Gesellschaft | 02.04.2007

Ein Schlafsprecher aus Kanada

Text von Anina Peter
Vor fünf Wochen habe ich Whitianga, ein lebendiges Nest an der Ostküste der Nordinsel, zu meiner neuen Wahl- und Traumheimat erkoren. Um in diesem Paradies zu leben, nehme ich auch gerne fremde Schnarchgeräusche, Videoattacken und schreiende Zimmergenossen in Kauf. So ist nun mal das Leben in Hostels.
Wozu einen angenhemen Zimmergenossen haben, wenns auch anders geht? Fotos: Anina Peter Die Idylle trügt. Oder doch nicht? The Cat's Pyjamas heisst die Unterkunft.

Nach wochenlangem Herumreisen und Zigeunerleben verspürte ich das Bedürfnis wieder einmal sesshaft zu werden. Meine Wahl fiel auf Whitianga, ein Städtchen mit 5000 Einwohnern, unzähligen Traumstränden vor der Haustüre und so ziemlich allem was das Herz sonst noch begehrt. Mit Sack und Pack, Koffer und Schlafsack bin ich in das am meisten heruntergekommene Hostel eingezogen und habe mich einigermassen wohlig eingenistet. Als Putze und Mädchen für alles bin ich zum offiziellen Crewmitglied erkoren worden, übernachte gratis und habe mit dem Gastgeberpärchen eine Art neue Grosseltern gewonnen. Umgeben von Kleiderbergen, Rucksäcken und fünf anderen Zimmergenossen gebe ich nun jede Nacht mein Bestes wenigstens einige Stündchen Schlaf zu finden. Gar nicht so einfach, denn mit jedem neuen Hostelgast wartet eine neue Herausforderung auf mich.

Beim Schlafen gefilmt
Jeder Schläfer hat so seine Ticks und Tücken, was zwar an den Nerven zerrt aber auch unglaublich lehrreich ist. Zum Beispiel wusste ich bisher nicht wie viele Arten zu Schnarchen existieren, da werden ganze Symphonien komponiert, Mozart ist ein Nichts dagegen. In der Sparte der „Schlafsprecher“ führen wohl die Kanadier die Rangliste an. Der Eindrücklichste riss mich mit schallendem Gelächter und Riesengeschrei aus dem Schlaf: „Ay dude! It’s allright just do it, dude! Hahahaha! Ay dude, come on, nobody cares!“  Eher schockierend war der eine Morgen, als ich aufwachte und gezwungenermassen in eine Kameralinse blinzelte. Zwei mir unbekannte Spassvögel standen neben meinem Bett, gefährlich nahe fand ich. Kamera auf mich gerichtet, das verräterische rote Videolicht blinkend, starren mir die Beiden ebenso geschockt ins Gesicht wie ich in ihr Objektiv. Schlaftrunken und ungläubig schloss ich meine Augen noch mal – als ich meine Glubscher wieder öffnete, rannten die  Beiden gerade zum Zimmer hinaus und wurden nimmer gesehen. Was auch immer filmenswert war, ich hoffe einfach nicht, dass ich nun sabbernd, schnarchend und babbelnd von einer Homepage zu downloaden bin.

Selbsternannte Priester

Doch auch die ältere Generation der Hostelgäste wird mir in bleibender Erinnerung bleiben. Besonders zwei ältere Ehepaare haben es mir angetan. Das eine versuchte mich im stundenlangen Gespräch und allen Mitteln zum Glauben an Jesus zu bekehren. Die beiden selbsternannten Priester gaben erst Ruhe als ich Ihnen versprach den Gedanken an ein Leben mit Jesus im Herzen wenigstens in Erwägung zu ziehen. Schlussendlich musste ich mit den Beiden unzählige Male Fotomodell stehen, schliesslich sähe ich aus wie der Zwilling ihrer Tochter. Das zweite Pärchen folgte mir auf Schritt und Tritt, löcherte mich mit Fragen und Bitten und bot mir schlussendlich Geld an um wieder gut zu machen, dass sie mir auf die Nerven gegangen sind.

Irgendwann ists genug
Das alles mag nun eher fragwürdig tönen, aber das Hostelleben hat auch seine guten Seiten. So viele verschiedene Persönlichkeiten, Bekanntschaften und Kulturen in einem Haus. Spannende Gespräche und Diskussionen, spassige Stunden, viele gute Erfahrungen und Erkenntnisse. Nein, ich möchte diese Erfahrung auf keinen Fall missen. Aber irgendwann ist es genug und so ziehe ich nach fünf Wochen als Teil der Hosteleinrichtung mit zwei Kollegen in eine Wohngemeinschaft. Endlich wieder ein eigenes Zimmer, ein gewisses Gefühl von Beständigkeit und Familie. Ach, ich habe das Gefühl ich werde alt und bünzlig.