Gesellschaft | 30.07.2007

Die Sammleramazone

Text von Edith Truninger | Bilder von Stefan Wallimann
Die dritte Amazonen-Episode dreht sich um Lockenkopfs seltsame Leidenschaft für eine Baumwurzel, sowie um die Frage, wie weit man gehen sollte, um zu bekommen, was man will.
Vier Freundinnen fürs Leben: Die Amazonen.
Bild: Stefan Wallimann

Eine Sammelleidenschaft haben viele Menschen. Katzenfiguren, Briefmarken oder Kaffeerahmdeckel sind die Klassiker. Manchmal ist das Sammeln aber auch so nah am Menschen und seinen Interessen, dass es gar nicht so auffällt. Ich bin ein Wortmensch und sammle daher Worte. Wenn ich beispielsweise ein Buch lese und mir gefällt eine Passage oder auch nur ein einzelner Satz besonders gut, schreibe ich ihn zuerst in mein Tagebuch und später in ein eigens dafür vorgesehenes Notizbuch. Dieses Büchlein ist mir heilig, ich verwende darin meine Schönschrift und es tut gut, eine Sammlung von Wortzitaten zu haben, die mich irgendwann einmal berührt haben. Das Büchlein ist sozusagen ein kleines literarisches Kaleidoskop meines Lebens und niemand weiss davon. Das Sammeln passiert so im Vorbeigehen.

Auch Lockenkopf hat eine Sammelleidenschaft, von der ich bisher nicht direkt etwas wusste. Lockenkopf ist ein kreativer Kopf und was sie über alles liebt, ist basteln. Wenn sie also bei jemandem zu Hause ist und etwas selbst Gebasteltes sieht, merkt sie sich die Idee. Damit ist es aber nicht getan. Sie sammelt auch Materialien aus der Natur, von denen sie weiss, dass sie sie irgendwann für ihre Basteleien verwenden könnte. Ihr Lieblingsmensch hat sich bereits beschwert, dass Lockenkopf auf Wanderungen bei jedem Stein stehen bleibt und ihrer Sammlerleidenschaft frönt.

Und einmal trieb sie es auf die Spitze: Auf einem Spaziergang im Wald hatte sie einen besonders schönen Wurzelstrunk gesehen. Weil er etwas klobig und gross war, liess sie ihn schweren Herzens zurück. Weil sie ihn aber nicht vergessen konnte, fuhr man mit dem Auto zur besagten Waldlichtung zurück um ihn zu holen. In der Zwischenzeit hatte sich eine Familie auf der Lichtung fürs Grillieren eingerichtet und war im Begriff, ein Lagerfeuer zu entzünden. Als Lockenkopf die Lichtung erreicht, registriert sie nur noch die Wurzel – ihre Wurzel – die soeben ins Feuer geworfen wird und zu brennen beginnt. Ihr Lieblingsmensch soll noch zu ihr gesagt haben: „Diese Wurzel brauchst Du doch nicht“. Aber für Lockenkopf gibt es jetzt kein Halten mehr und sie schreitet amazonenmässig zur Tat. Wie eine Verrückte springt sie aus dem Wald heraus auf die Lichtung und schreit: „Das ist meine Wurzel!“ und zieht die bereits brennende Wurzel beherzt aus dem Feuer. Die Familie macht natürlich grosse Augen. Eine Frau, die aus dem Wald springt und Anspruch auf eine Wurzel erhebt, ist ihnen nicht geheuer. Und der Lieblingsmensch steht daneben und schämt sich ein bisschen. „Mir hat das Herz geschmerzt, als ich die schöne Wurzel im Feuer gesehen habe“, berichtete mir Lockenkopf später. Durch das Feuer sehe der Strunk jetzt leicht angekohlt aus und das mache ihn noch viel spezieller, meinte sie noch.

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