Kultur | 08.07.2007

Durch Selbstironie am Boden geblieben

Sie haben nichts mit Tokio Hotel und der "Neuen Deutschen Welle" am Hut. Trotzdem sind die Beatsteaks in Deutschland mittlerweile berühmt wie nie und werden seit Jahren als beste Liveband ever gehandelt. Tink.ch sprach mit Schlagzeiger Thomas Götz über Nationalstoltz und Motivation zum Musikmachen.
Frontmann Arnim Teutoburg-Weiss wagt sich runter von der Bühne.
Bild: Emma Svensson Thomas Götz im Gespräch mit Tink.ch. Tatjana Rüegsegger Ohne Frage ein echter Entertainer. Emma Svensson

Hallo Thomas. Erzähl uns doch bitte einmal wie die Beatsteaks sich kennen gelernt haben. Euch gibt es ja schon eine ganze Weile.

Thomas: Also, zuerst muss ich natürlich sagen, dass ich erst 1999 dazu gekommen bin. Der Bassist und der Gitarrist hatten zuerst einfach die Idee, zusammen eine Band zu gründen, aus purem Vergnügen. Sie haben anfangs einen Sänger engagiert, der so scheisse war, dass sie ihm falsche Probezeiten angegeben haben, damit sie nicht zusammen üben mussten. Auf die Dauer hat das natürlich nicht geklappt (grinst). Als Arnim dann dazu stiess, wollte er eigentlich auch Gitarre spielen. Doch da dieser Posten bereits besetzt war, dachten sie, er könne doch eigentlich den Sing-Part übernehmen. Zuerst sträubte er sich vehement dagegen, aber mit etwas Überzeugungskraft willigte er dann ein. Nach ein paar Coverversionen dachten sie dann, sie könnten es wagen, eine Demoversion aufzunehmen. Das war etwa 1996. Diese Vierspurdemo hat unser jetziger Manager, Eric Landmann, in die Finger bekommen. Darauf gingen wir mit verschiedenen Bands auf Tour: Mit den Sex Pistols oder Faith No More. Aus der ersten Platte wurde einen Zweite, und aus der Zweiten eine Dritte. Da waren wir uns einig, dass die Beatsteaks mehr als eine reine Freizeitbeschäftigung sind.

 

Wenn man schon so lange als Band besteht, gibt es dann überhaupt noch eine Motivation, weiterzumachen?

Ich denke, es braucht keine Motivation für mich, um Musik zu machen, da ich schon immer in einer Band spielen wollte. Wenn du etwas gerne machst, dann musst du nicht dafür motiviert werden. Wenn ich merke, dass ich während dem Spielen ständig an etwas Anderes denke, als  an dieMusik, dann weiss ich , dass es an der Zeit ist, mit der Musik aufzuhören. Wir sprechen und diskutieren sehr offen in der Band, was eine gute Atmosphäre schafft und dich vor schlechten Überraschungen bewahrt.

 

Das heisst ihr seid wie eine grosse Familie…

Und dort fliegen ja bekanntlich auch oft die Fetzen in Diskussionen. Wir wissen aber mittlerweile, wo das „Wespennest“  bei jeder einzelnen Person liegt, und natürlich sollte man dann dort nicht unbedingt reinpieken.

 

Ihr seid ja bekanntlich die beste Liveband die es gibt. Was ist für euch wichtiger: Live zu spielen, oder Alben aufzunehmen und zu produzieren?

Das Live- Spielen hält uns am Leben. Wir nehmen Alben auf, um live spielen zu können und zu touren. Vor so vielen Leuten zu stehen und aufzutreten ist wie eine gigantische Party. Uns geht es nicht darum, die am meisten ausgeklügelten Solos zu haben oder die tiefgründigsten Texte zu machen, sondern ein rockiges Album zu produzieren mit guten Songs, zu denen man so richtig Party machen kann.

 

Das heisst ihr werdet nie aufhören zu touren?

Nein, wenn wir gesund bleiben, dann nicht.

 

Wieso singt ihr auf Englisch und nicht auf Deutsch? Wollt ihr auf diese Art ein grösseres Publikum ansprechen?

Unsere Bandmitglieder sind alle mit englischer Musik aufgewachsen, deswegen ist es für uns sozusagen normaler, englische Texte zu schreiben.

 

Das Phänomen der Neuen Deutschen Welle betrifft doch sicher auch die Beatsteaks als deutsche Band. Musik aus Deutschland ist in. Inwiefern erlebt ihr den neu gewonnenen deutschen Nationalstolz?

