Gesellschaft | 07.05.2007

Prophet einer überforderten Generation

Text von Anina Peter
Ein Jugendlicher wie du und ich. Oder doch nicht? Robin, 18-jährig, geht keiner Arbeit nach und liest bis Nachts um drei. Im Porträt erzählt er von seinem Alltag und prophezeit den nächsten Weltkrieg.
"Alles erscheint mir wie eine Ewigkeit.", sagt Robin. Fotos: Anina Peter "Ich weiss ja nicht einmal, wer ich eigentlich bin." Er bezieht weder Sozial- noch Hilfsgeld, denn Materielles ist ihm, so sagt er, nicht wichtig.

„Ich weiss ja nicht einmal wer ich eigentlich bin. Ich kann nicht erfassen was alles in mir vorgeht, es ist einfach zu viel los.“ Der 18-jährige Robin starrt gedankenverloren auf den Zürichsee hinaus und zündet sich eine Zigarette an. „Es ist, als ob ein unerschöpfliches Wissen mich erdrückt. Oder etwas wie ein Informationsstrom, welcher mich schrittweise in verschiedene Zustände versetzt. Im Moment sehe ich ständig irgendwelche alten Schriftzeichen vor meinen Augen aufleuchten, die Stimmung um mich herum, meine Umgebung, der Alltag, alles ist düster und irgendwie beängstigend.“  Mit einem leicht gequälten Blick wirft Robin die Zigarette auf den Boden und drückt sie mit seinem Springerstiefeln aus.

Ewige Minuten

„Morgens geht es mir meist gut. Wenn ich aufwache, beginnt für mich immer eine neue Welt. Tage, Stunden, Minuten, die Zeit – alles erscheint mir wie eine Ewigkeit. Nach dem Schlafen ist somit alles wieder befreit, alles ist offen und neu. Abends geht es dann wieder los in meinem Kopf. Die Geschichten beginnen, die Gedanken kommen, ähnlich wie Träume.

Erst gerade gestern hab ich eine meiner Geschichten weitergeträumt, ein weiteres Stück hat sich dem Ganzen angefügt. Was für Geschichten das sind? So etwas wie symbolische Märchen. In meinem Kopf hab ich einige davon und jedes findet immer wieder eine Fortsetzung. Ich mag Geschichten. Bücher sind faszinierend. Ich lese alles von Biografien über Romane bis hin zur Bibel. Bücher geben mir mehr als Menschen. Menschen sind lächerlich. Das denke ich schon seit ich klein bin. Die Oberflächlichkeit und die Probleme dieser Leute, das verstehe ich einfach nicht. Wenn ich mit jemandem spreche, kann ich nicht glauben, was in diesen Köpfen vorgeht, was denen wichtig ist. Ich brauche nichts Materielles, ich bin auf jeden Fall nicht darauf angewiesen.“

Wohnen ohne Miete

Der 18-Jährige schüttelt den Kopf und lächelt verschmitzt. Vor drei Jahren ist er bei seinen Eltern ausgezogen, wohnte wochenlang auf der Strasse und fand immer wieder bei Freunden Unterschlupf. Seit einigen Monaten teilt er sich mit einem seiner Kollegen eine Wohnung, Miete bezahlt er nicht. Das wäre auch gar nicht möglich, denn Robin hat weder eine Arbeit noch ein Einkommen. Nach einer schwierigen Sekundarschulzeit mit wochenlangen Absenzen, mehrmaligen Abbrüchen und Schulwechseln, hat er eine Lehre begonnen. Doch lange hielt die Begeisterung für die Arbeitsstelle nicht an. Nach wenigen Monaten verschanzte sich der Jugendliche in seinem Zimmer und wollte nicht mehr zur Arbeit gehen.

