Kultur | 11.06.2007

„Für eine offene Strasse“

Tom McRae, der bereits mit seinem selbst betitelten Debutalbum anno 2001 einen Meilenstein des melancholischen Pop setzte, tourt gerade durch Europa. Mit dabei hat er sein viertes Album "King of Cards". Tink.ch traf den sympathischen Briten nach seinem Konzert in der Laterie in Strasbourg um mit ihm über seine neue und alte Musik zu sprechen.
Melancholisch und glücklich: Tom McRae.
Bild: Martin Sigrist Tom McRae mit Martin Sigrist von Tink.ch. Tina Hooker

Du hast mal gesagt, dass dein Management von dir glücklichere Songs erwartet und dass du diese aber nicht schreiben willst. Nun ist es auf deinem vierten Album doch noch geschehen.
Ja, ich habe ein grosses Label verlassen, das sieben Jahre lang versucht hat, mich zum Schreiben von Popsongs zu bringen. Doch ich habe immer dagegen gewehrt. Sobald ich vom Label weg war, habe ich mir gedacht, dass ich so lange dieser Tom McRae war: Melancholisch, seriös, poetisch. Aber eigentlich mache ich ganz gerne ab und zu solche Popsongs, nur weiss das niemand. Warum sollte ich also nicht mal etwas Freude zeigen und haben und für ein Album solche Songs schreiben. Songs, bei denen das Publikum mitsingen kann, die mehr Hoffnung und Freude verbreiten. Lieder, die man beim Autofahren hören kann. Meine früheren Songs passten immer zum Verkehrsstau. Ich wollte mal was für die offene Strasse machen. Das war dieses Experiment, und nächstes Mal werde ich was anderes versuchen.

Hast du dich denn verändert, warst du während dieser Zeit glücklicher?
Musik ist ein Teil meines Lebens. Ich mache Musik, jedoch nicht als Arbeit. Es ist für mich ein Weg, auszudrücken, was in meinem Leben läuft, was passiert. Ich bin nun wirklich etwas glücklicher. Ich bin nach New York gezogen und mein Leben wurde stabiler, denn ich habe mal vier Monate an einem Ort verbracht. Das habe ich lange nicht gemacht. Ich habe gelernt, wieder zu atmen und konnte daher auch mal glückliche Songs schreiben. Okay, es sind dann nur drei solcher Songs geworden, so viele sind das nicht.

Was war die Antwort der Fans darauf?
Ich denke nicht an die Leute, wenn ich Songs schreibe. Ich glaube nicht, dass es das gleiche ist Musik zu machen und danach die Leute dazu zu bringen, meine Musik zu kaufen. Ich schaue einfach, ob mich meine Songs bewegen und sie mich interessieren. Dann ist es an jedem Einzelnen, was er daraus macht. Es gibt Leute an meinen Konzerten, die alles hassen was ich nach meinem ersten Album gemacht habe und andere denken sonst was. Das kann ich nicht kontrollieren. Wenn ich meine Musik genug mag, dann – ich bin meinem Publikum sehr ähnlich – werden es die meisten begreifen.

Wie ist dein Leben?
Mein Leben ist gerade wunderbar, denn ich bin beschäftigt, und ich drehe durch wenn ich’s nicht bin. Ich mache eine Tour, ich kann nun spielen, das ist was ich am meisten liebe, das hält mich gesund. Unterwegs habe ich seit Jahren meine Freunde mit mir. Das ist wie eine Party auf dem Weg. Nun werde ich belohnt für all den Scheiss, durch den ich den Rest des Jahres muss.

Was meinst du mit Scheiss?
Nun bereue ich schon, dass ich das gesagt habe. Nun, wenn du Geld von anderen Leuten nimmst, um damit Kunst zu machen, dann wirst du irgendwann verarscht. Einen Teil davon mag ich wirklich nicht, aber ich habe das Geld genommen und nun muss ich da halt durch, das ist eben ein Tausch. Ich sollte mich nicht beschweren, denn mein Leben ist toll, trotz der harten Arbeit. Vielleicht werde ich mich dann nächstes Jahr beschweren, denn die Musikindustrie liegt am Boden. Dann werde ich  ganz alleine her kommen, nur ich mit einem Banjo.

