Kultur | 19.07.2007

„Ein ganz normaler Kerl“

Der Brite James Morrison erzählt von übereifrigen Fans, Madonnas Gefühlen und bastelt seine eigene Kontaktanzeige.
Bild: Stefanie Pfändler

Vor seinem Aufritt am Live at Sunset nahm der Shootingstar sich Zeit für ein Gespräch mit tink.ch. Nach Morrisons Erkundigungen über die verwirrenden Schweizer Begrüssungsrituale, konnte es losgehen. Der Singer/Songwriter aus Rugby, England, war erwartet freundlich und locker. Seine Antworten unterstütze er mit ausholenden Gesten, witziger Mimik und kleinen Stimmeinlagen. Wäre Morrison nicht so ein grossartiger Sänger, könnte man behaupten, dass an ihm ein Schauspieler verloren gegangen ist. Das erste Angebot aus Hollywood hat der 22jährige bereits abgelehnt. James Morrison – ein Mann mit vielen Talenten.

Ich habe auf deiner Homepage einige Zitate entdeckt, darunter folgende: «Er hat die charismatischste Stimme, die ein Engländer je besessen hat« (James beginnt abwehrende Laute von sich zu geben), «Die ausdruckstärkste neue Stimme des UK…« – Und da habe ich mich gefragt, wie du dich fühlst, wenn du so etwas hörst?

Das wird ziemlich häufig erwähnt, weil es die Leute meiner Online-Biographie entnehmen.

Sie sagen, du wärest der neue Otis Redding.

Das ist zuviel, zuviel. Das ist eindeutig zuviel. Ich habe nie so etwas gesagt. Niemals. Das ist, was andere Leute über mich schreiben. Das einzige was ich gesagt habe ist, dass ich von Leuten wie Otis Redding inspiriert worden bin, von Menschen, die mit Leidenschaft singen.

Aber du geniesst es, so etwas zu hören?

Ja klar, aber es ist zuviel, um dem wirklich gerecht zu werden.

Welches Kompliment würdest du denn persönlich am liebsten hören?

Natürlich will jeder individuell sein. Wenn jemand sagen würde, dass ich klinge, wie niemand sonst, dann wäre das genug für mich.

Du kennst bestimmt diese Kontaktanzeigen in Zeitungen und Internet, so à  la «Junge, 22, sucht Mädchen…« Wie würdest du dich da selbst beschreiben?

Also ich versuche brutal ehrlich zu sein, ja? Ich würde nicht versuchen mich hochzuspielen?

Kannst du gern, wenn du willst.

Nein, nein. (grübelt lange) Hmm, also ich bin von vielem geprägt und ich bin sehr fürsorglich. Also, ich würde mich gut um jemanden kümmern, wenn… (bricht ab)

…bitte sag mir dass dir diese Frage noch nie gestellt worden ist.

Doch, ist sie schon mal, aber ich bin richtig schlecht darin. Hmm… Ich bin abenteuerlich, in gewisser Weise. Ich mag es, neue Orte zu sehen und neue Dinge auszuprobieren. Und ich denke ich habe einen guten Sinn für Humor, ich bin nicht zu ernsthaft.

Man stellt sich manchmal vor, wie es wäre, berühmt zu sein. Ist es so, wie du es erwartet hast?

Es ist so komisch, weil es ja ich bin, realisiere ich es gar nicht. Ich sehe mich nicht als berühmte Person. Aber viele Leute wissen wer ich bin oder erkennen mich auf der Strasse. Weil ich ich bin, fühle ich mich den anderen berühmten Leuten gar nicht zugehörig. Das geht wohl jedem so. Madonna zum Beispiel, die fühlt sich wohl auch so. Ich weiss nicht…

Wie fühlst du dich auf diesen schicken Parties oder im Backstagebereich von Konzerten, wenn du irgendwelche Stars triffst?

Ach, ich hasse dieses schicke Rote-Teppich-Zeug. Na ok, ich hasse es nicht gerade, aber ich wäre lieber auf einer ganz normalen Party. Ich schleiche dann immer im Hintergrund herum, um nicht soviel Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich stehe nicht besonders gerne im Rampenlicht. Die Bühne ist der einzige Ort, wo ich das geniesse. In keinem anderen Bereich meines Lebens stehe ich im Mittelpunkt.

Bist du demnach etwas nervös, wenn du auf der Bühne stehst?

