Kultur | 14.05.2007

„Die Zuschauer sind unsere Geiseln“

Das isländische Disco-Soul Trio Gus Gus tourt mit seinem neuen Album "Forever" durch die Clubs. Tink.ch traf President Bongo, der das Publikum auch mal mit Sprüchen wie "If you don't dance, you're English" anheizt.
Geiselnehmer President Bongo im Tourbus.
Bild: Martin Sigrist Stephan Stephensen, alias President Bongo mit Martin Sigrist von Tink.ch. Sängerin Earth mit dem Tink.ch-Reporter. Magnus Gudmundsson

Das einst 12-köpfige isländische Künstlerkollektiv Gus Gus touren mit ihrem neuen Album «Forever« durch Europa. Nun noch als Trio haben sie sich endgültig dem Disco-Soul verschrieben. Tink.ch traf President Bongo, der das Publikum auch mal mit Sprüchen wie «If you don’t dance, you’re English« die Massen anheizt. Bongo erzählte von Ehrlichkeit als Band, gutem Publikum und seiner Vorstellung von Punk.

Du siehst etwas erschöpft aus, wenn ich das sagen darf.
President Bongo: Ich bin etwas müde, denn es ist die erste Tour nach zwei Jahren. Damit haben wir auch eine neue Crew. Und mit neuen Leuten feiern wir immer besonders ausgiebig.

Nervt es dich nicht, wenn die Leute bei euch einfach auf einen Hit wie „David“ warten?

Ich glaube nicht, dass dies bei uns der Fall ist. Die Leute gehen gleich ab dem ersten Ton ab und lassen sich gehen. Wir nehmen die Leute mit auf eine Reise, ohne dass sie wissen ob ein bestimmtes Stück überhaupt gespielt wird. Klar haben wir eine Setlist, aber eine die auch uns Spass macht. Wenn die Leute dann tatsächlich nur auf diesen einen Song warten würden, müssten sie das ziemlich lange tun, bis zu letzten Stück. Doch die Leute haben schon viel früher Spass bei unseren Konzerten.

Wohin führt die Reise, auf die ihr das Publikum mitnehmt?

Die Reise zum Meister des Spasses, zum inneren Meister des Spasses. Die Leute werden bei uns sozusagen als Geisel genommen, nur mit der Möglichkeit zu tanzen und Spass zu haben.

Also wird jeder mit euch garantiert Spass haben?

Ja, denn bei uns ist so viel Energie da. Wenn wir auftreten, passieren viele unerwartete Dinge, wir improvisieren viel. Dann ist es egal wer im Publikum ist, woher sie kommen. Wir werden sie alle erwischen.

Was für unerwartete Dinge meinst du?
Wir haben verschiede Versionen unserer Stücke. Wir müssen die Stücke je nachdem in eine Live-Umgebung bringen, so dass sie wirklich funktionieren. Wir machen alles immer live, da ist nichts vorher aufgenommen worden oder sonst wie vorbereitet. Wir spielen und mixen live auf der Bühne. Damit können unsere Stücke von einem Augenblick bis unendlich lange dauern. Je nachdem. Wenn mal bei uns jemand einen Einsatz verpasst, dann kommt halt der nächste. Es gibt immer Platz für Veränderungen und Überraschungen. Wir brauchen die Freiheit dazu, denn sonst würde alles Routine und damit langweilig werden.

Kritiker meinen, Eure Platte sei zwar gut, aber nach fünf Jahren Pause nicht innovativ genug.

