Kultur | 24.05.2007

„Im Herzen sind wir Kinder geblieben“

Die 43-jährige gelernte Primarlehrerin Magdalena Gisler arbeitet seit Februar 2007 am Buffet des Circus Monti. Im Interview mit Tink.ch spricht sie über die Faszination Zirkus, Orientierungsschwierigkeiten und Artisten ohne Starallüren.
Sie füllt Herz und Magen der Zirkuscrew: Magdalene Gisler.
Bild: Felix Wey, Circus Monti

Wie kamen Sie zum Job beim Circus Monti?

Schon seit längerer Zeit hatte ich mit dem Gedanken gespielt einmal im Circus Monti zu arbeiten. Als eines Tages auf meinem Pult beim Radio, wo ich damals arbeitete, eine Pressemappe des Circus Monti lag, war das ein Zeichen für mich. Ich machte einen Beitrag über den Zirkus und wusste bald, dass nun der richtige Zeitpunkt für einen beruflichen Wechsel gekommen war.  

Wie erlebten Sie die ersten Wochen im neuen Umfeld?

Am 19. Februar habe ich mein Abteil bezogen und arbeitete sofort intensiv bei den Vorbereitungen für die Premiere mit. In dieser Zeit half ich in der Werkstatt beim Bemalen der Fassade, beim Putzen der Wagen und beim Flicken von kleinen Dingen. Es gibt vor der Premiere immer sehr viel zu tun, und alle helfen mit. Ausserdem lernt man so bereits vor der Premiere alle Beteiligten des Circus kennen, auch jene, die man während der Tournee nicht mehr so oft zu Gesicht kriegt.  

Wie kann man sich als Aussenstehender das Leben im Zirkus vorstellen?

Es ist ein sehr einfaches Leben. Man muss im Team arbeiten können, denn ohne geht es nicht. Es gibt wenige Rückzugsmöglichkeiten, da wir etwa 60 Personen sind, die miteinander arbeiteten, essen und leben. Es ist genau das Gegenteil von anonym, eigentlich sehr intim. Man verrichtet harte Arbeit, aber trotz der notwendigen Disziplin, die unerlässlich ist, bleibt doch alles sehr spielerisch. Nebst der vielen Arbeit gibt es immer ein wenig Zeit für Spässe oder spontane Aktionen. Im Herzen sind hier alle Kinder geblieben.  

Was fasziniert Sie am Zirkus?

Vor allem fasziniert mich das Wechselspiel zwischen strikten Regeln und Kreativität, Flexibilität und Spontaneität. Es gibt eine Polarität zwischen Disziplin und Spiel. Alle arbeiten im Zirkus auf dasselbe Ziel hin, es ist ein Miteinander. Die Besucher sollen sich wohl fühlen, freundlich empfangen werden und einen schönen Nachmittag oder Abend bei uns verbringen können. Es ist mir wichtig, dass die Besucher die Herzlichkeit spüren. Bei uns kennt man sich und es gibt keine Starartisten, die sich aus dem Geschehen raus halten, denn in einem kleinen Zirkus braucht es die Hilfe von jedem.  

Was für Reaktionen gab es aus Ihrem Umfeld zur Arbeit im Circus Monti?

Oft finden es Bekannte unverständlich, wieso ich hier für so wenig Lohn so viel Zeit und Arbeit investiere. Doch wenn ich Menschen im gleichen Alter sehe, die zwar viel mehr verdienen als ich, jedoch alles andere als glücklich aussehen, bleibe ich lieber hier, wo mir die Arbeit wirklich Spass macht. Für ein oder zwei Saisons arbeite ich lieber mit wenig Lohn und dafür glücklich, als umgekehrt. Wie würden Sie Ihren Arbeitsplatz jemandem erklären, der nicht weiss was ein Zirkus ist? Am ehesten ist mein Job mit der Gastronomie vergleichbar. Der Unterschied zu einer „normalen“ Anstellung in der Gastronomie ist jedoch, dass ich jede Woche einen neuen Arbeitsweg habe und mich wieder neu orientieren muss. Im Grunde genommen habe ich ungefähr 50 Mal im Jahr neue Nachbarn und einen neuen Arbeitsplatz.

Am Abend kommt man spät auf einem neuen Platz an, richtet sich ein und legt die Stromleitungen. Man hat das Gefühl, den neuen Platz zu kennen, doch am nächsten Morgen geht man dann oft in die falsche Richtung, wenn man zur Küche oder zum WC will. Ausserdem sieht man die Schweiz aus einer neuen Sicht und kommt an Orte, wo man sonst vielleicht nie hingegangen wäre. Die Gäste sind auch etwas spezieller, da sie in Vorfreude auf ein Ereignis zu uns kommen. Das Buffet ist die Drehscheibe des Zirkus, hier habe ich Kontakt mit Besuchern, Mitarbeitern und Artisten. Für mich ist es der ideale Job im Zirkus. Ein weiterer Unterschied zur Gastronomie ist ausserdem, dass ich auch beim Auf- und Abbau des Zeltes mithelfe und mehr körperliche Arbeit verrichte, wie zum Beispiel Zeltplanen schleppen.  

Wie würden Sie das Publikum beschreiben, das in den Circus Monti kommt?

Das Monti-Publikum schätzt die Nähe und die angenehme Grösse des Zirkus. Oft werden wir als eine „Zirkus-Familie“ bezeichnet, was ich jedoch nicht mag, da es sich so abgedroschen anhört. Das Publikum schätzt es, dass die Artisten am Programm mitarbeiten und Spass an ihrer Arbeit haben. Der Zirkus ist sehr gepflegt und man fühlt sich wohl. Kleinigkeiten wie defekte Glühbirnen oder dreckige Wagen würden das Erscheinungsbild sofort beeinträchtigen. Unser Publikum weiss, was es erwartet, und wer per Zufall in eine Vorführung kommt, kommt sicher wieder einmal.  

Haben Sie selber ab und zu die Gelegenheit sich die Vorführungen anzuschauen?

Ja, jedoch sehe ich fast immer bloss denselben Teil. Nach dem Einlass und nach der Pause, wenn alles am Buffet wieder bereit ist, habe ich Zeit, mir die Vorstellung anzusehen. Manchmal habe ich auch einen ganzen Abend frei. Den verbringe ich dann aber mittlerweile meistens individueller. Anfangs ging ich noch öfters in die Vorstellungen, da ich schauen wollte, was die Artisten aus den Ideen und anfänglichen Proben der Winterpause zusammengestellt haben. Es ist auch interessant zu sehen, wie sich die Vorstellung mit der Zeit verändert, und sich die Dynamik zwischen den Artisten weiter entwickelt.  

Wie sehr spürt man den Verlust von Gründer Guido Muntwyler im Alltag des Zirkus?

Es ist schwierig für mich die Unterschiede zu beschreiben, da ich noch nicht im Circus Monti gearbeitet habe, als Guido noch lebte. Jedenfalls ist er weiterhin tief in den Herzen verwurzelt. Oft hört man von irgendwem: „Guido hat dies und das gesagt…“, oder „Als er hier sass, sagte Guido immer…“. Er ist sowohl bei den Mitarbeitern als auch beim Publikum immer noch sehr präsent, als eine gute Seele, die hier war, viel Wärme ausgestrahlt und bis heute hinterlassen hat.