Kultur | 23.04.2007

„Erschlagen von der Farbenpracht“

Text von Daniela Dambach | Bilder von Sabine Heinold
Vor einem Jahr erst hat sie ihre Abschlusskollektion "Go Wild, Oscar" an der Diplommodeschau des Instituts für Modedesign in Basel präsentiert. Bei der Show 2007 ihrer Nachfolgeklasse sass sie im Publikum. Wie sich diese Perspektive anfühlt und was die Zukunft bringt, verrät Sabine Heinold im Interview.
Sie verreist nicht ohne ihre Stricknadeln: Sabine Heinold.
Bild: Sabine Heinold

Genau ein Jahr nach dem ersten Interview treffen wir uns in einer gemütlichen Spelunke in Basel, nahe dem Kasernenareal. Dort fand soeben die Abschlussmodeshow 2007 statt.

Welche Trends bringt der kommende Sommer mit sich?

Das Spiel mit Volumen und Körperbetontheit, Weiten und Engen ist ein bedeutungsvolles Thema. Feminine Details wie Schleifen, Fransen und Satin werden aktuell. Trends sind auch schwarz-weiss-Kombinationen, Bermudas und Leggins. Was definitiv nicht mehr aus dem Schrank und an den Damenfuss darf, sind spitzige Schuhe!

Vor einem Jahr bist du eine der Diplomandinnen gewesen, heute warst du Zuschauerin. Wie hat dir die Show gefallen?
Für mich waren die Darbietungen von besonderem Interesse, weil ich alle Diplomanden persönlich kenne. Im Vorfeld habe ich gewisse Erwartungen entwickelt, die einige mit ihren Designs übertroffen haben und andere eben nicht.    
In der Show waren aktuelle Modeströmungen wahrzunehmen und einige Designs könnten gar potentielle Trends von Morgen sein. Wichtig ist, ob die kreative Leitidee des Modeschöpfers konsequent und schlüssig in eine ganzheitliche Kollektion umgesetzt wurde.

Wie hast du dich als Zuschauerin gefühlt – wie war für dich dieser Perspektivenwechsel?
In erster Linie habe ich mich gefreut, etwas präsentiert zu bekommen. Wenn man selber eine Kollektion entwirft, begleitet man das Entstehen und erlebt das Geschehen dementsprechend aus einem andern Blickwinkel. Da ich dieses Jahr nicht persönlich involviert war, konnte ich die Kollektionen mit erhöhter Objektivität betrachten. Ich habe gemerkt, dass sich mein Gespür für Mode innerhalb dieses Jahres weiterentwickeln hat. Meine Betrachtungsweise ist heute qualifizierter und meine fachlichen Kenntnisse sind auf einem höheren Level als vor einem Jahr.

Inspirieren dich Shows wie diese?

Es spielen sich automatisch Denkprozesse ab. Ich denke dann darüber nach, was ich anders gemacht hätte, wie ich dieses oder jenes Detail weggelassen oder anders kombiniert hätte.  

Im vergangen Jahr ist viel passiert. Was waren deine Highlights?

Ein absoluter Glücksfall war, dass ich unmittelbar nach dem Diplom einen Job in einem Designbüro für Sportbekleidung gefunden habe. Das Arbeitspensum von 60% hat mir die ideale Plattform geboten, um Zeit für meine eigenen Arbeiten aufzuwenden. Eine Freiheit, die ich seit der Schulzeit nicht geniessen durfte.
Das Highlight schlechthin war der Gewinn des Annabelle Modepreises. Ein Erfolg, der völlig unerwartet eintraf und vorerst alles in meinem Leben auf den Kopf gestellt hat.   

Der Gewinn des Annabelle Modepreises «Stella Contemporary Fashion Award»2006 ermöglicht dir ein Zwölfmonatiges Praktikum beim renommierten Modelabel Emilio Pucci in Bologna. Wie hast du dich auf diese Herausforderung vorbereitet?
In Gedanken habe ich mich auf das Kommende vorbereitet und mich noch intensiver mit Mode befasst. Ich habe vermehrt Modeshops besucht, versucht Modeströmungen aufzunehmen und Trends zu erkennen. Mein besonderes Augenmerk galt den Eigenschaften und der Beschaffenheit von High-End-Mode (Mode von sehr hoher Qualität, Anm.d. R.).

