Kultur | 23.07.2007

Bis nach dem Sonnenaufgang

Text von Martin Sigrist
Das Melt feierte dieses Jahr sein zehnjähriges Bestehen. Zwei Tage lang waren von früh bis spät über 100 Bands, Künstler und DJs zu hören, zu sehen und vor allem zu betanzen.
Das Melt! Festival in einmaliger Atmosphäre. Fotos: Martin Sigrist Lichtspektakel und 16'000 Besucher bei Nacht. Am zweitägigen Festival rockten die Besucher bis in den Sonntagabend hinein.

Auch dieses Jahr bot das Melt Festival während zwei Tagen zahlreiche musikalische Highlights, auch wenn das Programm gegenüber dem Vorjahr weniger grosse Namen trug. Nichtsdestotrotz waren Auftritte von Unkle, Jeans Team, Tocotronic oder das frühmorgendliche Festivalabschlusskonzert von Deichkind, einschliesslich ihrer Einladung zur kollektiven Pfandbecherentsorgung auf der Bühne, ganz besondere Ereignisse. Dies alles bei bestem Wetter weit über 30 Grad, das passend zum Festivalbeginn nach Sachsen-Anhalt gekommen war.

Verschärfte Eingangskontrollen

Mit über 16’000 Besuchern ist das Melt Festival auch dieses Jahr weiter gewachsen. Eigentlich sollte heuer die Besucherzahl erstmals auf 15’000 begrenzt werden, doch stattdessen wurde das Areal erweitert sowie zusätzliche Bühnen aufgebaut, so dass sich die Massen vor deren sieben verteilen konnten. Das Konzept ist aufgegangen, war es doch nie besonders eng und meist problemlos möglich, kurz vor oder während den Konzerten noch nach weit vorne zu gelangen. Ganz allgemein schien das Festival dieses Jahr besser mit den Massen umgehen zu können.

Die weiter verschärften Einlasskontrollen waren verhältnismässig schnell überwunden. Es bleibt einzig zu kritisieren, dass trotz gegenteiliger Ankündigung auf der Webseite Tetrapacks teilweise nicht auf das Konzertgelände mitgenommen werden durften, sofern sie bereits geöffnet waren. Angesichts der horrenden Getränkepreise innerhalb des Geländes eine schiere Frechheit.

Schwingende Hüften bis Sonntagabend

Wie üblich ging das offizielle Programm jeweils am späteren Nachmittag los und dauerte bis in die frühen und späten Morgenstunden. Für Schweizer Verhältnisse wohl etwas ungewohnt waren die tobenden Massen auch lange nach Sonnenaufgang, so gesehen beim mehrstündigen Abschlusskonzert von Deichkind. Wem auch das noch nicht reichte, konnte auf dem „sleepless floor“ bis zum Sonntagabend die Hüften kreisen lassen.

Weniger Rock als vergangene Jahre

Das Programm deckte ein breites Spektrum ab, jedoch nicht mehr in jener Manigfaltigkeit, mit der sich das Melt Festival seit jeher zu positionieren versuchte. Indie-Rock und Rock spielten dieses Jahr klar eine Nebenrolle. Gemessen an der Anzahl Zuschauer, unter anderem beim leider nicht völlig geglückten Konzert von Black Rebel Motorcycle Club, lässt sich jedoch erahnen, dass die Besucher eben jenen Stil nicht vermissen. Mag dies auch daran liegen, dass die Mehrzahl der deutschen Festivals bereits auf Indie-Rock setzen. Die Zukunft wird weisen, in welche Richtung das Melt! sich bewegen wird.

Entsprechend war das Publikum zwar weiterhin sehr bunt gemischt. Festivaltypische Hippies suchte man jedoch vergeblich. Es dominierten Karrottenjeans, 80er Trash, neuerdings Fussballsocken und ganz allgemein viel Aufwand, um auf der Tanzfläche so sehr nicht nach frisch-aus-Zelt auszusehen.

Lichttechnisches Meisterwerk

Legendär ist und bleibt der Austragungsort Ferropolis, ob seiner riesigen alten Kräne und Bagger aus Zeiten, als vor Ort noch Kohletagebau betrieben wurde und nicht zig tausend Menschen tanzten, feierten und in eben jener Grube badeten. Die Veranstalter haben jenem Areal dieses Jahr abermals einen drauf gesetzt und lichttechnisch ein Meisterwerk vollbracht, das in der Festivallandschaft optisch Seinesgleichen sucht. Es ist wohl eine weitere Versöhnung für den gestiegenen Eintrittspreis, der nach Ablauf des Frühbucherrabattes bei 60 Euro plus Gebühren zu liegen kam.

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