Kultur | 18.05.2007

Das Schweigen

Text von Michelle Affolter | Bilder von Michelle Affolter
Autor Uwe Timm schildert die Geschichte seines Bruders, welcher sich 1942 freiwillig zur SS meldete und in Russland mit nur neunzehn Jahren seinen schweren Kriegsverletzungen erlag.
Uwe Timms Buch ist 2003 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erscheinen.
Bild: Michelle Affolter

Am Beispiel seines Bruders erzählt der deutsche Bestsellerautor, welchen Einfluss der Tod eines Familienmitgliedes auf eine ehemals nationalsozialistische Familie hat. Und wie rapide Hitlers Ideologie danach in sich zusammenfiel.

Eine Qual

So kurz mich dieses Buch durch den Alltag begleitet hat, sprich so kurz ich die Zeit erlebt habe, in welcher ich es gelesen habe, so lange wird es mich vermutlich beschäftigen. Noch bin ich unschlüssig, ob ich dieses Buch in positiver oder negativer Erinnerung behalten soll. Ist es etwa gut, wenn es einem beim Lesen eines Romans so übel wird, dass man sich überlegt, welche Qual dieses Buch für einen ist? Ist es etwa schön wenn mir wegen manchen Wörtern Tränen übers Gesicht laufen und ich mich fragen muss, warum ich noch weiter lese?

Eine Geschichte vom Schweigen

Die Antwort lautet sicherlich: Nein. Und trotzdem merke ich, dass ich für dieses eben erwähnte Gefühl sehr dankbar bin, denn gegen Ende des Buches schreibt Timm: „Seit ich an diesem Buch arbeite, habe ich Augenschmerzen, ich weine, als müsste ich all die unterdrückten Tränen nachweinen (…)“. Dieses Zitat bestätigt mir, den Autor absolut verstanden zu haben. Es war ein solcher Schmerz, den ich dauernd  physisch wie psychisch wahrnehmen musste und durfte, zum Beispiel bei der Geschichte über den Soldat, der seine zwei Gefangenen zwingt, zu fliehen, und diese, in dem Moment als sie fliehen, erschiesst. Aber auch beim Nachdenken über die Frage, warum die Nachbarn jüdischer Familien geschwiegen haben, als die Familie nebenan „in die Ferien verreiste“; warum man wusste und nicht wissen wollte.

Ich empfehle dieses Buch an alle Leseratten, die sich grundlegend für den Nachkriegsalltag einer ehemaligen nationalsozialistischen Familie interessieren und wissen wollen, wie es wirklich war. Das Buch ist nicht nur historisch lesenswert, sondern auch in soziologischer und psychologischer Hinsicht. Es handelt von Opfer- und Täterrollen, unverstandenen Träumen, vor allem aber vom Schweigen. Auf welche Arten man schweigt, warum man schweigt, sind zentrale Themen im Buch.

Ein lebendiger Toter

Für Leserinnen und Leser, die mehr Antworten als Fragen erwarten, ist das Buch sicherlich nicht eine geeignete Lektüre. Auch nicht für jene, die denken, dass das kurze Leben von Timms Bruder ein aussergewöhnliches Schicksal mit heftigem Spannungsbogen wäre. „Am Beispiel meines Bruders“ ist ganz einfach ein Roman über einen jungen Mann welcher für seine Familie und sein Vaterland gekämpft hat. Die Geschichte über einen Bruder, der als Toter in der stummen Familie immer noch sehr lebendig ist.