Gesellschaft | 30.04.2007

Immer wieder Bombenalarm

Walpurga Nägeli wird dieses Jahr 83 Jahre alt und hat schon viel erlebt. Im Interview mit Tink.ch erzählt sie über die Zeit, als sie 16 Jahre alt war: Die harte Ausbildung, die Angst nach dem Kriegsausbruch und die erste Liebe.
Walpurga Nägeli und ihre Geschwister. Fotos: ZVG Die junge Frau bei der Arbeit am Webstuhl. Ein Bild aus vergangenen Tagen. Walpurga heute in ihrem Garten. Und bei ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Lesen.

„Ich wuchs in Basel auf und besuchte dort die erste Rudolf Steiner Schule in der Schweiz. Der Umzug ins Berner Oberland auf den Hasliberg war ein richtiger Kulturschock für mich. Alles war neu, alles war anders. Es war eine völlig neue Welt für mich, dort oben in den Bergen. In meiner Klasse waren 25 Buben und ich war das einzige Mädchen. Als der Krieg ausbrach, mussten alle Lehrer Wehrdienst leisten. Ich war 16 Jahre alt, als ich die Schule beendete. Danach erhielt ich die Zusage für eine Lehre als Weberin im Heimatwerk in Brugg. Auf meiner ersten Fahrt dorthin stiegen hunderte Soldaten in den Zug ein, denn es war die zweite Mobilmachung der Schweizer Armee. An allen Bahnhöfen winkten die Frauen und Kinder zum Abschied. Manche weinten, andere hatten Angst. Das war sehr eindrücklich. Ich erinnere mich noch genau an diesen Moment.

20 Rappen für den Krieg

Angekommen in Brugg begann ich meine zweijährige Ausbildung zur Handweblehrerin. Ich war damals sehr arm. Gerade mal 4.80 Franken „Taschengeld“ stand mir pro Monat zur Verfügung. Vom Fünfliber flossen nämlich noch 20 Rappen in die Landesverteidigung. Ich wohnte für wenig Geld bei einer Familie, aber dafür musste ich ihnen auf dem Lande helfen. Das war mit der Ausbildung zusammen eine sehr strenge Arbeit. Wir Lehrlinge mussten dann auch Landdienst leisten und in der Stadt, auf kleinen Wiesen oder Fussballplätzen, allerlei Gemüse anbauen oder Bucheckern zur Gewinnung von Öl sammeln. Immer wieder ertönte der Bombenalarm, denn Brugg liegt fast an der Grenze. Als Freiburg zugebombt wurde, haben wir alles aus der Ferne mit angehört. Wir hatten natürlich Angst und mussten oft in den Luftschutzraum fliehen. Das war aber keine Übung, sondern totaler Ernst. Wir konnten auch nicht weg, sondern waren einfach da. Wir überwanden aber unsere Angst.

„In den Läden gab es keine Milch“

Meine Mutter unterhielt eine Art Kinderheim auf dem Hasliberg mit bis zu 20 Kindern. Im ersten Kriegsjahr, als ich einmal nach Hause gehen durfte, mussten meine Schwester und ich immer auf der Mägisalp Milch holen. Das waren fast 800 Höhenmeter Unterschied. Jeden Morgen um fünf Uhr zogen wir los und schleppten 10 bis 15 Liter Milch auf dem Rücken den Berg hinunter. Da alle Sennen an der Grenze waren, mussten wir alles selber besorgen. Milch in den Läden gab es nicht. In unserer Freizeit suchten wir zwei uns eine Höhle, in der wir uns verstecken wollten, falls Hitlers Armee in die Schweiz einfallen würde. Sogar Essen und Wolldecken haben wir bereits dorthin verfrachtet. Dazu haben wir Schweizer Lieder geübt, damit die Deutschen dann merken würden, dass wir Schweizer sind und sie uns verschonen würden. Hitler geisterte während der Kriegszeit immer wie ein Schreckensgespenst in unseren Köpfen umher.

„Ich las unendlich viel“

Nach dem Krieg war die Lehre zu Ende und ich unterrichtete überall in den Dörfern Spinnen und Weben. Damals war diese Arbeit noch sehr nützlich und auch wichtig, da man noch nicht so viele Kleider kaufen konnte wie heute. Eigentlich wollte ich ja Ärztin werden. Aber ohne das nötige Geld konnte ich mir die Ausbildung nicht leisten. Dafür hatte ich alles, was mich interessierte, in Büchern gelesen. Ich las unendlich viel. Ab und zu habe ich auch Bilder gezeichnet. Vor allem, als ich Ernst kennen gelernt habe. Ich war 17, für kurze Zeit auf dem Hasliberg in den Ferien, und besuchte an einem Sommerabend mit einer Freundin den Brünig-Schwinget. Nach den Wettkämpfen gab es traditionsgemäss Tänze. Meine Freundin verschwand danach einfach. Plötzlich sprachen mich sechs junge Hasliberger an und fragten nacheinander, ob sie mich nach Hause begleiten dürfen. Ich sagte allen ab. Schliesslich blieb nur noch Ernst übrig und er sagte: „So darf ich halt mit dir gehen.“

Briefpost während fünf Jahren

Wir haben uns vorher nicht gekannt. Er war Bauer und Schriftsteller und meine Mutter hatte mir einmal zu Weihnachten ein Buch von ihm geschenkt. Damals wusste ich aber noch nicht, wer er ist. Während der Lehre und in der Zeit danach haben wir uns dann immer Briefe geschrieben. Fünf Jahre lang. Die Briefe konnte ich mir leisten, da er ja an der Grenze stationiert und Militärpost gratis war. Wir haben lange gewartet, bis wir uns richtig geliebt haben. Mit 22 Jahren heiratete ich dann Ernst und gebar fünf Kinder. Er war damals 28 Jahre alt. Die Briefe von ihm und die von mir habe ich heute noch allesamt. Sie haben vor einiger Zeit durch verschiedene Zufälle alle wieder zusammengefunden. Sie erfreuen mich heute noch sehr.“

Steckbrief:


Walpurga Nägeli wurde am 27. März 1924 geboren und lebte 14 Jahre in Dornach, danach auf dem Hasliberg und in Brugg. Ihre Mutter war Gärtnerin, der Vater Kunstmaler. Sie hatte sechs Geschwister und machte eine Ausbildung als Handwebinstruktorin. Sie hat fünf Kinder und sechs Enkel und war 50 Jahre mit Ernst Nägeli verheiratet, bevor er am 12. August 1996 starb.