Eigentlich eher vorher. Sobald ich auf die Bühne trete, bin ich bereit loszulegen. Ich denke das ist wie bei einem Athleten. Plötzlich taucht dieser Gedanke in deinem Kopf auf, dass du heute vielleicht nicht gut sein wirst. Als Musiker ist es dasselbe. Wenn du auf die Bühne gehst und denkst «Oh, ich hatte eine kleine Erkältung heute morgen«, «Oh, ich habe nicht genug Schlaf gekriegt«, dann kann es passieren, dass du’s vermasselst. Es kommt wirklich darauf an. Wenn du dich optimistisch fühlst, kommt es nicht mehr darauf an, wie nervös du vorher warst.

Ist es dir schon mal passiert, dass du nach einer Show dachtest: «Oh mein Gott, das war jetzt richtig übel.«?

(lacht) Ja, einige Male. Da war dieses erste Mal, dass ich in der Nacht vor einem Gig noch ausging. Ich war betrunken und konnte nicht mehr richtig stehen…

(Ironisch) Ach ne, du betrinkst dich manchmal?

(Lacht) Natürlich tu ich das! Ich habe zu viele Lieder gesungen in jener Nacht, zu viel geraucht und am nächsten Tag gab ich dieses Konzert – und es war schrecklich. Die Leute fingen dann an, mich irgendwie anzulügen, so «Yeah, das war eine richtig gute Show«, aber ohne mir dabei in die Augen zu sehen. Na und dann hatte ich einige Male eine Erkältung, ging auf die Bühne und dachte, ich würde in Ordnung sein und dann stellte sich heraus, dass ich es doch nicht war. Aber da kannst du nichts dagegen machen.

Vermisst du es manchmal, auf der Strasse zu spielen? Oder geniesst du das grosse Publikum, die grossen Bühnen?

Manchmal wünsche ich mir, dass niemand wüsste, wer ich bin, dann könnte ich nochmals frisch anfangen.

Würdest du denn etwas anders machen?

Um ehrlich zu sein: Nein. Naja, seit mein Album herausgekommen ist, habe ich sehr viel gelernt. Wenn ich das alles von Anfang an gewusst hätte, wäre ich vielleicht weniger nervös gewesen. Ich war anfangs ziemlich besorgt, dass die Leute denken würden, ich sei irgend so ein verweichlichter Singer/Songwriter. Ich wollte, dass sie wissen, dass ich kein Weichei bin, dass ich singen kann. Nicht einfach so «lalala« (imitiert mit hoher Stimme) – ich bin ein Sänger. Es dauerte eine Weile, bis ich mich sicher genug fühlte, um nicht mehr so auf die Stimme zu drücken. Ich drückte unheimlich stark und war sehr verkrampft, weil ich so nervös war.

Glaubst du, dass deine Berühmtheit dich persönlich verändert hat?

Ich habe mich nicht verändert – ich musste mich einfach etwas mehr anpassen. Wenn ich zum Beispiel ausgehe, könnten die Leute mich erkennen. Es kommt darauf an wie ich mich fühle. Manchmal bin ich es mir bewusst und versuche, keine grosse Szene zu machen und so. Und manchmal ist es mir einfach egal, ich vergesse es und benehme mich total daneben. Die anderen sagen dann: «Na komm James, die Leute schauen schon.« Aber ich denke, das gehört einfach dazu. Ich schätze es sehr, dass ich nicht so zu tun brauche, als wäre ich ein arschkriecherischer Popstar. Ich kann einfach ich selbst sein – das ist das Tolle daran.

Wann konntest du das letzte Mal etwas völlig Normales tun? Fussball spielen, mit deiner Freundin ausgehen…?

Ich tue das sowieso sehr häufig, selbst wenn wir auf Tour sind. Mein Bruder tourt mit mir, so fühle ich mich die ganze Zeit, als hätte ich einen gewöhnlichen Tag. Musik ist ein grosser Teil meines Lebens, seit ich zwölf, vierzehn Jahre alt bin. Diese Seite ist also völlig normal. Einfach die Tatsache, dass viele Leute mich kennen, ist anders.

Wann wusstest du, dass du die Musik zu deinem Beruf machen willst?

Ich dachte daran als ich jünger war, aber ich war weder selbstsicher, noch gut genug. Als ich etwa sechzehn war, machte ich ziemlich viele Gigs, drei, vier pro Woche während des Sommers und verdiente gutes Geld. Es ist einfach irgendwie passiert. Ich dachte: «Ich geniesse das mehr als alles andere, was ich je gemacht habe. Wenn ich damit auch noch Geld machen kann, dann ist das grossartig.« Aber ich dachte dabei immer an Pub-Gigs. Ich hätte nie geglaubt, dass ich einmal so grosse Shows spielen würde.

Schaust du manchmal in den Spiegel und denkst «Wow, das ist mein Leben, ich hab’s tatsächlich geschafft.«?

