Kultur | 14.05.2007

Wozu noch Autobahnen bauen?

Text von Naomi Richner | Bilder von www.no99.ee
Um was geht es eigentlich bei diesem Theaterstück? Um "Nafta", also um Erdöl? Nein. Es geht um viel mehr. Die estnische Theatergruppe NO99 stellt uns alle in Frage. Ihr Stück "NAFTA!" hat mich verwirrt.
Singen und Tanzen, um das Publikum zu zerstreuen.
Bild: www.no99.ee

„Man hat mich gebeten, etwas Lustiges über Estland zu erzählen.“ sagt Eero Epner, der Dramaturg von „NAFTA!“. Der Este steht auf der Bühne der Dampfzentrale in Bern und soll sich und die Theatergruppe NO99 aus Tallinn vorstellen. Er spricht fehlerfreies Deutsch mit estnischem Akzent. Estland sei überhaupt nicht lustig, meint er, und man ist sich nicht sicher, ob er es ironisch meint oder nicht. „Ich weiss nicht, warum alle immer etwas Lustiges hören wollen und nicht zum Beispiel etwas Intelligentes.“

Das Publikum zerstreuen
Aber nein, Intelligentes will niemand hören. Deshalb hat die junge Theatergruppe ihr Stück „NAFTA!“ auch lustig und unterhaltsam inszeniert – obwohl sie eigentlich viel Intelligentes und durchaus Ernstes zu sagen hätten. Im Stück „NAFTA!“ sollte sich eigentlich alles ums Erdöl drehen. Dass dieses bald ausgeht, wissen wir alle. Und was passiert dann? Welche Folgen hat das für uns alle? Die Männer auf der Bühne scheinen schon hysterisch zu werden, wenn sie das Wort „Nafta“ (was auf Deutsch einfach „Erdöl“ bedeutet) nur hören. Sie schreien und reden so schnell, dass die Übertitel mit den deutschen Übersetzungen kaum einen Drittel von dem enthalten, was auf Estnisch gesagt wird. Gut, dass nach einigen Minuten eine Frau auf der Bühne erscheint und die Männer beruhigt: „Jungs, hört doch mal. Diese Leute haben einen langen Tag hinter sich. Sie wollen jetzt nichts von Erdöl und anderen Problemen hören. Kommt, wir tanzen und singen ein wenig, um die Leute zu zerstreuen.“

Und die Zerstreuung gelingt und gelingt doch nicht. Die Schauspieler scheinen sich zwar grösste Mühe zu geben, aber irgendwie bleibt irgendwie ein komischer Nachgeschmack. Sie sprechen alle Themen an, die Estland beschäftigen, machen sich über alles lustig, stellen alles in Frage. Warum eine vierspurige Autobahn bauen, wenn sich in 15 Jahren sowieso niemand mehr Benzin wird leisten können? Warum nicht eine Zugstrecke stattdessen? – „Spinnst du“, ruft ein Mann, „mit dem Zug fahren doch nur uralte Grossmütter! Jeder richtige estnische Mann hat ein Auto!“

Arbeiten für die Bank
Doch dies ist längst nicht das einzige Problem. Gibt es heute in Estland zum Beispiel noch irgendjemanden, der keinen Kredit von der Bank hat? Alle Esten arbeiten für die Bank, weil sie einen Kredit auf 30 Jahre abzubezahlen haben, behauptet einer. Derweil verdienen sich die Bankchefs dumm und dämlich, um dann mit dem ganzen Geld nach Griechenland auszuwandern. Und warum verdient ein Schauspieler so wenig, im Vergleich zu manchem anderen? Dies scheint einen der Schauspieler so aufzuregen, dass er wütend aus dem Saal rennt. „Ja, heul nur, weil du jeden Tag das machst, wovon du geträumt hast!“, schreit ihm die Frau nach. „Heul, weil du nicht irgendwo in einem Büro vergammelst!“

Die Unverständigen

Und so geht es weiter. „NAFTA!“ macht keinen Sinn, darf keinen Sinn machen. „NAFTA!“ ist verrückt wie das Leben, wie die Probleme, die auf uns zukommen, und die niemand wirklich begreift oder begreifen will. Das Stück ist in Estland sehr beliebt, die Vorstellungen sind jeweils schon einen Monat im Voraus ausverkauft. „Ich glaube, viele Leute kommen wegen dem Tanz und der Musik“, erklärt die Bühnenbildnerin Ene-Liis Semper. „Diese ganzen musikalischen Einlagen und Sketche waren ja eigentlich ironisch gemeint. Aber ich glaube, etwa die Hälfte des Publikums hat das gar nicht begriffen. Sie kommen nur, um zu lachen. Aber ich hoffe, dass einige doch verstehen, was wir sagen wollen.“

Ich getraue mich nicht, nachzufragen, was sie denn eigentlich genau hatten sagen wollen; vielleicht gehöre ich auch zu diesen Unverständigen. Jedenfalls habe ich immer noch vor, Autofahren zu lernen, auch wenn es mir wohl bald nichts mehr nützen wird. Vielleicht wollten NO99 uns allen auch nur sagen, dass wir unverständig sind: Wir wissen, dass uns das Erdöl bald ausgeht und trotzdem bauen wir weiter munter Autobahnen und kaufen Autos wie wild. Wir sind alle dumm und wir sind alle verrückt. Und das ist, wie Eero Epner sagte, überhaupt nicht lustig.