Kultur | 31.05.2007

„Einer neuen Lebensform begegnen“

Seit fünf Saisons arbeitet Jeannette Gautschi beim Circus Monti. Im Interview mit Tink.ch erzählt sie von ihrer neuen Tätigkeit als Koordinatorin des Platzteams, verrät, was sie am Sägemehl-Leben fasziniert und warum die diesjährige Tour eine spezielle Herausforderung für sie wird.
Der Draht zur "Aussenweilt" ist ihr wichtig: Jeannette Gautschi koordiniert das Platzteam.
Bild: Felix Wey, Circus Monti

Warum sind Sie im Platzteam beschäftigt und nicht als Artistin in der Manege?
Das ist ganz einfach: Ich habe nicht genügend Fähigkeiten dafür (lacht). Deshalb kam ich gar nie auf die Idee, etwas anderes zu tun, als im koordinierenden Teil des Zirkus meinen Beitrag zu leisten.

Weshalb haben Sie sich überhaupt für das Zirkusleben entschieden?

Das etwas andere Leben hat mich extrem gereizt. Ich wollte neue Menschen kennen lernen, herumreisen und fremde Orte besuchen; einfach einmal einer neuen Lebensform begegnen. Zudem suchte ich eine Abwechslung zu meinem Berufsalltag als Pflegefachfrau. So habe ich mich beim Circus Monti beworben. Das ist nun gut fünf Jahre her.

Wie muss man sich die Arbeit des Platzteams vorstellen?
Es ist wohl eine der abwechslungsreichsten Aufgaben, die man beim Zirkus überhaupt haben kann. Ich bin für die Küche – manchmal auch fürs Kochen – die Einkäufe, das Buffet und den Kinderhort zuständig. Der Auf- und Abbau des Zeltes gehört natürlich auch dazu.

Das klingt nach sehr viel Arbeit. Wie lange dauert denn ein Arbeitstag?

Wenn wir das Zelt aufbauen, beginnen wir morgens um 6.15 Uhr und sind bis mittags um 12.30 Uhr dran. Gibt es eine Abendvorstellung, arbeite ich oft bis um Mitternacht. Pro Woche habe ich zwei halbe Tage frei.

Kommt bei dieser ganzen Arbeit das Familienleben nicht zu kurz?

Eigentlich nicht. Ich telefoniere oft mit der Familie oder Kollegen. Ich pflege bewusst meine Kontakte. Der Draht zur „Aussenwelt“ ist mir sehr, sehr wichtig.

Wenn man derart nahe in Wohnwagen zusammenlebt, kommt es da nicht zwangsläufig zu Konflikten?
Natürlich kann dies zum Problem werden. Wir arbeiten zusammen und geniessen unsere Freizeit oft gemeinsam. Es ist wie in einer Dorfgemeinschaft. Auch dort gibt es manchmal Probleme. Doch wir geniessen ein sehr gutes Umfeld und man kümmert sich um die anderen.

Gibt es humorvolle Ereignisse aus dem Zirkusalltag, die bei Ihnen haften geblieben sind?

Oh ja, davon gibt es einige. Einmal, als wir bei unserem Campingplatz einen Hydranten aufgedreht haben, gab es einen Rohrbruch. Alle wurden klitschnass und es floss ein regelrechter Bach die Strasse hinab. Das war eine sehr lustige Angelegenheit.

Haben Sie auch noch Zeit für ein Hobby?

Ich lese gerne und viel. Zudem höre ich oft Musik und gehe an den Tourneeorten spazieren, oder auch mal shoppen. Und manchmal veranstalten wir mit dem Team Spiele.

Gab es auch schon Momente, in denen Sie genug vom Sägemehl und der glitzernden Zirkuswelt hatten?

Eigentlich entscheide ich jedes Jahr aufs Neue, ob ich noch eine Saison anhängen will. Nach dem zweiten Jahr hatte ich bereits wieder aufgehört. Doch dann reizte es mich plötzlich wieder und ich beschloss, wieder zum Circus Monti zurückzugehen.

Das Geld hat dabei wohl nicht den Ausschlag gegeben. Reicht es trotzdem, um gut leben zu können?

Trotz der Abzüge für Kost und Logis reicht es gut für ein bescheidenes Leben. Es ist wirklich nicht viel, aber man kann es sich einrichten. Im ersten Jahr musste ich noch etwas aus der eigenen Tasche drauflegen, damit es für meine damalige WG und den Circus reichte.

Wird die diesjährige Tour durch die neuen Aufgaben für Sie speziell anstrengend?
Sie sollte eigentlich kaum anstrengender werden, dafür wohl umso intensiver und lehrreicher. Als Verantwortliche für einen bestimmten Bereich bieten sich mir grössere Herausforderungen. Und mit der Zeit weiss man beim Zirkus sowieso, worauf man sich einlässt (schmunzelt).

Wird Ihre Zukunft dem Circus Monti gehören?
Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Ein Leben lang kann man kaum beim Zirkus bleiben. Momentan gefällt mir meine Arbeit aber sehr gut. Im August, gegen Ende der Tour 2007, weiss ich mehr.