Kultur | 18.06.2007

Du isst also diesen Käse!

Text von Anina Peter
Mike Kurth alias Curse stand Tink.ch vor seinem Konzert am Open Air Zürich Rede und Antwort. Was der deutsche Rapper von seinen zwei Gesichtern, Gangstern und Europa hält, findet ihr hier heraus. Nur leider verrät er trotzdem nicht, welchen Käse er nun isst.

Was ist der Unterschied zwischen Curse und Mike? Weißt du überhaupt noch wer du bist?

Mike/Curse: Ach, das ist nicht so krass. Interviews führe ich oft unter dem Namen Curse, aber das ist halt wie mit Kundengesprächen. Wenn du ein öffentliches Amt hast, wie auch ein Fussballer oder Politiker, sehen die Leute auch nur dein Image und was die Medien aus dir machen. Nach diesen Massstäben wirst du dann auch beurteilt. Man kann die Leute nicht dafür verantwortlich machen, nur versuchen so gut wie möglich darauf Einfluss zu nehmen. Im Privaten wenn ich mit meinen Onkels zusammen bin, wäre das komisch wenn die mich Curse nennen würden. Mich selbst verlieren werd ich sicher nicht. Meine Familie und Freunde sind ja immer da wenn ich sie brauche.

Wie würdest Curse und Mike in 3 Wörtern beschreiben?

Mike/Curse: Interessiert, offen und verschlossen.

Die Schweiz ist dir ja nicht wirklich fremd. Wie verstehst du unser schönes Hochdeutsch?

Mike/Curse: Ich versteh schweizerdeutsch eigentlich gut – kommt halt auch auf den Dialekt an. Aber verarschen auf Schweizerdeutsch könnt man mich nicht. Das versteh ich auf jeden Fall.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Claud, Greis und Taz?

Mike/Curse: Die Initialzündung für «Prestige« war, dass ich gerne was mit zwei Österreichischen und zwei Schweizer MCs machen wollte. Zuerst hatte ich Taz und Bligg im Sinn. Nur hat sich das irgendwie nicht entwickelt. Mit Taz blieb ich in Kontakt, irgendwann kam noch Claud dazu. Er meinte wenn wir was machen, dann muss Greis auch dabei sein. Wir fuhren alle zusammen für einige Tage nach Locarno an See, einfach abhängen und einen Song machen. Raus kamen drei. Wir dachten uns wenn wir drei haben, können wir doch gleich noch zwei mehr machen, dann haben wir die EP. Dann hatten wir aber plötzlich sieben. Wieso nicht gleich zehn, dachten wir uns, dann gibt’s ein Album.

Sogar in Japan wurden Curse Alben veröffentlicht. Wie kam es dazu?

Mike/Curse: Eines Tages hab ich ne Email bekommen: «Hallo ich bin June aus Japan Ich hab mein eignes Label. Ich finde deine CD die beste deutsche Rapplatte und will sie in Japan rausbringen.« Meine Reaktion war: Wo muss ich unterschreiben. Mittlerweile war ich viermal drüben. Mein Video lief auf MTV Japan auf Rotation und ich hab 2 Shows gespielt, echt geil. Die Japanische Szene ist so ungefähr vergleichbar mit Deutschland. Aber was krass ist in Japan, es ist ein Style-Paradies. Restaurants, Häuser, Clubs und die Menschen – durchgestylt vom Schnürsenkel bis zum Cap. Es stimmt echt alles.

Du hast lange in Amerika gelebt. Wie war das? Könntest du dir vorstellen dort zu leben?

Mike/Curse: Die Zeit dort hat mich geprägt, ich war da sozusagen an der Quelle. Immer wenn ich von New York zurückkomme, bin ich ultra inspiriert und sprudle nur so von Ideen. Überall sind Menschen, Hochhäuser, überall ist Halligalli. Ich könnt aber nicht in New York leben. Für mich ist Europa die schönste Gegend der Welt. Innerhalb von drei Stunden bist du in einem anderen Land mit anderer Kultur, Geschichte, Menschen, Essen. Diese Vielfalt und diese Historie, findest du in solch ausgeprägter Form, so nah bei einander, nirgends in der Welt.  Je mehr ich ins Ausland gehe, desto mehr fällt mir auf das ich Europäer bin…durch und durch.

Gangsterrap boomt. Was hältst du davon?

