30.04.2007

Viel Bewegung bei den Pipistrelli

Text von Janosch Szabo
Der Circolino Pipistrello ist ein Mit-Spiel-Zirkus, heuer zum 26. Mal auf Tournee. Eine bunt gemischte Truppe, zehn Frauen und sechs Männer, erfüllt Woche für Woche Kindern, Erwachsenen, Behinderten und alten Menschen den Traum vom Zirkus. Tink.ch hat die Pipistrelli letzte Woche in Turbenthal im Zürcher Oberland besucht.
Der grösste Mit-Spiel-Zirkus der Schweiz: Den Circolino Pipistrello gibt es seit 1981. Fotos: Janosch Szabo Behindert oder nicht behindert spielt keine grosse Rolle: Mitmachen können alle. Auch eine kleine Jonglage mit bunten Tüchern kann viel Freude bereiten. Irene Müller ist das erste Jahr im Leitungsteam: "Ich habe noch lange nicht alles gesehen, es gibt noch vieles zu entdecken." Die Traktoren ziehen den Tross von einem Ort zum anderen. Vollgas auf dem Drahtesel: "Das Feuer ist entfacht -“ ein ZuFall" heisst das neue Programm. Fotos: Felix Wey Die Pipistrelli haben so manche Überraschung bereit. Zum Beispiel ein Seiltanz mit Federballspielumrahmung.

Da steht es, das grosse blaue Zirkuszelt, mitten auf dem Sportplatz beim Schulhaus, und neben der Turnhalle die Wagen und Traktoren. Die Pipistrelli sind da, sind gekommen, um den Kindern der Primarschule Breiti und der Heilpädagogischen Schule Turbenthal den Traum vom Zirkus zu erfüllen. Und tatsächlich: Überall auf dem Schulgelände üben kleine Zirkuskünstlerinnen und Zirkuskünstler eifrig für ihren grossen Auftritt in der Manege. Der wird am Freitagabend sein. Im Zelt probt die Musikgruppe, auf dem Basketballplatz knurren die als Raubtiere Verkleideten, in der Turnhalle feilen die Clowns an ihrer Nummer, in einem Durchgang tanzen kleine Mädchen und ein Junge über das Seil und gleich um die Ecke wird jongliert und getanzt.

Es geht um Freude

Bei jeder Gruppe sind ein oder zwei Pipistrelli dabei, als Animatorinnen und Animatoren. Eine davon ist die 22-jährige Irene Müller. Ihr Rezept, die Kinder zu motivieren und an ihrer Fantasie zu kitzeln, ist ganz einfach. Sie verrät, was sie sagt, wenn ein Kind zu Beginn noch etwas skeptisch ist: „Das ist eine Chance für dich. Du entscheidest frei, was du machen möchtest. Ich bin da, dir zu helfen. Es ist fast alles möglich.“ Ihre Zirkuskollegin Andrea Wampfler bekräftigt: „Jeder kann hineinbringen, was er will.“ So geht es beim Circolino Pipistrello nicht um artistische Höchstleistungen, sondern vor allem darum, dass alle Freude haben. Es geht um die verschiedenen Zirkus-Disziplinen, um das Verbeugen und das Manegenbewusstsein.


Alle helfen mit

Es ist vier Uhr. Die Kinder verräumen ihre Kostüme, ihre Hüte, Tücher, Bälle und Clownnasen, sie haben Feierabend. Nicht aber die Pipistrelli. Zuerst treffen sie sich zu einer kurzen Besprechung des Nachmittags, später am Abend wollen sie auch noch ihr eigenes Zirkustheaterprogramm durchspielen, als Probelauf. Und dazwischen gibt es ein kleines Nachtessen. Thomas, der Zivi, hat zwei grosse Bleche Apfelkuchen bereitgestellt. Irene schnappt sich ein Stück und ist schon wieder weg. Sie hat noch eine Sitzung mit dem Leitungsteam. Als sie zurückkommt, erklärt sie: „Jeder vom Team hat eine Aufgabe, ist zuständig für einen Bereich, wie Presse, Apotheke, Musik, Technik und vieles mehr. Und dann gibt es noch das Leitungsteam, zudem ich seit diesem Jahr gehöre. Wir sind drei Leute, der Knotenpunkt zwischen dem Team und dem Stiftungsrat, und unsere Aufgabe ist es die Übersicht zu bewahren.“ Das ist gar nicht so einfach, organisieren die 16 Pipistrelli ihre Tournee schliesslich von A bis Z alleine. Dass bei einem solchen Unterfangen ziemlich viel zusammenspielt, wird klar, wenn Irene, die nun schon drei Jahre dabei ist, sagt: „Ich habe noch lange nicht alles gesehen, es gibt noch vieles zu entdecken.“  

Ja, langweilig wird es den Pipistrelli nicht so schnell. Jede Woche sind sie von neuen Kinderhorden umgeben, erleben besonders intensive Wochen, wenn sie mit behinderten Menschen arbeiten, und spielen dann immer wieder auch noch ihr eigenes Programm. „Das Feuer ist entfacht – ein ZuFall“ heisst es und ist laut Plakat ein circensisches Athleticum. Was auch immer das sein soll, ein Besuch bei der Hauptprobe schafft Klarheit über die Zirkuskünste der Pipistrelli.

Olympia in der Manege

Die Sonne schickt ihre letzten Strahlen ins Tösstal, als sich die Pipistrelli mit allerlei Instrumenten vor dem Zirkuszelt aufstellen und zur Einlassmusik anstimmen. Eine Handvoll Leute sitzt im Gras und hört der fröhlichen Musik zu. Darunter die beiden Regisseure Annette Stickel und Pascal Démarais sowie der Musikverantwortliche Marc Bänteli. Alle drei haben anfangs Jahr mit der bunten Truppe im Winterquartier des Circolino in Rikon zwei Monate lang an dem Stück geübt und gefeilt, Ideen auf den Boden gebracht und Nummern zu einer ganzen Geschichte zusammengestellt. Diese Geschichte dreht sich rund um einen olympischen Ring, der den Göttern ganz zufällig ins Rund der Manege gefallen ist. Und dort sollen nun also die Olympischen Spiele stattfinden.

Die Pipistrelli nehmen die Herausforderung ohne lang zu fackeln an, bemühen sich um eine griechische Atmosphäre, inszenieren eine Eröffnungsfeier, denken gar ans Maskottchen und laufen bei der Fackeljonglage oder dem Drahtseilakt der Federballastronauten zu Höchstleistungen auf. Viel Bewegung prägt dieses originelle Spektakel, wer nicht in der Manege steht, musiziert, hilft beim Aufbauen der Geräte oder sitzt hinterm Lichtpult. Die akrobatischen Nummern sind wohl nicht so spektakulär wie jene im grossen Knie, aber dafür einmalig und überraschend, spielerisch und luftig leicht. Denn wer hat schon einmal ein Wettschwimmen an Hängetüchern mitverfolgt?

Die Pipistrelli unterwegs


Die Tournee 2007 führt den Circolino Pipistrello dieses Jahr zu Schulen aller Altersstufen, Heimen, Ferienpassaktionen und Integrationsprojekten für Menschen mit oder ohne Behinderung. Die Traktoren ziehen das kleine Zirkusdorf inklusive Zelt, Kostüme, Requisiten, Werkstatt und Wagen von Schaffhausen bis nach Hergiswil im Kanton Luzern und vom solothurnischen Günsberg bis ins nahe Ausland, nach Lichtenstein. Die genauen Spieldaten sind auf der Website des Zirkus‘ zu finden.

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