Gesellschaft | 07.05.2007

Immer gut angezogen

Text von Miriam Widmer
Sie wuchs in Italien auf, ging dann aber in die Schweiz, um mehr von der Welt zu sehen. Heute erinnert sich die 79-jährige Maria Padoang noch einmal an diese Zeit und erzählt ihrer Enkelin Miriam Widmer, wie es damals war.
Ihre Kleider nähte Maria oft selbst. Fotos: Maria Padoang Die Ähnlichkeit ist da: Maria Padoang mit ihrer Enkelin Miriam Widmer. Das junge Hochzeitspaar: Maria und Fritz. Im schicken Pelz auf einer Reise nach Venedig.

„Du willst wissen, wie es damals war? Es war völlig anders als heute. Es war eine sehr harte Zeit. Der Krieg endete, als ich 16 Jahre alt war. Wir waren arm, und es gab nur sehr wenige Arbeitsplätze. Einer meiner Brüder war im Krieg gestorben, ein anderer war nach Deutschland deportiert worden, und mein Vater konnte nicht mehr arbeiten, da er im ersten Weltkrieg bei einer Explosion schwer verletzt wurde. So mussten alle mit anpacken, damit wir über die Runden kamen. Ich ging arbeiten, obwohl ich eigentlich nicht durfte, denn ich war noch zu jung.

Ein Koffer zum Abschied
Ich ging in ein Hotel, um zu putzen. Meine Chefin war immer sehr zufrieden mit mir, sie sagte: „Maria, wenn du kommst, ist immer alles perfekt! Die andern Mädchen machen nur die eine Hälfte und lassen die andere Hälfte dreckig, aber du machst immer alles sauber!“ Die Leute aus dem Hotel waren deshalb immer sehr nett zu mir, als ich dann weggegangen bin, haben sie mir einen Koffer geschenkt.
Es war eine harte Zeit, aber auch eine schöne Zeit, denn als der Krieg vorbei war, hatten die Menschen wieder Freude, es wurde viel getanzt, gesungen und musiziert.
Manchmal kamen Jungen unter mein Fenster um mir Lieder zu singen! Aber damals durfte man nicht einfach mit jemandem ausgehen. Ich brauchte die Erlaubnis meiner Eltern, wenn ich irgendwo hingehen wollte. Es war eine sehr rigide Zeit. Nach dem Krieg wurde es zwar etwas lockerer, denn man hatte diese strengen Richtlinien satt, aber es war noch immer viel strenger als heute.

Bauchschmerzen vom Essen
Mit 18 habe ich beschlossen, in die Schweiz zu gehen, um zu arbeiten. Ich wollte auch etwas Neues, etwas Anderes sehen, in die Welt hinausgehen!
Am Anfang war es aber sehr schwierig, denn alles war anders in der Schweiz. Sie hatten noch immer Essenscoupons, wir in Italien hatten sie schon abgeschafft. Das Essen war so anders: Bevor ich mich endlich daran gewöhnt hatte, bekam ich jedes Mal Bauchschmerzen! Auch der Umgang der Menschen miteinander war völlig anders als in Italien. Da ist man sehr jovial, man redet viel. Und man ist oft mit der Familie zusammen; diese hatte ich ja nun nicht mehr um mich herum. Aber ich hatte Glück, ich lernte viele nette Menschen kennen, die mir geholfen haben. Am Anfang arbeitete ich als Näherin in einer Fabrik, später in einer Kleiderboutique. Das Geld, das ich verdiente, schickte ich nach Hause, um meine Familie zu unterstützen.

Zuerst wohnte ich mit anderen jungen Mädchen in einer Art Studentinnenheim zusammen, dann lud mich eine Freundin ein, bei ihr zu wohnen. Ich teilte mir mit ihrer Tochter ein Zimmer, und wir wurden unzertrennlich! Sie nennt mich noch heute ihre grosse Schwester! Weißt du, wir schliefen im gleichen Bett, damals war es noch nicht üblich, dass jeder sein eigenes Zimmer hatte.

Arm, aber gut angezogen
Ich denke, heute wissen die Jugendlichen nicht mehr zu schätzen, was sie haben. Sie haben so viele Möglichkeiten, aber sie wollen immer alles sofort haben. Wir hatten keine grossen Möglichkeiten, wir mussten hart arbeiten, um etwas zu bekommen, aber dafür wussten wir um den Wert der Dinge. Obwohl wir arm waren, waren wir immer sehr gut angezogen. In Italien legte man wert auf schöne Kleidung. Selbst wenn man nicht reich war, pflegte man sich, so zeigte man, dass man sich nicht vernachlässigt. Als ich in die Schweiz kam, hatte ich keinen Rappen, und doch war ich besser angezogen als die meisten Mädchen hier! Ich nähte mir viele Sachen selbst, das war ein Talent, das ich hatte. Für deine Mutter, deine Tante und deinen Onkel habe ich auch viele Sachen genäht. Und ich brachte auch schöne Kleider aus Italien hierher. Als Fritz und ich geheiratet haben, liess ich ihm alle seine Hemden in Italien machen, es waren sehr schöne Hemden. Seine Schüler kamen sogar zu mir und sagten, man würde merken, dass er nun verheiratet ist.“

Steckbrief:


Maria Padoang wurde 1928 auf dem Lido di Venezia, einer kleinen Insel in der Nähe von Venedig, als zweitjüngste von 12 Kindern geboren. Mit 18 Jahren fand sie Arbeit in der Schweiz, wo sie Fritz Widmer, einen Gymnasiallehrer aus dem Jura, kennen lernte. Sie heiratete ihn, als sie 23 war und die Beiden bekamen drei Kinder.