Die Rolling Stones sind die Rolling Stones, die haben ihren Sound. Wir sind Gus Gus und haben unseren Sound. Wenn Leute bei uns eine Entwicklung vermissen, dann haben sie nicht richtig hingehört, denn Gott steckt im Detail. Gerade im Klang steckt viel Entwicklung. Wir haben neue Synthesizer, neuen Gesang, sehr komplizierte neue Arrangements. Damit haben wir viel experimentiert, vieles daraus ist ungeplant entstanden. Schlussendlich kommt es doch nicht drauf an ob fünf oder zehn Jahre vergangen sind, denn Zeit ist nicht entscheidend. Es ist die Musik. Wir hatten in dieser Zeit viele Dinge zu tun und waren nicht einfach fünf Jahre im Studio. Wir hatten Kinder, das Label gewechselt, sind in ein anderes Studio umgezogen und so weiter. Uns hat auch einiges am Album nicht gepasst und wir haben es weiter entwickelt. Ausserdem sind wir viel getourt und unterwegs können wir keine Musik machen, das geht mit unserer ganzen Elektronik kaum. Das Album kam dann einfach, als es dafür Zeit wurde. Vielleicht mögen die Leute einfach unseren Stil nicht, denn es ist ja gerade im Trend, ganz reinen digitalen Elektro zu machen. Wir hingegen machen alles analog, das klingt alles schmutziger, die Musik atmet bei uns noch.

Warum ist eure Band eigentlich von zwölf auf drei Mitglieder geschrumpft?
Das war unsere Entscheidung. Wir wollten die Richtung ändern denn wir waren damals einfach die Produzenten. Wir haben ein Umfeld geschaffen, wo es uns nicht wohl war. Es war oberflächlich und nicht ehrlich, wenn das vielleicht Fans auch nicht bemerkt haben. Der Gesang war zu girlie-mässig. So sind Mitglieder gegangen oder wurden gegangen. Dadurch konnten wir jene ehrliche Band bekommen die wir uns wünschten und jene Mitglieder finden, mit denen es den grösstmöglichen Spass machen würde. Und wenn man lange genug wünscht, wird es bekanntlich wahr. Auch bei uns, denn Earth, unsere neue Sängerin, kam zu uns. Earth hat eine richtige Frauenstimme, nicht mehr so ein Flüstern wie man es von uns früher kannte. Natürlich mussten wir nach diesem Wechsel kämpfen, denn die Leute erwarteten damals immer noch den melodramatischen Stil von uns, doch den wollten wir nicht mehr.  Nach diesem Wechsel konnten wir Songs wie «David« machen, eines unserer beliebtesten Stücke. Das ist unser Ding und tut uns gut. In den USA verkauft sich das zwar nicht, aber wir mögen den US-Markt sowieso nicht.

Was stört euch daran?
In den USA ist das touren langweilig. Ich will nicht die Amerikaner runtermachen, aber hier ist der Markt einfach besser, alles ist professioneller und das Publikum ist viel gemischter, gerade altersmässig. Hier kommen Leute zu unserer Show die sind oft bis zu 40. Auch diese Leute sind noch verrückt genug, um Party zu machen. Und so sind wir eben auch, gehen auf die 40, und sind trotzdem noch verrückt. Es ist keine Frage des Alters, wichtiger ist, dass sich die Leute gehen lassen. Musik bleibt Musik und sollte allen gefallen.

Warum ist euer Publikum hier so anders zusammengesetzt?

Technomusik ist hier viel tiefer verwurzelt. Bei uns zum Beispiel, in Island, da glaube die Leute noch immer, Techno sei ausschliesslich was für Leute auf Drogen. Doch Musik und Drogen gehören doch schon zusammen seit es Musik gibt, das ist nichts Neues. Doch Leute sind in dem Bereich manchmal sehr engstirnig, wenn sie denken, dass der Bass voller Drogen ist, und nicht voller Liebe.

Ihr seid also nicht sehr isländisch?
Doch, wir sind sehr isländisch. Wir sind eine Punkband, machen viel Verzerrung und keine Kompromisse. Es ist ein Mix aus Soul, Punk und Techno, das ist sehr isländisch. Auch Björk ist ein Punk. Musik aus Island hat viel mit Punk zu tun, zumindest mit der Einstellung. Isländische Musik ist nicht einfach abgefahren. Sie ist Punk, sie ist ehrlich, sie ist revolutionär.


Verlosung


Lust auf Gus Gus? Tink.ch verlost zwei signierte Exemplare ihres neusten Albums "Forever". Schreibt bis am 21. Mai 2007 eine Mail mit dem Betreff "Gus Gus" an martin.sigrist(at)tink.ch. Vergesst Eure Postadresse nicht.