Oh ja, das passiert. Alles geschieht so schnell, ich hatte gar noch nicht die Zeit, es wirken zu lassen. Ich werde wohl Ende des Jahres eine Auszeit nehmen und kann mir die Zeit nehmen, richtig darüber nachzudenken. Ich bin froh, dass ich nie versucht habe, besonders cool oder dies oder das zu sein. Ich wollte einfach ein paar Lieder schreiben, bei denen ich mich gut fühlte. Das weiterhin so zu machen, ist mein Ziel, mich nicht von der ganzen Bullshit-Seite beeinflussen zu lassen. Es gibt so viele tolle Sachen, aber es bringt auch viel Bullshit mit sich. So lange du das ignorieren kannst, es nicht ernst nimmst…

Woraus bestehen denn diese schlechten Seiten?

Du triffst auf Leute, die dich aussaugen, deine Energie, die Stücke von dir wollen, die glauben, dass du ihnen etwas schuldig bist. Wie diese eine Frau, die meinte: «Ich bin neun Stunden gefahren, um zu deinem Konzert zu kommen. Das mindeste, was du tun kannst, ist dieses verfluchte T-Shirt zu unterschreiben.« Oder dann gibt es solche, die dich noch nie getroffen haben, dich irgendwie hochnehmen wollen und viel zu viel darüber nachdenken, was sie sagen sollen. Und dann sagen sie etwas, dass nicht besonders nett ist und du fragst dich «Hm, wieso sagst du jetzt so was?« Aber die meiste Zeit ist es grossartig. Ich liebe meinen Job einfach.

Woran denkst du, wenn du auf der Bühne stehst? Checkst du die Mädchen in der ersten Reihe ab oder denkst du an die Lieder…

(lacht) Natürlich checkst du Mädchen ab. Aber klar, du denkst an die Lieder, daran, was du gefühlt hast, als du sie geschrieben hast. Mein Gehör ist immer darauf konzentriert, was ich als nächstes tun werde. Ich bin immer einen Schritt voraus. Aber meistens drifte ich weg und sehe die Leute nicht einmal mehr, ich schaue zwar, aber mein Kopf ist total in dem Lied.

Viele deiner Lieder sind ziemlich melancholisch. Kann es da nicht auch belastend sein, immer wieder in diese Stimmung einzutauchen?

(ruft aus) Ja, aber total! Manchmal habe ich ein riesen Hoch und bin so glücklich und das letzte was ich tun will, ist einen traurigen Song zu singen. Wie zum Beispiel «Last goodbye«. Am Ende eines Gigs bin ich vollgepumpt mit Adrenalin und dann muss ich plötzlich todtraurig sein. Aber das ist ein Teil meines Jobs. So ist es nun mal Sänger zu sein, du musst ein Lied rüberbringen können, egal wie du dich gerade fühlst. Das ist wie bei einem Schauspieler: Du stützt dich auf etwas, das dich beeinflusst hat, dich traurig oder glücklich gemacht hat. Das lässt sich durchaus projizieren.

Hängt es dir manchmal zum Hals raus, deine grossen Hits zu spielen wie «You give me something« oder «Wonderful world«?

«You give me« ist wohl jener, bei dem das am meisten zutrifft. Ich kann ihn immer noch singen, kann es immer noch geniessen aber ich habe dieses Lied einfach schon so viele Male gespielt. In Radiostationen, an Gigs, in Läden, einfach überall. Manchmal denke ich dann so: «Oh Gott, nicht schon wieder.« Aber «Wonderful world«, das liebe ich immer wieder aufs Neue. Es handelt nicht von mir, sondern von diesem anderen Typen. Ich denke dabei immer an ihn. Das ist auch eines dieser Lieder, von dem ich mir immer gewünscht habe, dass die Leute mitsingen.

Leider müssen wir schon zu meiner üblichen letzten Frage kommen. Gibt es etwas, das du noch nie gefragt worden bist und unbedingt einmal beantworten möchtest? Das ist deine grosse Chance.

(In diesem Moment kommt James Bruder dazu, worauf dieser ihn gleich um Rat fragt.)

Bruder: Das muss aber eine einfühlsame Frage sein!

James: Ach, mir kommt nichts in den Sinn.

Bruder: Na los, du beschwerst dich doch dauernd, dass dir immer die gleichen Fragen gestellt werden, was möchtest du denn lieber gefragt werden?

Du kannst ihn auch gerne etwas fragen, wenn du möchtest.

(James‘ Bruder wehrt lachend ab.)

James: Hm, da kommt mir so spontan wirklich nichts in den Sinn.

Was müssen wir denn wissen, wenn wir James Morrison kennen wollen?

Ich bin einfach ein ganz normaler Kerl, der gerne singt. Das ist alles.

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