Gesellschaft | 30.07.2007

Abende auf dem Pornosofa

Text von Edith Truninger | Bilder von Stefan Wallimann
Ein Stammlokal kann zum zweiten Wohnzimmer werden - und für ausgedehnte Gespräche und gemütliche Stunden ist es geradezu essentiell. Die Kolumnistin über einen ganz besonderen Ort.
Vier Freundinnen fürs Leben: Die Amazonen.
Bild: Stefan Wallimann

„Sadruschba!“ ist ein russischer Trinkspruch und bedeutet „auf die Freundschaft“. Im übertragenen Sinn zelebrieren wir Woche für Woche mit einem Frauenabend unsere Freundschaft. Soziologen nennen das Stammlokal, das jeder irgendwie hat, gemeinhin auch das „zweite Wohnzimmer“. Auch wir haben das immer getan – mit dem einzigen Unterschied, dass unser Stammlokal auch tatsächlich ein Wohnzimmer war. Ein schräger Künstler-Typ hatte nämlich in unserem Nachbardorf die Idee, den Dachstock seines alten Bauernhauses auszubauen, ein paar Tische aufzustellen und ein Restaurant daraus zu machen.  Der grosse, hohe Raum lässt den Dachstock noch erahnen, die Kombination von Eisen und Holz gibt dem Raum die spezielle Note und das so genannte Pornosofa – ein rotes Plüschsofa – sorgt für die Gemütlichkeit. Der Schlosshof – so der schöne Name des  Lokals – war gleichzeitig auch das Wohnzimmer der Familie, und einmal pro Woche waren wir da zu Gast. Der Schlosshof als Ort der Begegnung gab unserer Freundschaft einen Rahmen und gleichzeitig gestand er ihr den Raum zu, um sich zu entfalten. Die Spezialbehandlung, die Stammgäste von anderen unterscheidet, wurde uns jeweils in Form einer roten Cocktailkirsche in unseren Getränke zuteil. Die Cocktailkirsche vermisse ich noch heute auf meiner Zunge. Sie ist eine absolute Geniesser-Kirsche, konzentrierte Lebenslust.

Natürlich brach für uns eine Welt zusammen, als der Schlosshof vor einem Jahr seine Tore für immer schloss. Wir waren sozusagen obdachlos geworden. Asyl gefunden hatten wir vorübergehend in einem Szenen-Cafe, doch die laute Musik störte uns beim Reden. Der Frauenabend soll aber ein Platz sein, der ganz und gar der Freundschaft gehört. Seit kurzem gehen die Amazonen und ich deshalb jeden Mittwochabend nach Marokko. In einem marokkanischen Restaurant im Kaffeehaus-Stil glauben wir, unsere Heimat gefunden zu haben. Und – man glaubt es kaum – sogar für die Cocktailkirsche gibt es marokkanischen Ersatz: In Form des köstlichen marokkanischen Grüntees –  Nâa-naa –  der mit frischen Pfefferminzblättern und viel Zucker süss und nach Lebenslust schmeckt. Ein herzhaftes „Sadruschba!“

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