Gesellschaft | 23.04.2007

Küchenträume und göttliche Hilfe

Text von Anina Peter
Übel riechend, schwarze Ringe unter den Augen, zerschnittene Finger und jetzt auch noch ein verstauchter Fuss. Schuld an dieser Misere sind Teller, Pfannen und Grünzeug. Tag und Nacht verfolgen sie mich, ich werde die Dinger nicht mehr los.
Don't worry be happy - manchmal gar nicht so einfach. Fotos: Anina Peter Wedges, Salat, Hummer und Fisch - hungrige Bäuche verursachen viel Arbeit

Tränen strömen mir übers Gesicht, Hände schweissnass, ein Messer in der Faust, bereit wieder zu zuzustechen und den Gegner zu Kleinholz zu zerhacken. Ein tiefer Atemzug, Tränen aus den Augen gewischt, Zähne zusammenbeissen, Hirn abschalten. Ich bin eine Killermaschine, mein Programm: Vernichte alle Zwiebeln. So nehme ich mir den zweiten Eimer vor, Tränendrüsen und ich selbst auf Hochtouren arbeitend, immer den Gedanken im Hinterkopf: „Bald, bald bist du fertig“. Ein Blick zur Seite zerstört diese Hoffnung leider schnell wieder – drei weitere Eimer voll mit den Stinkknollen winken mir erwartungsvoll zu. Positives Denken hin oder her, meine nächsten Stunden stinken wortwörtlich. Ach wie schön ist doch das Leben als Küchengehilfin, ich könnte weinen. Moment mal. Das tue ich ja schon.


Emotionale Beziehung

Da wohne ich nun im idyllischsten Kaff, das ich finden konnte. Sonne, Strand, Spass, Friede, Freude, Eierkuchen wohin man nur blickt. Doch bis auf Letzteres bin ich seit geraumer Zeit mit keinem dieser Dinge in Berührung gekommen. Stattdessen verbringe ich meine Tage und Nächte in einer überhitzten, hektischen Küche, stinke nach Fisch, Muscheln und Zwiebeln und habe an jedem zweiten Finger einen Verband. Dafür habe ich ganz viele neue Freunde, die auf meine Gesellschaft nicht verzichten können. Ihre Namen sind dreckiger Teller, angebrannter Pfannenboden, eingetrocknete Kaffeetasse und verrusster Grillrost. Unsere Beziehung wird von Tag zu Tag emotionaler, wir verbringen ja auch genügend Zeit zusammen. Bin ich verrückt geworden oder einfach übermüdet? Oder etwa beides? Wie konnte es nur so weit kommen mit mir?

Angefangen hat das Ganze vor vier Wochen, harmlos und ohne schlechte Vorahnung. Ein Freund erzählte mir von einer Stelle als Tellerwäscher und Küchenhilfe. Wieso nicht, dachte ich mir, Geld brauch ich, Zeit hab ich, nichts wie los, ich schnapp mir den Job. Gesagt, getan. Noch in derselben Woche wurde ich in das Geheimnis des Abwaschens und Gemüse schnipseln eingeweiht. Mein neuer Arbeitsort sind eigentlich zwei – denn die Abwaschmaschine steht in der Mitte von zwei Küchen – die des exklusivsten Restaurants im Ort und die des Pubs. Somit kommt ein bisschen Abwechslung in den öden Arbeitsalltag – mal müssen Pommes, Burgerresten und Spiegelei mit Bohnen von den Tellern gekratzt, dann wieder Muscheln, Hummerschalen entsorgt und Champagnergläser ausgewaschen werden.


Tellerwäscherinnenkarriere

Zufrieden und stolz war ich auf mich und meinen neuen Job. Täglich von 10 bis 3 Uhr arbeiten, zehn Dollar die Stunde bar auf die Kralle verdienen, Zugang hinter die Bar, gratis Drinks und Essen, was will man mehr? Doch schon nach einigen Tagen änderte sich dieser Traumjob drastisch – die zwei anderen Tellerwäscher kündigten, von neuen Bewerbern keine Spur. Somit hängt es von mir ab ob die Gäste ihr Essen auf sauberen Tellern serviert bekommen. So schlimm kann das nicht sein? Ja, das dachte ich zuerst auch, im Hinterkopf der riesige Haufen Geld den ich nun verdiene. Vom Tellerwäscher zum Millionär, eine Traumkarriere wäre das.

Denkste! Meine anfängliche Motivation ist auf den Nullpunkt gesunken und ich bin zum Geschirrhasser mutiert. Hey, mein Neuseeland-Trip sollte doch eigentlich eine Art Urlaub sein, jetzt arbeite ich mehr auf der Farm als ich in der Schweiz gearbeitet habe. Zwölf Stunden täglich, sieben Tage die Woche ist mein Gehirn ab- und meine Hände auf abwaschen, schneiden und schälen eingestellt. Richtig maschinell geht das. Ab und zu schrecke ich mitten in der Nacht auf, weil ich merke, dass ich imaginäre Teller herum hieve und sauber machen will. Besorgniserregend, ich werde in meinen Träumen von Porzellan verfolgt.  

Ein rettender Unfall

Schliesslich kam mir der Gott des FlipFlops zu Hilfe. Total abgenervt und frustriert, meine Bitte auf einen freien Tag wurde soeben abgelehnt, stampfe ich eines schönen Tages zum Restaurant hinaus. Innerlich brodelnd, verfluche ich meinen Chef, die Köche, die alles anbrennen lassen und sowieso alle Leute, die in Restaurants Essen gehen. In dieser regelrecht blinden Wut, übersehe ich den Randstein, bleibe mit einem meiner FlipFlops hängen und verstauche mir den Fuss.

Gemütlich meinen Kaffee schlürfend, Sonne im Gesicht und drei freie Tage in Aussicht, erscheint mir der Schmerz im Fuss wie ein mickriger Mückenstich. Das einzige schlechte Gefühl kommt auf als ich die leere Kaffeetasse zurück auf den Tisch stelle. Irgendein armer Mensch, versteckt in der Küche, einen Minimallohn beziehend, abgesperrt von der Sonne, aufgeweichte schrumplige Hände, mit zerschnittenen Fingern ohne Nägel eingetrocknete und ausgespuckte Essensreste von Tellern kratzend, wird auch diese Tasse abwaschen müssen. Mitleid oder Schadenfreude? Mitleid! Jedes Mal wenn ich nun in einem Restaurant esse, versuche ich so wenig Dreck wie möglich zu hinterlassen. Dies bringt mir zwar ab und zu komische Blicke ein, gaukelt mir aber auch das süsse, wohlige Gefühl vor, einem anderen Menschen geholfen zu haben.