Was macht das Traditionslabel Pucci einzigartig?

Da die krassen Muster und grellen Kolorierungen dominierend sind, sind die Schnitte schlicht und auf ein Minimum reduziert. Ich habe mich bei Besuchen in Pucci-Shops mit dem Stil vertraut gemacht und mich mit den Designs auseinandergesetzt. Die Qualität der Verarbeitung ist beeindruckend. Auch in meiner eigenen Kollektion habe ich mit Farben und Mustern gearbeitet. Dennoch ist der Stil von Pucci ganz ein anderer, die Farbigkeit hat andere Dimensionen. Es war eher Liebe auf den zweiten Blick, denn im Shop war ich zunächst regelrecht «erschlagen» von dieser Farbenpracht – aber das ist charakteristisch für die Marke Pucci.   

Wie wird deine Arbeit bei Pucci aussehen?
Darüber habe ich kaum Informationen. Ich weiss nicht, was mich konkret erwartet.
Ich werde mit der Assistentin von Chefdesigner Matthew Williamson zusammen arbeiten. Sie entwickelt zwei Kollektionen pro Jahr. Ich werde Einblicke in die Produktion bekommen, da sich die Produktionsstätte von Pucci in Bologna befindet.

Wirst du auch eigene Designs realisieren können?

Ich habe erst im Nachhinein erfahren, dass ich als Junior Designerin angestellt werde. Meine Aufgabe liegt also darin, kräftig mitzuzeichnen. Natürlich ist ungewiss, ob einer meiner Entwürfe umgesetzt wird. Hoffen darf ich das aber allemal, denn immerhin habe ich ein Jahr zur Verfügung, um mit meinen Entwürfen zu punkten! Meine Kreativität werde ich wohl nicht in vollem Masse ausleben können –  höchstens in Gedanken. Aber ich werde wichtige Erfahrungen und Inspirationen für mein zukünftiges Schaffen sammeln. Ich reise jedoch nicht ohne mein Nähzeug und meine Stricknadeln nach Italien!

Mit dem Gewinn des Modepreises bist du ins Rampenlicht gerückt. Wie hast du den Umgang mit den Medien erlebt?

Teilweise schwierig. Man muss erfahrungsgemäss enorm aufpassen, was man von sich preisgibt. Oft hat die Presse kein wahres Interesse an der Persönlichkeit, sondern nur an der Konstruktion einer leserkonformen Geschichte. Sich klar auszudrücken ist wichtig, um zu vermeiden, dass einem nicht das Wort im Munde umgedreht wird. Auch das Gegenlesen von Artikeln vor der Publikation ist ein Muss.  
Ich finde es schade, dass meist die Privatperson im Interesse der Medien steht und nicht die Ideen und Werke des Künstlers. Es sollte umgekehrt sein!  

Du warst eben noch in New York. Wie war’s?

Es war ein tolles Erlebnis in die verschiedenen multikulturellen Welten einzutauchen und die Einflüsse von Mode, Kunst und Kultur aufzusaugen. Es war ein Gefühl von Freiheit, in der Masse untertauchen zu können.  

Welche Eindrücke von New York haben dich geprägt?

Dass man sich nicht von seinem Umfeld beirren lassen und sich nicht einschränken soll in seinen verrücktesten Fantasien und Ideen, nur weil dies von den Mitmenschen als komisch wahrgenommen werden könnte.

Ein Ausblick in die ferne Zukunft: Wie sieht dein Leben in acht Jahren aus?
Momentan spüre ich das Bedürfnis nach einer fremden Stadt – einer Grossstadt, in die ich ab- und eintauchen kann. Aber in acht Jahren wird womöglich das Thema Familie wichtig sein, ich möchte der Karriere wegen nicht darauf verzichten. Es müsste unbedingt möglich sein, beides unter einen Hut zu kriegen.