Kultur | 14.05.2007

Primzahlen und Dramatisches von Bruckner

Text von Milena Geiser
Das Schweizerische Jugend-Sinfonie-Orchester (SJSO) trat am vergangenen Mittwoch im Rahmen seiner Frühjahrs-Tournee im Kongresshaus in Biel auf. Gespielt wurden unter anderem Werke von Schumann und Anton Bruckners neunte Sinfonie.

Der Saal ist fast gefüllt und voller gespannter Gesichter. Wenn das SJSO nach Biel kommt, sieht man unter dem Publikum natürlich die eingefleischten Konzertbesuchenden, aber auch Jugendliche, die sich interessieren, und vielleicht mit einem Platz in diesem Orchester liebäugeln. Die Musizierenden, alle zwischen 15 und 25 Jahren kommen aus der ganzen Schweiz und haben das Konzert in nur einer Arbeitswoche und einem Probewochenende erarbeitet. Umso höher ist das hohe Niveau und die Präzision einzuschätzen.

Musik aus Primzahlen

„Hierophanie“ entstand 2006 als Kompositionsauftrag für das SJSO. Thomas Läubli hat sich bei seiner Komposition durch die Primzahlen inspirieren lassen. Dass es sich um ein zeitgenössisches Werk handelt, merkt man an der Aufstellung des Orchesters. Im hinteren Teil des Saals, mitten im Publikum, stehen zwei Oboistinnen, auf der Seite Streicher und ein Trompeter. Die „Hierophanie“ von Thomas Läubli beginnt schleichend, bis es sich langsam zu einem richtigen Durcheinander der verschiedenen Instrumenten entwickelt, um dann wieder langsam abzuflauen. Es ist ein Zusammenspiel mit den Musizierenden im Raum und auf der Bühne. Mal wechseln sich diese Klänge ab, mal vermischen sie sich und man hat das Gefühl dreidimensional zu hören. Das ganze Stück ist geprägt von der Virtuosität, den verschiedenen Tonhöhen und den Mikrointervallen. Der Schluss ist sehr sanft und mit Flageolettes so hoch gespielt, dass es sehr sphärisch klingt. Läubli ist persönlich anwesend und kann den Applaus selbst noch dankend annehmen.

Als Zugabe ein Solo-Adagio
Nach dem sehr modernen Stück zurück in das Zeitalter der Romantik ist ein rechter Sprung, passt allerdings gut. Die vier Hornisten, Bruno Schneider, Olivier Alvarez, Olivier Darbellay, Stéphane Mooser interpretieren das Konzert von Robert Schumann hervorragend. Das Werk wird sehr wenig aufgeführt, da es den Solisten alles abverlangt und etwas vom Schwierigsten für die Hornbläser darstellt. Doch Bruno Schneider, sowie die anderen, meistern das professionell und mit viel Virtuosität und Gefühl. Das Orchester hat diesmal eine Begleitfunktion und spielt mit einer Leichtigkeit, die den Solisten genügend Platz lässt, um sich zu entfalten. Das Publikum würdigt das Stück  mit viel Applaus und das Hornquartett dankt mit einem Solo-Adagio als Zugabe.

Bruckners Ringen mit dem Tod
Anton Bruckner hat seine neunte Sinfonie nie beendet, denn als er mit der Komposition anfing, befand er sich im Sterben. Es war ein ständiger Kampf mit der Zeit. Dies ist dann auch deutlich spürbar: es ist ein sich immer wieder aufbäumen und dann fast abserbeln der Töne. Die Sinfonie fährt einem durch Mark und Beine. Sie nimmt überraschende neue Wendungen, von Fortissimo für die Ohren nahe der Schmerzgrenze, bis zum äussersten Pianissimo. Diese Stellen sind alle hervorragend herausgearbeitet. Innerhalb des Orchesters kommen die einzelnen Stimmen sehr gut zur Geltung, so etwa die Soli der Blech -und Holzbläser und auch die Perkussionseinsätze. Das Zusammenspiel ist sehr präzise und die Streicher spielen auch in sehr hohen Lagen und heiklen Passagen perfekt zusammen. Nach einem dramatischen Mittelteil geht die Sinfonie wie ein Schlaflied zu Ende. Sie tönt am Schluss versöhnlich und das langsame Ausklingen darf das Publikum zugleich als das endgültige Verstummen des Komponisten deuten.

Ein überwältigtes Publikum
Der geniale Berliner Dirigent Kai Bumann leitet das Orchester souverän, hält stets die Zügel in der Hand, lässt den jungen Leuten aber auch genügend Spielraum. Er sing tzeitweise die Melodien mit und die Bruckner-Sinfonie dirigiert er sogar auswendig. Der Schlussapplaus ist herzlich und die Musizierenden sind sichtlich erfreut, aber auch ziemlich ausgelaugt. Es war wirklich eine anerkennenswürdige Leistung, welche dann auch noch mit Fussgetrampel von Seiten der Bläser für den Dirigenten bestätigt wurde.

SJSO


Das Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester mit seinen rund 100 Musikern und Musikerinnen vermag sein Publikum immer wieder aufs Neue in seinen Bann zu ziehen und die Presse zu begeistern, in erster Linie bei der Frühjahrs- und Herbsttournee mit jeweils sechs bis sieben Konzerten in der ganzen Schweiz.
Die Aufnahme ins Orchester erfolgt nach erfolgreichem Probespiel, welches zweimal pro Jahr (Januar und Juni) stattfindet.

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