Kultur | 10.07.2007

Bis sich die Dachbalken biegen

Die Mittelalter-Bands Faun und Omnia verleiten den Zuschauer mit «Pagan Folk» zum Träumen von längst vergangenen Zeiten.
Sie beschwören vergangene Zeiten herauf: Faun aus Oberbayern. Lieblich wie Elfen. . . . . .und stark wie Krieger geben sich die Musikerinnen und Musiker der Band.

Wer in Thun Bauten aus dem Mittelalter sucht, der wird schnell fündig: Das auf einem kleinen Hügel trohnende Schloss ist aus beinahe jedem Winkel der Innenstadt zu sehen. Auch die Stadtmauer, der Jakobsweg und die Scherzligenkirche zeugen von der Zeit als Ritter und Burgfräuleins in der Stadt umherspazierten. Der Verein „Mittelalter Thun“ lässt die zahlreichen Geschichten, die sich um das mittelalterliche Thun ranken, wieder aufleben. Ausserdem organisiert er im alten Rittersaal des Schlosses Konzerte wie sie sonst niergendwo zu sehen und hören sind. Es begegnen einem kostümierte Frauen und Männer, die einem Xena-Film entsprungen sein könnten. Die Frauen tragen Röcke und Korsagen, die Männer gewanden sich in Mäntel und Stiefel und fast jeder ist mit einem Kuhhorn ausgerüstet aus dem er seinen «Met», einen süssen Honigwein, schlürft. Auch einige Anhängerinnen der Gothicszene, erkennbar an den schwarzen Klamotten und den bleichen Gesichtern, trudeln ein. Und alle warten sie auf ihre Helden: Die Musiker der Bands Omnia und Faun.

Bleibt bitte taktlos
Als erstes wird auf der Bühne eine ungewöhnliche Bitte ausgesprochen: Tanzt nicht alle im gleichen Takt! Der Grund: Die Balken, die den Rittersaal halten, haben mehrere hundert Jahre auf dem Buckel. Wenn da eine wilde Meute munter drauf los trampelt und herumhüpft, ist die Gefahr, dass sie ein Stockwerk tiefer segelt, gross. Wenn man sich im unteren Stock befindet, hört man es deutlich: Das Holz knarrt besorgniserregend. Also geben sich die Zuhörer Mühe, möglichst nicht im Gleichschritt wie der Nachbar zu trippeln.

Omnia – Natürlich keltisch

Die Mitglieder der niederländischen Band Omnia, fallen schon draussen beim Warten auf dem Schlossplatz vor dem Konzert auf: Allesamt haben sie sich Spiralen und Ornamente auf die Gesichter gemalt. Im Rittersaal wissen die Musiker dann aber nicht nur mit ihrer äusseren Erscheinung, sondern mit ihrem „Pagan Folk“ zu überzeugen. Diese Stilrichtung verwenden die Künstler um ihre Lieder zu schubladisieren, wenn es denn unbedingt sein muss. Die liebliche Jenny, die in jedem Märchenfilm als Fee überzeugen würde, zupft auf der keltischen Harfe. Begleitet wird sie von Frontmann, Sänger und Flötist, Sic und Luka steuert Urwaldklänge mittels Digeridoo bei. Joe untermalt das Ganze auf der Gitarre. Sic beklagt sich über die Welt von Heute: „Hollywood, MacDonalds und andere amerikanischen Gehirnwäsche-Organisationen verseuchten die Menschen. Viele Leute sind sich das Wichtigste gar nicht bewusst: Wir sind freie Menschen! Deswegen sollten wir uns nicht von den Zwängen des Systems fertig machen lassen, sondern auf unseren kleinen Kelten, den jeder tief in seinem Herzen trägt, hören.“

Nach dieser Rede lassen sich die Hippiefrauen in der vordersten Reihe noch mal so richtig zu einem gar freigeistigen Ausdruckstanz hinreissen.

Immer wieder holen Omnia ihre Kollegen von der bayrischen Gruppe Faun auf die Bühne. Dieses Zusammenspiel bildete den Höhepunkt des Abends. Es ist eindrücklich zu beobachten wie Musik Sprachgrenzen überwindet und die verschiedenen Akteure zu einem Ganzen verschmelzen lässt.


Faun – ein Fuss im Mittelalter und einer im Jahr 2007In einschlägigen Mittelalter-Begeisterten-Kreisen ist die aus Oberbayern stammende Gruppe Faun schon lange kult. Unter anderem tragen die begnadeten Musiker Oliver, Lisa, Fiona und Rüdiger ihre Lieder in Mittelhochdeutsch, Altisländisch und Spätallemanisch vor. Beeinflusst wird die Musik von keltischem Folk und mittelalterlicher Musik, auch arabische Melodien sind herauszuhören. Passende Naturgeräusche, Bass und moderne Einflüsse werden mit dem Computer untergemischt – es entsteht ein einzigartig zauberhafter Klangteppich. Wenn die beiden Sängerinnen Lisa und Fiona die alten Folklieder, die von Elben und Königen aus  fremden Welten und längst vergangenen Zeiten handeln, singen, fühlt man sich um hunderte Jahre zurück versetzt. Die stimmgewaltigen Frauen beeindrucken nicht nur mit mehrstimmigen Gesängen, sondern auch mit ihren Instrumenten. Die Multitalente spielen verschiedene Flöten, Dudelsäckes und Drehleiern – eine Mischung, die die Füsse zappeln lässt.

Der Raum ist knapp

Das bekannte Zugabe-Spiel mit dem klatschenden Publikum und den Musikern, die sich zieren wieder die Bühne zu betreten, konnten sich die Bands ersparen: Es gab gar keinen Backstageraum, wo sich die Gruppe hätte zurückziehen und kurz warten können. Deswegen gab die Gruppe mit ihren Kollegen von Omnia, ohne vorher riesigen Applaus einzufordern, noch zwei letzte Stücke zum Besten, bevor sie endgültig von der Bühne verschwanden. Die Zuhörer applaudierten natürlich trotzdem frenetisch.

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