Kultur | 23.04.2007

Klapp ein Buch auf

Text von Andrea Würsten
Lesen lässt Mauern einstürzen, Mauern die den eigenen Horizont begrenzen. Am Welttag des Buches stand die Leserschaft im Zentrum. Tink.ch fragte bei sechs junge Leserinnen und Leser, welche Werke und Autoren sie lesen und uns weiterempfehlen.
Papierknistern in der Zürcher Bahnhofshalle. Fotos: Andrea Würsten. Nebst Lyrik mag Maurice (20) Aldous Huxley und Philosophie à  la Nietzsche. Wie viele Studierende ist auch Felix (20) mit Pflichtlektüre überhäuft worden. Was Felix vor wenigen Jahren gelesen hat, liest Peter heute. George (33) liest quer durch -“ Gedichte, Erzählungen bis zu 20 Minuten. Auch Dominique (20) studiert wie Maurice an der SAL.

Maurice:

«Willst du dich wirklich mit RMR ablichten lassen?», wird Maurice (23) von der Kollegin nebenan stirnrunzelnd gefragt. Der antwortet, «na klar doch, das habe ich ausgeliehen gekriegt». Die drei Buchstaben sind in gold auf den braunen Leinenumschlag geprägt. Auf dem Buchrücken ist zu lesen, Rainer Maria Rilke, Gedichte Band 1. Maurice studiert angewandte Linguistik an der SAL in Zürich.

Felix:

Das Studium in Politikwissenschaften lässt dem in den Aargau ausgewanderten Zürcher kaum Zeit zum Bücherlesen. Während der Kanti-Zeit hätten ihm Werke von Franz Kafka gut gefallen, gerne erinnert er sich an «Der Prozess». Mit Genuss verschlungen habe er damals auch «Der Sandmann» von E.T.A. Hoffmann. Findet er doch mal Zeit zum genüsslichen Lesen, dann sei es Stoff aus dem Tages-Anzeiger und dem Geo.

Peter:

Er ist noch im Gymnasium, an den grossen Schriftsteller gibt es kein Vorbeikommen. Ebenfalls gerne liest der Stadtzürcher Werke des weltgewandten Briten Philip Pullmann. Oder dann blättert er in Kurzgeschichten und Comics. Aber in erster Linie seien es schon Dramen und Romane, die er verschlinge.

George:
George liest an der Bookparade eine deutsche Autorin, die sich immer wieder dezidiert politisch äussert. Dann blitzt in Elke Heidenreich die Journalistin auf. George hat nicht nur deutsche Bücher Zuhause in Zürich stehen. Der 33-Jährige liest auch in Französisch, Portugiesisch und Spanisch. Zudem verfolgt er das Geschehen im Fernsehen und in der Printpresse. Le Matin, Tages-Anzeiger, Blick und 20 Minuten. 

Dominique:
Ihre Tipps sind für einmal nicht aus dem Genre Lyrik. Die 20-jährige Leseratte aus Wädenswil wollte sich zuerst nicht ablichten lassen. Ob dem Gespräch über Elfriede Jelinek, Literaturnobelpreisträgerin aus Oesterreich, verfliegen die Bedenken im Nu. Verschenkt hat sie schon des Öfteren den Titel «Ansichten eines Clowns» von Heinrich Böll. Für die Lesung während der heutigen Bookparade hat sie ein Roman von Birgit Vanderbeke ausgewählt.

Parade ohne Parolen und ohne Musik – dafür mit Poesie

Die erste Buchparade vermochte über hundert Leseratten auf die Strasse zu locken. Sie zelebrieren den Genuss des Lesens am Welttag des Buches und erklären neugierigen Zuschauerinnen und Zuschauern am Strassenrand breitwillig, warum die Aktion notwendig ist. Nur jede zweite Person in der Schweiz nimmt sporadisch ein Buch zur Hand. Es ist nicht eine Frage der Zeit, sondern der Einstellung.

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