Gesellschaft | 11.05.2007

„Wir wussten nicht, ob er zurückkommt“

Dora Stotzer ist 75 Jahre alt und weiss viel über ihre turbulente Jugend zu erzählen. Im Interview mit Tink.ch berichtet sie von den harten Sitten in der Schule, dem Aufwachsen auf dem Bauernhof und dem Zweiten Weltkrieg.
Dora Stotzer (Zweite von rechts) zusammen mit ihrem Vater, dem Bruder und der Schwester. Fotos: Dora Stotzer Als junges Mädchen lebte sie auf einem Bauernhof. Dora Stotzer Zusammen mit ihrem Ehemann Hektor Stotzer. Noch ein Foto aus jüngerer Zeit.

«Wenn ich heute an meine Schulzeit zurückdenke, ist es fast unvorstellbar, wie es damals zu und her ging. Am Montag wurde zu Beginn des Unterrichtes kontrolliert, ob die Bleistifte und der Griffel gespitzt, und die Schiefertafel gewaschen waren. Hatte man schmutzige Hände, Ohren, Schuhe oder kein frisch gewaschenes Taschentuch, wurde man gleich wieder nach Hause geschickt. Ab der vierten Klasse, hatte ich immer einen sehr weiten Schulweg. Um zu Fuss nach Pieterlen in die Sekundarschule zu gelangen, ging ich jeweils vier mal am Tag über den Büttenberg. Zudem hatten wir in der Sekundarschule keine Wahl, Fächer zu belegen, die uns interessierten. Alle Mädchen hatten Haushaltsunterricht, die Knaben Algebra und technisches Zeichnen.

Neben der Schule mussten meine zwei Geschwister und ich viel zu Hause arbeiten. Da ich auf einem Bauernhof aufgewachsen bin, gab es immer sehr viel zu tun. Mit Ausnahme des Sonntags hatten wir kaum freie Stunden um einem Hobby nachzugehen. Wir lebten zwar in eher bescheidenen Verhältnissen, pflegten aber ein schönes Familienleben. An Sonntagen gingen wir oft gemeinsam spazieren, natürlich immer in Sonntagskleidung. Daneben spielten wir zum Beispiel Völkerball, jassten, musizierten oder sangen. In Biel hatte es ein Kino, in dem wir uns ab und zu einen Film anschauten, aber auch da hatten wir erst nach der Konfirmation Zutritt. Es gab während meiner Jugend natürlich keine modernen Unerhaltungsmedien, doch langweilig war es uns trotzdem nie.

Die Kriegszeit

Eine prägende Zeit in meiner Kindheit erlebte ich während des zweiten Weltkrieges. Ich sehe noch heute vor mir, wie jemand auf dem Velo mit dem Feuerhorn durch das Dorf fuhr und Alarm blies als der Krieg ausbrach. Es kamen sofort alle Männer von den Feldern oder ihren sonstigen Arbeitsplätzen nach Hause und machten sich zum Einrücken in den Militärdienst bereit. Mein Vater, der in der Armee Wachtmeister war, musste schnellstens weggehen, um die Landesgrenze zu schützen. Wir wussten nicht, ob er jemals zurückkommen werde. Dies war für die Familie ein sehr harter Moment. Der Vater war anschliessend mehrere Wochen von zu Hause weg und die Arbeit auf dem Bauernhof konnte nur noch teilweise erledigt werden. Während des Krieges kamen viele polnische und französische Soldaten in die Schweiz und wurden in Lagern interniert. Nach dem Krieg suchten sie nach Arbeit und auch wir nahmen ein paar Flüchtlinge bei uns auf.


Auf der Heimreise erschossen

Ein Pole, der während der Kriegszeit auf unserem Hof arbeitete, sorgte für eine sehr traurige Geschichte. Er bekam immer Briefe aus seiner Heimat zugeschickt und erfuhr dabei, dass sein Kind schwer krank war. Er hielt es nicht mehr länger in der Schweiz aus und wollte nach Hause. Als er aber durch den Doubs schwamm, wurde er von Soldaten erschossen. Vier Monate später war der Krieg zu Ende und er hätte legal heimkehren können. Während der Kriegszeit lebten wir auf dem Bauernhof verhältnismässig gut. Viele Lebensmittel waren rationiert, aber Hunger leiden mussten wir nicht. Es lebten auch Pflegekinder auf unserem Hof. Diese hatten es immer schön bei uns und schwärmen noch heute von diesem Lebensabschnitt.  

Viel Arbeit und wenig Lohn

Einige Jahre nach dem Krieg war mein Vater dann einer der Ersten im Dorf, der einen Traktor hatte. Dies war ein enormer Fortschritt und erleichterte die Arbeit gewaltig. Nach meiner Schulzeit begann ich bei der Post zu arbeiten und verdiente dabei 290 Franken im Monat. Davon blieb nach den allernötigsten Ausgaben nie viel übrig und ich konnte mir auch keine Ferien leisten, denn ich musste ja noch etwas für den Notfall auf die Seite legen. Das ging jedoch den meisten Menschen in unserem Dorf ähnlich. Dies zeigt auch, dass nur der Käser und der Sattlermeister ein Auto besassen. Alle Bauern arbeiteten mit Pferd und Wagen. Zum ersten Mal ging ich mit 26 Jahren ins Ausland. Zusammen mit meinem Mann auf unserer Hochzeitsreise nach Venedig.

Zwei paar Schuhe

Wenn ich die heutige Jugend mit der aus meiner Jugendzeit vergleiche, sind das zwei völlig verschiedene paar Schuhe. Wir wurden viel strenger erzogen und spürten auch keine finanzielle Sicherheit. Auf der anderen Seite hat es die Jugend von heute viel schwieriger in der Job- und Lehrstellensuche.

Steckbrief:


Dora Stotzer wurde am 13. September 1931 in Meinisberg geboren. Zusammen mit zwei Geschwistern wuchs sie in einer Grossfamilie auf einem Bauernhof auf. Im Alter von 26 Jahren heiratete sie Hektor Stotzer, mit dem sie anschliessend eine Familie gründete und zwei Kinder aufzog. Heute ist Dora Stotzer fünffache Grossmutter und wohnt mit ihrem Ehemann in einem eigenen Haus in Münsingen.