Kultur | 13.05.2007

Herz schlägt Kopf

Text von Mischa Wyss | Bilder von Nathalie Kornoski
Trägt unser Verstand wirklich zur Klärung von wichtigen Fragen bei?Oder ist er, im Gegenteil, eher ein Hindernis auf dem Weg zur Weisheit?
Bild: Nathalie Kornoski

Des Verstandes Unvernunft

oder

„Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu entledigen.“

Die Welt ist voll Entscheidungsfragen,
die das Leben an uns Stellt.
Verantwortung für sie zu tragen
macht uns Atlas dieser Welt.

Entscheiden heisst mir das Bedürfnis,
eng wie möglich einzugrenzen,
des Beschlossenen Zerwürfnis,
mit sein‘ eignen Konsequenzen.

Je weiter reichend, desto trüber,
wird der Weitsicht spähend Front.
Der Folgen Grenze reicht meist über
der Erkenntnis Horizont.

Wer Horizonte nicht erweitert
gibt der Blindheit sich geschlagen.
Selbst die weit’ste Umsicht scheitert
stets wo Horizonte ragen.

Wo Sichtbarkeit, wo Weisheit endet,
fängt das Reich des Zweifels an.
Von Zweifel wird das Aug geblendet,
welch’s nicht blind vertrauen kann.

Muss felsenfest man denn Vertrauen
zu was Unfassbarem fassen,
ohne erst den Fels zu schauen
bauend darauf sich verlassen?

Bedingt der Ratio Niedergange
des Vertrauens Niederkunft,
und die vernunftbegabte Schlange
schrumpft zum Wurm der Unvernunft?

Denn Trauen heisst mir, sich zu wagen
Wissens-Grenzen zu entmachten.
Der Dialektik zu entsagen,
um Gefühl und Herz zu achten.

Obschon ich tief Gefühle hege
für den aufgeklärten Geist,
steht doch derselbe mir im Wege
der ins Herz der Klarheit weist.

Und doch ist Weisheit unverzichtbar.
Wem denn sonst soll es gelingen
den Verstand, der nie ganz dicht war,
endlich zur Vernunft zu bringen!?!