Viele Leute sehen dich als diesen melancholischen, traurigen, depressiven, zerbrechlichen Musiker.
Wenn du Mitte 20 bist dann kannst du so einen Typen spielen oder auch sein, aber wenn du genug Glück hast und bis Mitte, Ende 30 überlebst, dann ist es masslos, wenn du einfach nur traurige Songs schreibst. Ich gebe zu, dass meine traurig sind und ich an sie glaube. Aber ich sage auch, dass das Leben komplexer ist als meine Songs. Ich kann auch lachen. Ich will den Leuten einfach zeigen, dass ich liebe was ich tue. Wenn Leute bezahlen um dich zu sehen, dann sollen sie auch sehen, dass du eine gute Zeit hast. Ich hasse es, wenn Leute auf der Bühne dem Publikum vorschreiben, was sie zu tun haben und schlechte Stimmung verbreiten. Ich bin ein Unterhalter, einfach hoffentlich mit etwas mehr Tiefe, denn die braucht es.

Bist du es nicht leid, immer wieder als der Traurige bezeichnet zu werden?

Nein, nicht mehr. Ich bin zu alt um mich darum zu kümmern was andere Leute über mich denken. Insbesondere schlechte Kritik oder wenn die Leute meinen zu wissen, dass ich so oder so bin. Das Musikgeschäft bringt es halt mich sich, dass man immer das sein wird, womit man berühmt wird. Es ist nicht an mir, das zu kontrollieren.

Du scheinst schon bewegt zu sein von der Reaktion deines Publikums.
Ja klar, denn ich schreibe Musik als ein Mittel der Kommunikation. Es ist eine Konversation und wenn die nur in die eine Richtung geht, dann ist es langweilig. Sobald die Leute reagieren wird es toll. Manchmal muss ich dazu lange und hart arbeiten, oft müssen das beide Seiten tun, denn ein Konzert ist wie eine kleine Beziehung. Ich komme immer in neue Städte, treffe neue Leute und dann muss man sich erstmal kennen lernen.

Eine Stelle aus einem deiner Songs finde ich sehr interessant: „If Words Could Kill, I’d Spell Out Your Name“ (Wenn Worte töten könnten, würde ich deinen Namen aussprechen, Anm. d. Red.).  Was meinst du damit?
Das kam von diesem Gefühl, in der heutigen Welt so machtlos zu sein. Wir kennen die ganzen Probleme, haben aber überhaupt keine Möglichkeiten, etwas daran zu ändern. Wir hoffen, dass es ein paar Wege gibt für Veränderung, wie zum Beispiel zu wählen, was aber eigentlich auch nichts bringt. Wir haben grossen Einfluss indem wir für etwas Geld ausgeben oder nicht. Aber das Leben wird zu komplex durch Familie, Kinder und Ausbildung. Irgendwann hören die Leute auf, sich um den Zustand der Welt zu kümmern. Darauf wollte ich reagieren. Ich fühle all diese Bedenken hatte jedoch als Songwriter die Erkenntnis, dass auch das Schreiben von Songs eigentlich gar nichts bringt. Es ändert die Welt nicht. Aber trotzdem versuchst du es weiter, denn die Hoffnung besteht weiter. Und wenn Songs dann vielleicht doch etwas Einfluss haben, wirst du sie dann für etwas Gutes oder Schlechtes einsetzten? Natürlich behaupten alle, für das Gute, doch scheiss auf die. Ich möchte ab und zu auch mal jemanden mit meinen Songs töten, mal meine Gitarre auf jemanden zielen und sagen: „Fuck You!“ Toni Blair oder George W. Bush. Aber es funktioniert nicht. Vielleicht hole ich mir doch eine Pistole.

Wettbewerb:


Es gibt was zu gewinnen. Zusammen mit dem Label TBA verlosen wir ein signiertes Exemplar von Tom McRaes neuestem Album "King of Cards". Zur Teilnahme eine Mail mit dem Betreff "Tom McRae" und natürlich Eurer Postadresse bis zum 17. Juni 2007 um Mitternacht an martin.sigrist(at)tink.ch. Über den Wettbewerb wird keine Korrespondenz geführt, der Gewinner oder die Gewinnerin wird persönlich benachrichtigt.

Links