Dies beweist "Das Lexikon des Unwissens" auf widersprüchliche Art. Fotos: Claudio Notz

Dem gross propagierten Slogan des Buches, demzufolge man nach der Lektüre garantiert weniger wisse als zuvor, ist klar eine Absage zu erteilen. Denn zwei Dinge weiss man nach dem Lesen dieses Bändchens ganz bestimmt: Auch im Bereich der Naturwissenschaften gibt es Gebiete, die nicht restlos geklärt sind. Und Wissen, das sich als solches verkleidet, ist nicht unbedingt wirklich dem Wissen zuzurechnen. So zum Beispiel wenn es darum geht, die Narkotisierung eines Patienten vor der Operation zu erklären: Die Narkose funktioniert einfach, aus welchen Gründen ein Mensch mit den verschiedensten Wundermitteln der Anästhesie einschlummert, bleibt – sofern man den Autoren Glauben schenkt – bis auf weiteres offen.


Vom Sinn des Schlafens

Das Buch wirft Fragen über Fragen auf, deren Antworten noch nicht gefunden sind. Dazu gehört beispielsweise das Schnurren der Katze, das auch noch funktionieren soll, wenn die Gurgel von einem Hund durchgebissen wurde. Auch die Ursachen eines Schnupfens gehören zu diesen Fragen, die alle interessieren, aber noch niemand eine abschliessende Antwort präsentieren kann. Auch die Frage, weshalb Klebeband überhaupt klebe, sei noch nicht geklärt. Trotzdem können aber Klebeband-Hersteller immer wieder neue Klebstoffe herstellen – oder vielleicht auch genau deshalb: Weil der ultimative Klebstoff noch nicht gefunden wurde, zeigen uns die Klebstoff-Hersteller im Jahrestakt neue Werbungen, in denen das Klebeband von Mal zu Mal noch besser kleben soll.

Ausserdem stellt das Lexikon die Frage, die den Langschläfer wohl äusserst interessiert: Die Frage nach dem Sinn vom Schlafen. Es stellt sich nämlich heraus, dass auch in der Schlafforschung noch viel getan werden muss und vor allem neue Experimentierformen gefunden sein wollen. So sollte beispielsweise beachtet werden, dass ein Schlafentzug viel mehr Nebenwirkungen mit sich bringt als beim Normalschlafen weggeschlafen werden müssen.


Wissenschaftler noch nicht so bald arbeitslos

Es ist also keineswegs so, dass unsere Welt schon fertig beschrieben ist und nur noch Details zu erforschen sind. Auch alltägliche Dinge stellen immer noch Rätsel und je weiter man sich vom Erdboden entfernt, desto grösser werden auch die Rätsel. Das “Lexikon des Unwissens” zeigt auf, dass es wertvoll ist, auch zurück zu den Alltagsproblemen zu schauen um Lösungen zu finden und die Welt zu erklären oder verstehen. Es zeigt aber auch, dass die Naturwissenschaft nicht gefeit ist von Fehlern. Auch wenn schlussendlich alle Experimente und Versuche auf mathematische Formeln und Beweise zurückzuführen sind, müssen die Fragen während des Experiments richtig gestellt werden. Die Wissenschaft hat immer noch ein gutes Stück Arbeit vor sich, die Wissenschaftler werden also auch morgen noch nicht überflüssig werden. Es müssen nämlich Fragestellungen entwickelt werden, die auch wirklich das untersuchen, was sie zu untersuchen vorgeben. Die Welttheorie wartet noch immer darauf, endlich entdeckt zu werden.

Infos zum Buch:


Das "Lexikon des Unwissens" ist am 20. Juli bei Rowohlt in Berlin erschienen und zählt 254 Seiten. Es kostet in den meisten Buchhandlungen 30.60 Franken.

 

Die Autoren:

Kathrin Passig ist Geschäftsführerin der Zentralen Intelligenz Agentur in Berlin und schreibt für diverse Zeitungen und Zeitschriften sowie der Riesenmaschine. Sie hat 2006 ausserdem den Bachmann-Preis gewonnen.

Aleks Scholz arbeitet in Schottland als Astronom an der Universität von St. Andrews. Er ist Redaktor bei der "Riesenmaschine".

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