Kultur | 09.07.2007

„Ein Album zu machen ist wie Hausaufgaben“

Die Klaxons besuchten das St. Gallen kurz nachdem sie im englischen Glastonbury vor einer halben Million Leuten aufgetreten waren. Doch Sänger und Keyboarder James Righton sieht den Erfolg gelassen und redet lieber über Dr. Dre und was ein Placebo-Mitglied von ihm auf der Toilette wollte.
James während dem Konzert am frühen Samstag Morgen. Fotos: Emma Svensson Das Publikum folgte jeder einzelnen Bewegung des Leadsängers. James Righton von Klaxons spricht nicht nur Spanisch, sondern auch Französisch und Deutsch, wenn es sein muss.

Hallo James! Zuletzt konnten wir noch euren Auftritt im kleinen, familiären Abart Club in Zürich geniessen, und nun, drei Monate später, steht ihr schon an einem der grössten Schweizer Festivals auf der Bühne – wie erlebt ihr euren rasanten Aufstieg?

James: Im Grunde genommen sehen wir keine grosse Differenz zwischen unserer jetzigen Situation und derjenigen vor ein paar Monaten. Als Künstler machst du im Grunde genommen immer dieselben Dinge: Interviews geben, Shows spielen, halt das Übliche. Der einzige Unterschied besteht wohl darin, dass Journalisten uns viel gezielter auf unsere Berühmtheit und den Rummel um uns ausfragen. Ausserdem wollt ihr Reporter wissen, wie es um unsere Gefühle dabei steht. Ich weiss jedoch nie so recht, ob ich euch Journalisten mein Herz ausschütten soll, in dieser Hinsicht.

 

Ach, dann vertraust du uns also nicht?

Nein, ich mag Journalisten, ganz speziell in diesem Land, oder sagen wir einfach ausserhalb der UK. Die Sache ist einfach, dass ihr Nicht-Briten hierzulande diesen etwas überladenen Eindruck vom Zustand der Nu-Rave-Szene in England habt. Bei unserem Besuch in Zürich wurden wir am laufenden Band über Nu Rave, das heisst die Musik und die Szene, ausgefragt. Der Witz dabei ist aber, dass die Wirklichkeit vollkommen anders aussieht: Ihr glaubt dass ganz England mit Neon (Anm. d. Red. Die Farben des Nu Raves) bepinselt sei. Dies ist aber keineswegs der Fall: Nu Rave is sicherlich ein Teil der Popkultur geworden, doch es ist in der Tat eine Illusion, dass eine Szene existiert.

 

Also nervt es euch über Nu Rave zu reden?

Das kann man nicht so sagen, wir haben uns das ja schlussendlich selbst eingebrockt. Es wird mit der Zeit einfach langweilig tagein tagaus dasselbe zu erzählen.

 

Gut, dann schneiden wir ein komplett anderes Thema an: Im Abart habt ihr uns damals erzählt, dass ihr für das nächste Album eine Zusammenarbeit mit Dr. Dre plant. Im populären englischen Musikmagazin NME trugst du auf den Bildern, die auf euer Amerika Tour aufgenommen wurden, immer ein Dr. Dre T-Shirt.

Das ist jetzt ja wirklich peinlich. Ihr kriegt hier auch das NME? Wisst ihr, ich habe das T-Shirt getragen seit ich damit auf dem NME-Cover abgelichtet wurde. Doch ich dachte dass man auf dem europäischen Festland das NME nicht liest! Da habe ich mich wohl getäuscht – als Künstler kann man doch nicht ein Shirt zweimal tragen (lacht).

 

Hat sich wenigstens das Abtragen deiner Garderobe gelohnt? Hat Dr. Dre bei euch angeklopft?

Ja, sein Plattenlabel hat sich mit uns in Verbindung gesetzt, wir haben da also tatsächlich etwas am Laufen. Es ist relativ interessant dass die Hip-Hop Community so nett zu uns ist. Kanye West hat uns kürzlich angesprochen und uns gesagt, wie toll er unsere Musik findet. Es hat einen hohen Stellenwert, wenn ein Lob von einem Musiker ausgesprochen wird. Wir werten das höher als ein Kompliment von einem Journalisten oder Manager. Musiker haben es nicht nötig, etwas Nettes zu sagen. Sie haben folglich eine viel kritischere Sichtweise.

 

Das bedeutet ihr werdet allmählich auch in Amerika bekannt? Ihr seid sicherlich nicht umsonst dort auf Tour gegangen.

Wir denken das Ding kommt auch in den USA ins Rollen. Sicherlich wissen wir, dass es für uns als Band noch früh ist, den Sprung nach Amerika zu wagen. Doch auf MTV läuft unser Video zu „Golden Skans“ rauf und runter. Ausserdem gehen wir ein weiteres Mal in nächster Zeit auf Tour in Amerika. Es ändert sich momentan viel für uns.

 

Frankreich scheint wohl auch ziemlich Gefallen an euch zu gefunden zu haben.

In der Tat! Neben England ist Frankreich das Land wo wir die meisten Fans gewonnen haben. Ich verstehe aber nicht wirklich wieso. Die Franzosen pflegen eigentlich eine ziemliche Abneigung gegen uns Briten. Es ist eines der einzigen Länder die eine wahrhaftige Resistenz gegen britische Bands haben. Vergleicht einmal das Line-Up eines französischen Festivals mit demjenigen von St.Gallen. Dieses Jahr fühlen wir uns wie zu Hause, eine einzige Invasion von britischen Bands. Doch in Frankreich gibt es wie schon gesagt eine Art Ablehnung gegenüber UK-Bands, deswegen findet man unserere Landesgenossen nicht in den französischen Charts. Wir können also dankbar sein für die französische Toleranz gegenüber uns Klaxons.

