Kultur | 31.05.2007

Ein Jahrhundertprozess

Text von Andy Zesiger | Bilder von Andy Zesiger
Er wird ohne Zweifel Geschichte machen: Der Swissair-Prozess, welcher ergründen soll, welche Personen die Verantwortung am Untergang des Unternehmens tragen. Der Journalist Constantin Seibt verfolgte das Geschehen mit eigenen Augen und legt nun ein gut recherchiertes und witziges Buch vor.
Das Buchcover ziert der Hauptangeklagte Mario Corti.
Bild: Andy Zesiger

Der grösste Wirtschaftsskandal der Schweiz, der Niedergang der Swissair, einer Ikone der Luftfahrt, die gleichzeitig Stolz und Identität vermittelte, wurde vom 16. Januar bis zum vorläufigen Ende vom 9. März 2007 in einem spektakulären Prozess nachgezeichnet. Mit dabei: Der Journalist des Tages-Anzeigers, Constantin Seibt. Dieser hat nun seine Eindrücke von schweigenden Verwaltungsräten, einer schwachen Anklage, stundenlangen Plädoyers und freisinnigem Wirtschaftsfilz in einem Buch verarbeitet. Und was für eines.

Das Geschwätz ignorieren
Zwei Möglichkeiten seien zur Wahl gestanden, meint der Chefredaktor des Tages-Anzeigers, Peter Hartmeier, im Vorwort: Eine faktenreiche und emotionslose Darstellung des Prozesses oder eine Darstellung in Geschichten, in prägenden Einzelschicksalen, die dem hochkomplexen Fall ein Gesicht geben. Entschieden hat man sich die zweite. Die Aufgabe, die Seibt zu bewältigen hatte, war keine einfache. Aus einer Fülle von Material, 19 Anklageschriften, 4180 Bundesordner an Dokumenten und höchst gegensätzlichen Standpunkten musste er Relevantes herausfiltern, Geschwätz ignorieren. Entstanden ist ein Buch, das mit viel Humor alle involvierten Parteien ausgeglichen beleuchtet.


Eine Millieustudie
Doch die Stärke der Texte liegt nicht nur in ihrer Fachkenntnis, sondern vor allem in ihrer Leichtigkeit und geschliffenen Formulierungen, mit denen Seibt dem tristen Gerichtstagen in der Bülacher Stadthalle Leben einhaucht. Der heldenhafte Auftritt des letzten Swissair Chefs, Mario Corti, wird ebenso beschrieben wie der Werdegang von Verwaltungsrat Eric Honegger vom Politiker zum einflussreichen Wirtschaftsführer. Dass sich Seibt nicht ausschliesslich auf den Prozess beschränkt und vielmehr die Leute, die Gesichter hinter der Swissair mit ihren persönlichen Schicksalen ins Zentrum stellt, macht aus seinem Buch eine detailreiche und höchst amüsante Milieustudie Schweizer Wirtschaftsgeschichte.
Der letzte Teil der Swissair Geschichte, das Urteil, wird am 7. Juni verkündet. Damit seine Leser nicht darauf verzichten müssen, wird Seibt auf der Homepage seines Verlags (www.echtzeit.ch) das letzte Kapitel zum Herunterladen bereitstellen. 24 Stunden nach Urteilsverkündung.

Das Buch:


Constantin Seibt: Der Swissair Prozess. Verlag Echtzeit, Gebunden, 160 Seiten.