Die Sinnlosigkeit der Existenz

„Wie ich mich und mein Leben sehe? Schwer zu sagen. Wahnsinnig? Verschwommen? Ich wurde eben einfach so geboren. Wie schon gesagt, weiss ich nicht genau, wer ich eigentlich bin. Aber andere Menschen durchschaue ich dafür ziemlich schnell. Wenn ich mit jemandem spreche, weiss ich wer sie sind, was sie fühlen, denken, erleben, verstecken und unterdrücken. Nein, diese Fähigkeit will ich nicht ausnutzen oder für etwas Grösseres verwenden. Ich plane nichts, ich werde in meine Zukunft geleitet. Mit meinem Einsatz will und muss ich gar nichts erreichen. Ich warte. Handeln ist sowieso nicht mehr wichtig. Die Menschheit wird bald zu einem Punkt der Entscheidung gelangen. Zwei Wege werden offen stehen und die Welt wird sich entscheiden müssen –  jeder Einzelne für sich, denn jeder wird über sich selbst richten.“

Ratlose Therapeuten
Über sich selbst richten wollte Robin auch schon. Während seiner Schulzeit war er suizidgefährdet, wobei es glücklicherweise nur beim Versuch blieb. Dieser Hang zum Tod führte Robin und seine Eltern in verschiedene Psychologen-, Psychiater- und Jugendberatungszimmer. Tests, Befragungen und Therapien wurden angefangen und ausprobiert. Eine Diagnose gab es nie, weder Depressionen noch andere handfeste Probleme konnten festgestellt werden. Die Ärzte waren genau so ratlos wie die Eltern. Zwar verschrieb ein Mediziner Antidepressiva, stiess jedoch auf Ablehnung bei Robin und seinen Eltern. Pillen seien kein Ausweg, hiess es. Trotz langer Hilfesuche wurde keine Lösung für Robins Befinden oder seine Zukunft gefunden. Seit dem Lehrabbruch vermeidet er jegliche Schulbesuche, Arbeits- oder Hilfsangebote.

Per Autostopp nach Hause

„Was ich die ganze Zeit mache? Also erst einmal schlafe ich meistens bis am Mittag, stehe dann auf, schaue mal was im Fernsehen kommt. Meistens ist es ja nur Schrott und dann lese ich eben ein Buch. Manchmal gehe ich nachmittags nach Draussen, mit Kollegen eins rauchen. Aber nur kurz. Dann lese ich wieder bis etwa um drei Uhr Nachts. Ja, das mache ich jeden Tag so, die ganze Woche, die ganze Zeit. Passiv? Na und? Wieso sollte ich etwas ändern? Ich bin zufrieden. Ab und zu mache ich Ausflüge mit meinen Freunden. Letzten Sommer haben wir uns ein Auto gekauft und sind nach Amsterdam gefahren. Leider haben wir den Schlüssel verloren, mussten das Auto dort stehen lassen und zu Fuss und per Autostopp nach Hause. Von wo das Geld für das Auto kam?  Von Kollegen halt. Von irgendwo her bekommen wir immer ein bisschen Geld.“

Robin bezieht kein Sozial- oder Hilfsgeld. Zwar bewohnte er mit einem Freund vor geraumer Zeit eine Sozialwohnung, den Beiden wurde jedoch gekündigt auf Grund unzumutbarer Zustände. Früher sprach Robin Leute auf der Strasse an und fragte „nach es bitzeli Münz“, heute lebt er vom Geld von Freunden und Essensgutscheinen, die ihm seine Eltern immer wieder zukommen lassen.

Düstere Prophezeiungen
„Nein, etwas ändern an meinem Leben und Alltag will ich nicht. Es kommt so wie es kommen muss. Es wird sowieso bald etwas Schlechtes passieren. Unsere Gesellschaft ist besorgniserregend, einfach verrückt und unglaublich. Im Moment ist ein globales Aufrüsten im Gange. Nicht nur die Staaten und Regierungen machen sich für Kämpfe bereit, sogar die verschiedenen religiösen Gruppierungen legen die Hände an die Waffen. Es wird sehr bald wieder einen riesigen Krieg geben. Wir sind sozusagen in einer neuen Renaissance.“ Robin zupft an seinem schwarzen Pulli herum, scharrt mit den Füssen und lässt seinen Blick wieder in die Weite schweifen. Ist er ein Prophet unserer Zeit oder ein Phänomen einer überforderten Generation?