Kultur | 27.05.2007

„Mein Körper ist für den Zirkus gebaut“

Armelle Fouqueray ist Vollblutartistin und zum achten Mal beim Circus Monti dabei. In der aktuellen Show spielt sie das Nummerngirl, das seine Aufgabe nicht immer zu erfüllen weiss. Mit Tink.ch sprach die gebürtige Französin über Muskelkater, Sägemehl und den Arbeitsmarkt in der Zirkuswelt.
Sobald sie Wandern geht, bekommt sie Muskelkater: Die Artistin Armelle Fouqueray.
Bild: Felix Wey, Circus Monti

Wie sind Sie Artistin geworden?
Ich habe schon als Kind immer geturnt und Akrobatik gemacht. Mit 16 habe ich in der Zeitung ein Inserat gesehen für ein Praktikum in der Zirkusschule Fratellini in Paris. Da habe ich mich angemeldet und wusste von diesem Zeitpunkt an, dass ich Artistin werden wollte. Ein Jahr später wurde ich für zwei Jahre im Cirque Alexis Gruss engagiert. Den Direktor habe ich gehasst, er war so streng, aber ich habe viel gelernt. Nach verschiedenen Engagements als Trapez- und Voltigekünstlerin, sowie meiner ersten eigenen Partnernummer, bin ich 1993 zum Circus Monti gekommen. Das war mit der Schleuderbrett-Nummer. In den folgenden Jahren bin ich in der Schweiz geblieben. Auch letztes Jahr war ich im Monti, an den Ringen. Momentan bin ich das Nummerngirl.

Was bedeutet diese Rolle für Sie?
Es ist etwas Neues für mich, nicht wirklich clownesk aber theatralischer als eine nur technische Nummer. Es zählen feinere Aspekte. Der Zirkusdirektor ist sehr wichtig als Partner. Wir müssen abwechselnd agieren, «fragen« und «antworten«, denn das Publikum kann sich immer nur auf eine Person konzentrieren. Spielerisch ist diese Rolle für mich sehr interessant.

Masha Dimitri hat Regie geführt und tritt damit in die Fussstapfen ihres Vaters, mit dem Sie auch schon gearbeitet haben. Wie würden Sie den Dimitri-Stil beschreiben?

Farbig. Dimitri arbeitet anders als Masha und trotzdem gibt es Gemeinsamkeiten. Dimitri hat einen feinen, clownesken, sehr herzlichen Stil. Dieser bedarf nur wenigen Worten. Masha ist sehr fröhlich, integriert viel Choreographie, mag Rhythmik und mischt rhythmische Akzente mit Tanz und Akrobatik. Bei den Proben macht sie immer mit und zeigt vor, wie sie eine Regieanweisung meint. Masha könnte uns alle ersetzen, sie kennt jede Nummer auswendig.

Was hat sich seit dem Tod des Gründers des Circus Monti, Guido Muntwyler, verändert?
Es hat sich nicht viel verändert, die Philosophie ist geblieben. Guido hätte jetzt hier mehr Sägemehl gestreut, er hat überall immer Sägemehl gestreut. Und nach der Show hat er mit Besen und Schaufel das Sägemehl zusammen gekehrt und Häufchen gemacht. Heute hat es Vlies unter dem Sägemehl, so lässt es sich einfacher aufräumen. Aber Guido würde es auch heute noch gefallen, hundertprozentig. Nur hätte es sicher mehr Sägemehl (lächelt).

Ein Tagesablauf von Armelle Fouqueray?

Ich frühstücke mit den Kindern des Zirkus‘. Später gehe ich einkaufen, koche für mich und dann muss ich mich schon auf die Show vorbereiten, aufwärmen und schminken. Dann ist die Nachmittagsshow. Danach essen wir etwas und bereiten uns für die Abendshow vor. Abschminken dazwischen lohnt sich nicht. So ist eigentlich jeder Tag ähnlich. Am Montag, wenn keine Vorstellungen sind, waschen wir unsere Kostüme.

Machen Sie als Artistin viel Sport und achten Sie auch auf Ihre Ernährung?

Ich glaube, mein Körper ist nur für den Zirkus gebaut. Sobald ich etwas anderes als Zirkusnummern mache, habe ich Muskelkater. Zum Beispiel nach dem Wandern, was ich sehr gern mache, habe ich am nächsten Tag mit Sicherheit Muskelkater. Normalerweise trainiert ein Artist ein bis zwei Stunden pro Tag, während der Saison und sonst noch mehr. Aber ich bin ein schlechtes Beispiel, ich trainiere kaum mehr, da ich schon seit 22 Jahren beim Zirkus bin. Aufs Essen achte ich nicht. Vielleicht nehme ich heute nur noch einen Teller, wenn ich früher zwei genommen hätte. Aber nach der Show habe ich immer Hunger. Wenn ich dann zu viel esse, habe ich nachher beim Aufwärmen für die zweite Show Bauchweh. Nach all den Jahren sollte ich es zwar langsam wissen, aber eine Vorstellung durchzuziehen macht eben hungrig.

Was war Ihr Berufswunsch als Kind?

Sportlehrerin. Ich besuchte eine Sportschule, wo ich morgens Unterricht und nachmittags  Sport hatte. Ich wollte aber immer viel lieber turnen und konnte mich in der Schule kaum konzentrieren. Vom Sport war ich abends oft so ausgepowert, dass ich über den Aufgaben eingeschlafen bin. Zum Glück habe ich dann dieses Inserat für die Zirkusschule in der Zeitung gesehen.

Wie ist der Arbeitsmarkt in der Zirkuswelt?
Ich bin nach meinem ersten Jahr beim Circus Monti immer in der Schweiz geblieben, habe immer Arbeit gehabt. Die Leute fragen einen auch für neue Engagements, wenn sie einen kennen. Aber normalerweise muss man sich während jeder laufenden Saison bewerben, mit Videos und DVD’s und vor allem natürlich mit einer guten Nummer. Man darf nicht scheu sein, muss sich richtiggehend verkaufen. Nach einem Engagement kann man vielleicht ein paar Monate davon leben, aber nicht lange. Darum ist es gut, wenn man vorher einen Beruf gelernt hat. Ich habe nichts, habe nicht einmal die Schule abgeschlossen. Wenn ich Kinder hätte, die Artisten werden wollen, würde ich darauf bestehen, dass sie vorher etwas anderes abschliessen.

Zum Schluss noch ein Rat an jene, die Artisten werden möchten?
Eine gute Basis, eine gute Schule ist wichtig. Auch eine gute körperliche Ausbildung ist von Vorteil. Doch nicht nur Technik sollte man mitbringen, sondern auch theatralisches Talent.