Kultur | 21.05.2007

„Ich habe nie Geld!“

Wer bei den Horrors als Vorband spielen darf, kann sich nicht beklagen. Tim, der Sänger von The Michelles ist trotzdem immer knapp bei Kasse. Im Gespräch mit Tink.ch erläutert er ausserdem, wie man in vier Schritten erfolgreich wird.
Greame, Tim und Jules sind in Feierlaune.
Bild: Anna Rikje Rosenthal Tim an seinem Lieblingsort: Vor dem Mikrofon. Tatjana Rüegsegger

Es war sicher nicht ganz einfach eine Band zu finden, die trotz dem darauffolgenden Auftritt von The Horros einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Doch das Zürcher Abart fand einen Diamanten im Heuhaufen. The Michelles heissen die drei Jungs, die vor dem Konzert in rot geblümten Shorts herumhüpften. Ein Spezialtipp den man sich  genauer ansehen sollte. Tink.ch hatte das Vergnügen, Sänger Tim nach dem Konzert via E-Mail ein paar Fragen zu stellen.

Du bist ursprünglich Amerikaner lebtest aber in London. Heute wohnst du in Berlin. Was ist passiert? Wieso all diese Änderungen?
Tim: Irgendwie hasse ich es, lange am gleichen Ort zu bleiben. Wenn du herumziehst, gibt dir das neue Perspektiven für die Musik. Amerika habe ich verlassen weil ich etwas finden wollte, das mein ganzes Leben ändert. In London wollte ich dann diesen Traum verwirklichen. London habe ich verlassen, weil ich nach zwei Jahren Probleme mit der Regierung bekam, die mich schon zuvor einmal aus England ausgewiesen hatte. Dazu kam unser einschüchternder Vermieter, den ich nicht bezahlen konnte. Berlin ist sehr wahrscheinlich meine Lieblingsstadt im Moment. Es gibt eine vibrierende Szene und die Menschen nehmen nicht alles so ernst. Nicht wie in London, wo alle so arrogant herumstolzieren.

Ist eure Entstehungsgeschichte, so wie ihr sie auf eurer Myspace-Seite erzählt, wahr? Warst du als Teenager wirklich mit einem Mädchen namens Michelle zusammen, welches dich mit Greames Kollegen „Dan the Carnivore“ (Dan der Fleischesser, Anm. d. Red. ) betrog und dir das Herz brach?
Alles auf Myspace ist wahr. Vielleicht erzähle ich es ein bisschen zu blumig, aber nichts davon ist gelogen. Ausser die Sache mit Jules und dem Gefängnis. Er war nie im Knast, das ist sarkastisch gemeint. Aber er trägt immer ein Messer mit sich herum, das inspirierte uns dazu. Die andere Hälfte, das was nicht dort steht, ist die Marmelade zwischen dem Toast. Alle Details. Die Geschichte auf Myspace erklärt ja nicht, wieso all das geschah. Die Marmelade ist das „wieso“. Aber ich werd jetzt nicht auf das eingehen.

Wie habt ihr euch denn alle kennen gelernt?
Ich habe Greame und Jules zu verschiedenen Zeitpunkten kennen gelernt. Greame habe ich einmal in Amerika getroffen (Da geschah die Sache mit Michelle), und eineinhalb Jahre später wieder in den Londoner Strassen. Schicksal, sozusagen. Ich fragte ihn dann, ob er für uns drummen will. Jules lernte ich dann vor sechs Monaten in Berlin kennen. Er ist das neuste Mitglied.

Wann fingst du an dich für Musik zu interessieren?
Eigentlich habe ich nie wirklich Musik gehört bis ich 12 war. Ich war ein sehr isoliertes Kind. Danach habe ich nur Kassetten von Alanis Morrissette, The Fugees, Hanson, OMC und Spice Girls gehört. Oh ja, und Ace of Base. Als ich dann 15 war, entdeckte ich die Beatles und andere Oldies. Von hier an habe ich nie mehr moderne Musik gehört bis ich 18 Jahre alt war und The Strokes geschahen. Die haben mich total fasziniert. Ich fing mit 16 an Gitarre zu spielen, ein paar Monate nachdem ich die Beatles zum ersten Mal hörte. Ich hörte immer mehr solche Musik und sagte zu mir „Das ist was ich machen will.“

Welche Bands hatten einen Einfluss auf die Michelles?

Melodische Sachen wie Mowtown, Beach Boys und The Beatles. Aber auch eckiger Indie Rock wie The Strokes, Kings of Leon und Elefant und seltsame Indie – Psychedelik wie Of Montreal, Unicorns und Neutral Milk Hotel.

Arbeitest du neben deiner Musikkarriere noch irgendwo, oder lebst du von deiner Leidenschaft?
Ich sollte wohl arbeiten, denn ich habe nie Geld! Manchmal mache ich seltsame Sachen wie medizinische Versuche oder langweilige Jobs wie Zeitungen verteilen. Aber ich bin von den Gigs abhängig, um meine Miete bezahlen zu können. Was leider wirklich nicht sehr regelmässig geschieht. Ich versuche zwar nur von der Musik zu leben, aber ein Mann muss auch essen.

Wann und wo hattet ihr euren ersten Auftritt?

Den ersten Gig hatten wir an einem Schulfestival eines Freundes! Das Unheimliche daran ist, dass es in Berlin stattfand. Die vorherigen Mitglieder der Michelles, die Band vor der jetzigen Band, gingen nach Berlin um Ferien zu machen und wir spielten dann an diesem Festival. Die erste Show die wir dann in London hatten, war im „The Bull & Gate“ Pub in Camden. Ein beschissener Ort, wo viele berühmte Bands gespielt haben.

Was sind, deiner Meinung nach die fünf wichtigsten Sachen die eine Band braucht, um gute Musik zu machen?

Also, ich denke wenn die Band gut ist, braucht sie meinen Rat nicht. Ausserdem weiss ich nicht, ob ich überhaupt in der Lage bin, Ratschläge zu geben, solange wir noch nicht in den Charts sind. Aber ich versuche es jetzt trotzdem. Wenn du gut werden willst und gute Musik machst, halte dich an Folgendes:
1. Sei professionell. Sei keine Primdonna. Führ dich nicht wie ein Rockstar auf, wenn du keiner bist.
2. Sei nett. Wenn du mal fällst, wirst du die Menschen von früher wieder brauchen.
3. Mach keine Musik, nur um wie jemand anderes zu klingen. Imitiere nicht absichtlich, denn so unterwirfst du dich nur deinem Versagen.
4. Lass alte Songs gehen. Auch wenn du sie liebst, kreiere etwas Neues und Besseres.
5. Wiederhole Schritt 1-4.

Gibt es deiner Meinung nach viele überschätzte Bands im Moment?
Es gibt immer überschätzte Bands. Vielleicht sind wir eine. Ich denke man weiss nie, ob man wirklich gut ist, oder ob die Leute einfach zu blind sind, um zu sehen wie schlecht man ist.

Was war die schlechteste Show die du je gesehen hast?

Sicher ein paar Michelles-Shows. Ausser diesen? Ein paar beschissene Bands in London (davon gibt es so viele) von denen ich die Namen vergessen habe.

Was war das Schlimmste was du je getan hast?
Das sag ich dir nicht. Es war etwas wirklich Schlimmes. Aber es ist zum Glück so, dass irgendwie alle einmal etwas gemacht haben wofür sie eigentlich 50 Jahre im Knast sitzen müssten. Ich bin nicht allein!

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