Mike/Curse: Find ich völlig in Ordnung. Rap spiegelt ja Realität wider und das ist halt in Deutschland auch etwas, was man nicht verheimlichen kann und soll. Das Prinzip – die Aggressivität und das «hart auf die Schnauze ohne Grund, Sinn und Verstand« – das gibt’s nun mal. Verständlich, dass es auch Musik dazu gibt. Persönlich hör ich mir das nie an. Ich bin nicht so n Mensch, meine Freunde auch nicht – zumindest nicht mehr. Als ich jung war und in die Szene gekommen bin, da war ich destruktiv, es ging um niedermachen und zerstören. Mittlerweile bin ich 10 Jahre älter, als Mensch und als Rapper. Ich setz mich mit solchem Zeug auch nicht mehr so intensiv auseinander, habe andere Ziele. Es existiert, ich kenn es, aber ich gebe mir das gar nicht.

Du wirst oft als «der Denker« bezeichnet – was denkst du denn so?

Mike/Curse: Ne Menge Sachen! Ich bin mit meinem Studio umgezogen und denke darüber nach wie man Stromkabel verlegt und Wände tapeziert. Nein, ernsthaft. Es gibt da so einige Themen. Ich bin an meinem neuen Album und setz mich darum mit einigen Sachen auseinander. Es ergibt sich so meist  einen Anfang aus dem man was draus machen könnte. Aber es gibt jetzt  nichts Bestimmtes wo ich sagen könnte, das ist mein Thema.

Viele deiner Songs handeln von gescheiterter Kommunikation zwischen Mann und Frau, wieso?

Mike/Curse: Mein komplettes zweites Album hab ich gemacht nachdem meine grosse Liebe auf extreme Weise in die Brüche ging. Es haben schon richtig die Hochzeitsglocken geläutet, das war hardcore, filmreif.  Da bist du 22 Jahre alt und alles kommt auf einmal. Von einer scheiss Bude und Zivildienst, Beziehung kaputt, der totale Abfuck. Dann zack, auf einmal 70-tausend Platten, du bist auf MTV und jeder will was von dir. Wir haben halt genau diese Songs als Singles ausgekoppelt, weil die am Stärksten sind, die Leute ansprechen, weil sie sich damit identifizieren können. Uns war gar nicht bewusst, dass du danach so abgestempelt wirst. Die meisten Leute kennen halt einfach nur die Singles. Man muss sich damit abfinden, dass man immer auf eine Sache reduziert wird.

«Was ist jetzt« wurde nicht im TV gespielt. Wieso?

Mike/Curse: Wir haben das Video gemacht und sind zu VIVA und MTV gegangen. Die haben aber gesagt, dass das Lied kein Hit sei und nicht in die Charts geht, sie würden es nicht spielen. Es lief nie im Radio oder Fernsehen, aber als es raus kam – gleich Top 10 Charts. Die haben sich aber immer noch geweigert das Ding zu spielen, weil sie so gepisst waren. Sie meinten wir machen Propaganda gegen die Sender. Nur weil wir auf unserer Seite geschrieben haben, wenn die Leute den Clip sehen wollen, sollen sie an MTV schreiben – die haben dann 50-tausend Zuschriften bekommen. Das war der Song von dem alle geredet haben, zuerst wollte ich gar keine Single daraus machen. Er ist bis jetzt immer noch das Lied mit dem mich die Leute am meisten identifizieren. Von dem her ist das schon richtig gemacht.

Findest du noch Zeit selbst an Konzerte und Festivals zu gehen?

Mike/Curse: Auf so Hip Hop Veranstaltungen geh ich gar nicht, das ist mir langsam zu blöd. Die Leute kommen halt und reden. Vom Konzert krieg ich dann gar nichts mit.

Wirst du oft angesprochen? Erkennen dich die Leute auf der Strasse?

Mike/Curse: Mir ist das eher unangenehm wenn mich Leute auf der Strasse ansprechen. Oftmals ist es so, dass die Leute einfach nur starren, flüstern, stehen bleiben, umdrehen und hinterher gucken. Da fühlt man sich halt ein bisschen komisch. Aber ich denk mir, wenn du ne Frau bist die einfach Ultra-Killer aussieht, dann geht es dir gleich. Einige sind dann wieder so, dass sie kommen und meinen: Du ich find das toll, was du machst. Das ist natürlich super geil. Aber das ist nichts was mich irgendwie hochhebt. Aber manchmal ist es echt extrem. da stehst du Im Supermarkt an der Käsetheke und da sagen die Leute: Ach, du isst also diesen Käse. Das nervt.

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