Gesellschaft | 23.04.2007

Sklavenhandel vor der Küste

Text von Claudia Peter
Die Idylle auf der Ile de Gorée täuscht. Wo heute Touristen spazieren, wurden zur Kolonialzeit Sklaven nach Amerika verschifft. Auf der kleinen Insel vor Senegals Hauptstadt Dakar ist die traurige Geschichte noch lebendig. Das Haus der Sklaven ist Zeuge davon.
Denkmal für die versklavten Afrikaner. Fotos: Claudia Peter Gebäude aus der Kolonialzeit Blick über die Ile de Gorée Im Erdgeschoss verkauften die Europäer ihre Ware. Die Häuser zerfallen- Blechhütten als notdürftige Unterkunft. Die idyllische Bucht verschweigt die düstere Vergangenheit.

Auf der anderen Seite des Ozeans liegt Amerika –weit entfernt. Lange muss der Weg übers Wasser gedauert haben –Tage, Wochen. Viele überlebten ihn nicht.
Die Wellen schlagen an die Mauern des Maison des Esclaves (Haus der Sklaven). Dunkel ist es in den Räumen. Über jeder Türe hängt ein Schild: «Männer, Kinder, Frauen«, steht darauf. Und im Zentrum des Gebäudes ein Gang, an dessen Ende Licht –der Ausgang in den Untergang. Hier verfrachteten die Europäer die Schwarzen nach Amerika.

Afrikaner für Amerika

Mit der florierenden Plantagenökonomie in Amerika stieg auch die Nachfrage nach Arbeitskräften. So nahm der Dreieckshandel massiv zu. Sklaven wurden von Afrika nach Amerika transportiert. Das dort produzierte Rohmaterial führte man nach Europa, von wo aus die fertigen Produkte zum Austausch gegen Sklaven wiederum nach Afrika gebracht wurden. Es wird geschätzt, dass zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert 20 Millionen Afrikaner gefangen genommen wurden.

Von Frankreich besetzt
Wie viele von ihnen den Kontinent von der Ile de Gorée aus verlassen mussten, ist ungewiss. Auf jeden Fall war die Insel unter den Europäern begehrt. Zuerst besetzten die Holländer sie bis diese von den Franzosen 1677 verdrängt wurden. Frankreich hatte eine weitere Handelsniederlassung im Norden des Landes, in St. Louise. Dies war die erste Niederlassung der Franzosen in Westafrika überhaupt und zudem ehemalige Hauptstadt des Landes. Gorée und St. Louise hatten zusammen mit den Städten Dakar und Rufisque einen Sonderstatus. Alle vier wurden als Teil Frankreichs angesehen und konnten deshalb auch Delegierte in die Französische Nationalversammlung entsenden. Doch auch diese waren meist Weisse. Die Kolonie sandte erst 1914 erstmals einen schwarzen Vertreter nach Paris.

Zerfallende Kolonialhäuser
Nicht nur das Haus der Sklaven, sondern auch die Kolonialhäuser erinnern an die europäische Besatzung. Bunte, meist zweigeschossige Handelshäuser stehen unweit des Ozeans. Die Fassaden blättern ab, die Eisengeländer der Balkone in der zweiten Etage beginnen zu rosten. In der zweiten Etage, wohnten die Europäer, in der unteren hatten sie ihre kleinen Läden. Heute sind diese geschlossen. In einigen Hinterhöfen waschen Frauen ihre Kleider, in der Sonne leuchtende Blumen überwachsen die alten Mauern und Ziegen legen sich an der Häuserfront in den Schatten.

Letzte Botschaften

Heute leben die Afrikaner in den Kolonialbauten und die Touristen betrachten ungläubig die Mauern des Maison des Esclaves. Viele kleine Kritzeleien, letzte Botschaften, flehende Worte sind darauf zu entziffern. Wobei wahrscheinlich genau so viele Einträge noch von Besuchern selbst stammen. Sie schreiben ihre Namen oder einige Worte darauf –aus Anteilnahme, aus Hilflosigkeit, man weiss es nicht.  Ein letzter Blick durch die schmale Öffnung Richtung Ozean und man ist froh, dass auf der anderen Seite der Insel Dakar liegt –und zwar ganz nah