Ja, man redet überall davon, es gibt auch zahlreiche Diskussionen in den Medien darüber. Ich bin ja auch ein Fussbalfan und folglich unterstütze auch ich die deutsche Fussballmannschaft an der WM. Aber ich scheisse auf jegliche Art von Nationalstolz. Nationalstolz ist echt zum Kotzen, denn was kann man schon dafür, in welchem  Land man geboren wurde? Es gibt keinen Grund, sich darauf etwas einzubilden, woher man kommt. Was habe ich schon dafür gemacht, dass ich in Deutschland auf die Welt gekommen bin? Rein gar nichts. Ich mag die Landschaft, und es gibt auch sonst tausende Gründe wieso man ein Land geil finden kann. Es gibt die Elbe, ein paar coole Bars, blablabla. Das wäre auch schon alles. Andere Länder haben auch Qualitäten.

 

Was hältst du von den Bands, die man zum Genre der Neuen Deutschen Welle zählt? Gibt es etwas Spezielles, das diese Musik auszeichnet?

Neue Deutsche Welle eins, Neue Deutsche Welle zwei, drei, vier, fünf… Das sagt doch gar nichts aus. Es gab schon immer erfolgreiche Bands, die auf Deutsch sangen. Und gleichermassen auch solche, die auf Schweizerdeutsch sangen. Aber von diesen ganzen Szene-Revivals halte ich nicht viel. Das ist doch reine Vermarktung.

 

Hast du irgendwelche Idole?

Natürlich, ganz viele sogar, denn jedes zeichnen seine verschiedenen Qualitäten aus: Zum Beispiel The Clash, Johnny Cash wegen seiner Intensität und seiner politischen Einstellung. Billie Holiday hat mich auch sehr inspiriert, sie setzte sich für die Frauen ein, kämpfte für die Schwarzen. Sie war keine Eintagsfliege, bei ihr zieht sich eine vielsagende Message wie ein roter Faden durch ihre Songtexte.

 

In Deutschland habt ihr schon sehr viel erreicht. Könntet ihr euch vorstellen, auch in anderen Ländern durchzustarten?

Ich habe zwar keine Karrierepläne, doch zufrieden bin ich auch nicht, denn das würde bedeuten, ich hätte nichts mehr, wofür ich mich einsetzen müsste.

 

Was verstehst du unter dem Begriff, eine Indieband zu sein? Seid ihr Indie?

Och, ich bin schon ein bisschen älter. Wir haben damals wohl noch etwas Anderes darunter verstanden als heute. Zuvor verstand man darunter eine Band, die bei einem unabhängigen, kleinen Label unter Vertrag ist. Wir sind in einem Major Label, also sind wir keine Indieband. Waren es aber lange genug (lacht).

 

Wie würdet ihr euren Sound dann also beschreiben?

Als Gitarrenmusik, irgendwo zwischen Punk und Rock.

 

Viele Bands sagen, dass euer neues Album um einiges schlechter sei als seine Vorgänger. Kriegt ihr solche Kritiken oft bei der Veröffentlichung eines neuen Albums zu hören?

Schon bei unserem Album „Smack Smash“ mussten wir anfangs viel Kritik einstecken. Die Leute brauchen einfach eine gewisse Anpassungszeit an neue Klänge. Aber schlussendlich ist ja „Smack Smash“ auch sehr positiv aufgenommen worden. Das neueste Album ist für mich immer das Beste, das Frischeste. Die älteren sind die Übergänge. Wir kennen langsam die Skepsis, die unseren neuen Platten entgegengebracht wird.

 

Also nehmt ihr Kritik nicht wirklich ernst?

Nein. Ausser bei Konzerten. Die Reaktionen dort sind die ehrlichsten und repräsentativsten und zeigen, wie gut und tanzbar unsere Musik tatsächlich ist.

 

Eure Videoclips sind ja generell ziemlich ausgeflippt. Man sieht, dass ihr euch selbst nicht sehr ernst nehmt.

Wenn du dich selbst ernst nimmst, hast du schon verloren. Wir machen uns gerne zum Affen, um zu zeigen, wie lustig und normal wir sind. Selbstironie. . .

. . .ist eine Art, am Boden zu bleiben? Sozusagen Selbstironie zum Schutz vor dem Abheben?

Sehr schön. Selbstironie um am Boden zu bleiben. Das ist es.

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