 

Ist die Arbeit am neuen Album in vollem Gange?

Ja, wir arbeiten kontinuierlich daran. Wenn du das nicht tust, hängst du nur noch faul herum. Erwartungsdruck von Aussen kommt immer recht. Falls dieser nicht da ist, lehnst du zurück. Man kann es ein bisschen mit Hausaufgaben vergleichen.

 

Und wie wird sich die neue Platte von der alten unterscheiden?

Sie wird um einiges besser sein, viel klarer, übertriebener. Wir fühlen uns sehr selbstbewusst im Bezug darauf. „Myths of the near future“ war ein toller Start, uns gefällt dieses Album wirklich, doch das zweite wird es um Vieles übertreffen.

 

Wird es rockiger sein als das letzte?

Es wird von allem eine Portion mehr haben. Mehr Pop, mehr Rock, mehr Melodie. Übertriebener, wie schon gesagt. Wir hatten die Möglichkeit, mehr zu experimentieren, da sich unsere Studiokenntnisse verbessert haben.

 

Macht es euch Angst dass ihr so plötzlich so… (auf der Suche nach dem Wort „successful“) „erfolgreich“ (spreche es in Deutsch aus) seid?

Successful?

 

Du sprichst Deutsch?!

Ach, ist doch eh alles das Gleiche.

 

Naja, Deutsch tönt einfach so: CH-CH-CH

Tja, und Englisch klingt nach „S-S-S“

 

Kannst du „Chuchichäschtli“ sagen?

(In perfektem Schweizerdeutsch) „Chuchichäschtli“

 

Jetz sind wir aber beeindruckt

Ich habe einmal in Spanien gelebt. Im Spanisch hat es auch viele Wörter mit „Ch“ (zählt ein paar Schimpfwörter auf).

 

Sprichst du also Spanisch?

Spricht ihr Spanisch?

 

Äh, nun, sehr dürftig. Sprichst du Französisch?

Gute Frage, ich arbeite daran. Beim vierten Album bin ich dann Zweisprachig. Wir werden übrigens den Song „As above so below“ auf Französisch singen. Das verlangen die Franzosen von uns. Wir haben aber noch ein paar Schwierigkeiten mit der Übersetzung.

 

Und als nächstes grosses Projekt steht Amerika an?

Nicht nur Amerika, sondern der ganze Globus. Wir werden im grossen Rahmen touren. Es gibt da auch Anfragen aus Australien und Japan, was wir ziemlich abgedreht finden. In japan sind wir sogar noch grösser als Snow Patrol. Völlig irrsinnig, die fahren dort irgendwie völlig auf britische Jungs ab. Da haben wir aber selbstverständlich nichts dagegen (lacht). Japanerinnen sind süss. Auch sie haben diese „Heile-Welt“-Vorstellung von Grossbritanien. Deswegen können auch die kleinsten englischen Bands absolut gross in Japan herauszukommen.

 

Simon (Klaxons) und Lovefoxx (CSS) haben seit längerem eine Beziehung. Die Presse präsentiert die beiden gerne als das ultimative Nu-Rave Traumpaar. Nervt euch der Fokus auf deren Liaison manchmal?

Nein, nicht wirklich. Sie sind ein normales Pärchen und fertig. Ausser das sie lediglich Händchen halten und sich tief in die Augen schauen. Sonst läuft da nicht mehr (lacht).

 

Komisch dass ihr und CSS nicht am selben Tag hier seid. Da können sich die beiden Turteltäubchen ja gar nicht sehen.

Das finden wir in der Tat auch komisch. Dafür spielen wir gleichzeitig mit Placebo. Irgendwie haben wir das Gefühl dass sie das eingefädelt haben. Einmal hat mich der Gitarrist von Placebo mit auf die Toilette gezogen.

 

(Tink ist sprachlos.)

Das war merkwürdig: Nach dem Toilettengang hat er mich nicht einmal mehr beachtet. Wir gingen zuerst rein, ich fragte mich was passiert, und nachdem er sich erleichtert hatte, verliess er wieder die Toilette. Jetzt habe ich etwas Angst vor ihnen (grinsen). Komische Band. Natürlich nicht im Bezug auf die Musik.

 

Am Glastonbury Festival letztes Wochenende seid ihr auch aufgetreten. Es ist das weltweit grösste Openair. Das muss euch doch sicher ein wenig eingeschüchtert haben.

Es hat unser Leben verändert. Unbeschreiblich eindrücklich. Wir hatten ziemlich Respekt davor, auch Lampenfieber. Doch Glasto kann fast nicht schlecht herauskommen. Es ist mit keinem anderen Festival vergleichbar – 500 000 Leute rocken zusammen unter freiem Himmel.

 

Spürt man massive Unterschiede zwischen dem Publikum in verschiedenen Ländern?

Bestimmt. Zu Hause saufen die Fans munter darauf los – da gibt es kein Halten mehr. Ich glaube England unterscheidet sich im Bezug auf die Partys von ziemlichen allen anderen in der Welt: wir schauen einfach immer zu tief ins Glas. Das äussert sich natürlich darin, dass die Briten es übertrieben krachen lassen – die spinnen die Briten (lacht). Aber so entstehen die allerbesten Parties. Bei euch hingegen geht es um einiges anständiger zu und her.

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